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Biographie Wilhelm Köhler : Vom kreativen Lehrling zum Vorstand

1939 errichtet: Verwaltung der Goebel AG in Darmstadt Bild: Hessisches Wirtschaftsarchiv

Wilhelm Köhler sollte Arzt werden, er wurde aber Chef der Maschinenfabrik Goebel AG. Seine Biographie spiegelt vier Epochen deutscher Geschichte.

          Eigentlich war der schnelle Aufstieg zum Unternehmens-Vorstand nur eine Notlösung. Denn Wilhelm Köhler wollte Arzt werden, wie sein Vater. Auf die Welt kam er 1897 als Sohn des Leiters des Offenbacher Stadtkrankenhauses und wuchs in einer großbürgerlichen Familie auf. Nach dem Einsatz als Soldat im Ersten Weltkrieg studierte er unter anderem in Frankfurt Medizin. Doch dann, im Jahr 1923, in wirtschaftlich schwieriger Lage, schlug er einen ganz anderen Weg ein: Keine Arbeit als Arzt, sondern in einer Fabrik – und das als Lehrling.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Denn für junge Mediziner war es keine gute Zeit: Auf eine Stelle als Assistenzarzt hätte Köhler Jahre warten müssen, und eine Tätigkeit als praktischer Arzt war in Zeiten der Inflation kaum auskömmlich. So begab er sich in die – von seinem Vater geringgeschätzte – Welt der Industrie und begann die Ausbildung bei der renommierten Maschinenfabrik Goebel in Darmstadt. Schon zwei Jahre später war er dort Direktor, nach weiteren zwei Jahren Vorstand.

          „Patriarch alter Schule“

          Nachgezeichnet hat diesen Werdegang der Hamburger Historiker Josef Schmid. Die Biografie wurde von Köhlers Tochter Lotte in Auftrag gegeben. Auch deshalb, weil sie ihrem Vater in früheren Veröffentlichungen ungerecht behandelt sah, vor allem, was sein Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus angeht, wie Schmid schreibt. Für seine Biografie konnte er auf eine Vielzahl an historischen Dokumenten zurückgreifen. Lotte Köhler hatte schon 2009 einige biografische Texte ihres Vaters herausgegeben. Doch die neue Biographie steht auf breiterer Basis: Die Tochter stellte dem Biographen unveröffentlichtes Material, das bis in die Schulzeit zurück reicht, zur Verfügung.

          Darunter vor allem den privaten Briefverkehr des Vaters. Für Schmid waren diese Schriftstücke eine „einzigartige Fundgrube für Details“ und ermöglichten es ihm, die Handlungsmotive Köhlers zu verstehen. Mit der Lebensgeschichte Köhlers hat der Biograf auch ein Stück Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Denn in der Biographie spiegeln sich vier Epochen: das ausgehende Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazi-Diktatur und die frühe Bonner Bundesrepublik.

          Schmid sieht Köhler als vielschichtige Persönlichkeit, wie er bei einer Buchvorstellung in der Industrie- und Handelskammer Darmstadt sagte, im Betrieb ein autoritärer „Patriarch alter Schule“, aber genauso ein sozial denkender Chef. In den fünfziger Jahren wurde er ein „typischer Vertreter der von Ludwig Erhard propagierten Sozialen Marktwirtschaft“, sagte Schmid.

          Zwei Prägungen

          Schon als Lehrling zeigte er Kreativität, denn er begann einen Devisenhandel und half dem Unternehmen damit in Zeiten der rasenden Entwertung der heimischen Währung. Das war auch eine Hilfe für die Mitarbeiter, denn so konnte ein Teil der Löhne in Dollar ausgezahlt werden. Auch später setzte Köhler auf Innovation und legte größten Wert auf die Entwicklungsabteilung des Maschinenherstellers.

          Drehen und fräsen: Arbeiter der Goebel AG in Darmstadt
          Drehen und fräsen: Arbeiter der Goebel AG in Darmstadt : Bild: Hessisches Wirtschaftsarchiv

          In schwierigen Zeiten reduzierte er die Arbeitszeit, eine Art Kurzarbeit also. Damals eine revolutionäre Methode. Wenn er aber Entlassungen für notwendig hielt, dann hat er sie auch mit voller Härte praktiziert. Diese Vielschichtigkeit erklärt der Biograph mit zwei Prägungen: dem großbürgerlichen Elternhaus und den Erlebnissen im Fronteinsatz des Ersten Weltkriegs, zu dem er sich mit 17 Jahren freiwillig gemeldet hatte.

          Großmutter war Jüdin

          Vom Vater übernahm Köhler Leistungsorientierung, aber auch Sturheit und Selbstbewusstsein gegenüber Autoritäten. So hatte er schon als Gymnasiast den Ruf, aufsässig zu sein, und geriet später durch seinen Widerspruchsgeist beim Militär mit Vorgesetzten aneinander. Doch im Krieg lernte er auch, mit Menschen umzugehen, die nicht aus einer bürgerlichen Schicht, sondern aus dem Arbeitermilieu stammten.

          Als widersprüchlich erscheint Köhler auch in den Jahren nach 1933. Denn er lehnte den Nationalsozialismus zwar ab, er blieb aber politisch unauffällig, um Familie und Firma über die Zeit zu bringen. Mal passte er sich an, um sich Handlungsspielraum zu erhalten, mal agierte er mit „aktiver Verweigerung“, wie Schmid schreibt. Bei all dem musste er verheimlichen, dass eine Großmutter Jüdin gewesen war, in der Terminologie des Regimes war er „Vierteljude“. Mit der Fabrik beteiligte er sich an der Kriegswirtschaft, setzte auch Zwangsarbeiter ein. Das Urteil des Biographen lautet: Köhler war weder Nationalsozialist noch Widerstandskämpfer, blieb als Unternehmer „in vergleichsweise großer Distanz zum Regime“.

          Josef Schmid: Freiheit und soziale Verantwortung. Der Unternehmer Wilhelm Köhler von 1897 bis 1962. Göttingen, 2016 (Wallstein-Verlag).

          Quelle: F.A.Z.

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