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Bikerpfarrer Thorsten Heinrich Guter Hirte in Motorradkluft

05.02.2012 ·  In Diedenbergen lebt der neue Bikerpfarrer Thorsten Heinrich. Er tritt die Nachfolge von Ruprecht Müller-Schiemann.

Von Heike Lattka, Hofheim
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Der große Bruder hat es vorgemacht: Der düste mit dem Moped durch die Straßen und weckte in Thorsten Heinrich den Wunsch, es ihm gleich zu tun: Die große Freiheit kam mit dem Führerschein und der ersten Maschine, einer 185er mit gerade mal 16 Pferdestärken, daran erinnert sich der Achtundvierzigjährige heute noch gerne. Das Hobby ist nun Teil des Berufs geworden: Heinrich, der sich seit Dezember im Hofheimer Stadtteil Diedenbergen eine Pfarrstelle mit seiner Ehefrau Ivonne teilt, wurde Anfang des Jahres neuer Bikerpfarrer. Er trat die Nachfolge von Ruprecht Müller-Schiemann an, der 30 Jahre lang ein offenes Ohr für die Männer und Frauen auf ihren röhrenden Öfen hatte.

Es sei eine sehr umfangreiche Ausschreibung der beiden Landeskirchen Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck gewesen. Die Frage, ob ein Bewerber im Besitz eines Motorradführerscheins ist, wurde allerdings nicht gestellt. Für den Seelsorger gehört dieses spezielle Lebensgefühl, das alle Biker teilten, allerdings zu der neuen Aufgabe dazu: „Ich spreche die gleiche Sprache, bin da glaubwürdig.“ Er sei allerdings keiner der Vollgas gebe, eher könne man ihn Motorradwanderer bezeichnen.

„Blechbüchse“ statt Auto

Schon 1983 besuchte der Pfarrer auf dem Kirchentag in Hannover seinen ersten Tourenrad-Gottesdienst, er bildete mit Frankfurter Kommilitonen eine Motorradgruppe und war oft dabei, wenn große Gottesdienste gestaltet werden mussten. Auch wenn er sich heute im Auto nicht mehr ganz so eingesperrt fühle wie früher, so bleibe es für ihn doch immer noch die „Blechbüchse“. Im Frühling, das teilt Heinrich mit Tausenden, kribbelt es wieder, da kommt der Drang, die Maschine endlich aus der Garage zu holen. Und seine Frau steigt dann auf den Sozius, auch wenn sie kurz vor der Hochzeit selbst den Motorradführerschein gemacht hat.

Ganz normale Menschen vom Banker bis zum Handwerker seien Biker, widerspricht Heinrich jedwedem Rockerklischee. Freilich gehe es bei den Gottesdiensten mit Schlagzeug und E-Gitarren vielleicht etwas lauter zu, wenn 25000 Menschen in Motorradkluft die neue Saison feierten. Biker schätzten klare Worte. Dafür dichte er schon einmal Psalmen um oder erzähle Märchen neu: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schnellste im ganzen Land.“ Rücksichtnahme, Respekt untereinander seien genauso ein Thema wie die richtige Schutzkleidung. Heinrich kennt die Biker als eine ganz treue Gemeinde: Wenn die lange Listen der Toten verlesen würden, könne man eine Stecknadel fallen hören.

Ausgebildeter Feuerwehrmann

Er wolle sich nicht damit abfinden, alljährlich eine Kleinstadt an Menschen zu opfern, die auf den Straßen ihr Leben verloren hätten, sagt Heinrich. Als ausgebildeter Feuerwehrmann, der zuletzt 14 Jahre als Notfallseelsorger im Westerwald im Einsatz war, erlebte er viele schwere Unfälle, musste Hinterbliebene aufsuchen, ihnen Todesnachrichten überbringen. Und selbst war er auch schon Opfer, lag nach einem Sturz von der Maschine hilflos am Straßenrand und keiner hielt an, um zu helfen. Zwar kam Heinrich mit einer Prellung der Schulter und dem Schrecken davon. Danach sei er aber erst einmal mit „innerer angezogener Handbremse“ gefahren.

In Diedenbergen steigt er derzeit selten auf das Motorrad: erst der Umzug, nun der Papierkram. Die Bürokratie halte ihn auf. Und die Gemeinde in Diedenbergen sollen den „bunten Hund“, der schließlich schon vor 14 Jahren einmal sein Vikariat in dem Dorf absolvierte, erst einmal kennenlernen. Ob das im Talar vor dem Altar geschehe oder beim alljährlichen „Anlassen“ als Hirte in Motorradkluft, das mache für ihn keinen Unterschied. Berührungsängste in Diedenbergen spüre er nicht, im Gegenteil. Er sei mit den Nachbarn und dem Postboten gerade schon wegen der gemeinsamen Leidenschaft für Zweiräder ins Gespräch gekommen.

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Jahrgang 1960, Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

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