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Veröffentlicht: 09.03.2016, 15:42 Uhr

Neu gewählte AfD-Vertreter Biedermänner und Brandstifter?

Die große Unbekannte: Die wenigsten Vertreter der AfD, die demnächst den Kommunalparlamenten angehören werden, haben eine politische Vorgeschichte. Eine Spurensuche.

© Marcus Kaufhold „Wer ist Herr Lorenz?““: Wiesbadener AfD-Spitzenkandidat Müller kennt den CDU-Fraktionschef nicht

Wussten die Wähler der Alternative für Deutschland (AfD), wen sie wählen? Und wissen die Vertreter der anderen Parteien, mit wem sie es künftig in den Kreistagen und in einigen Stadtverordnetenversammlungen zu tun bekommen? Die Antwort lautet: Eher nicht. Und beide Gruppen stören sich offenbar nicht daran. Für viele Protestwähler ist es zweitrangig, wer sie vertritt. Und die etablierten Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD kategorisch aus.

Es ist schwer, sich ein Bild von der personellen Zusammensetzung der AfD zu machen und daraus Rückschlüsse auf die politische Haltung ihrer Vertreter in der Region zu ziehen. Unter den vielen Männern und wenigen Frauen, die demnächst in die Kommunalparlamente der Rhein-Main-Region einziehen werden, befindet sich niemand mit regionaler, geschweige denn nationaler Bekanntheit. Die AfD ist eine Partei der Unbekannten, die womöglich sogar ein undeutliches Selbstbild hat.

Kommunalpolitisch erfahrener Zahnarzt

Das zeigt sich etwa daran, dass die Frankfurter AfD gestern erst einmal einen Fotografen beauftragt hat. Bisher gab es nur Fotos der ersten acht Kandidaten, es könnte aber sein, dass am Ende mehr AfD-Bewerber in den Römer kommen. Mit Abstand der bekannteste und politisch erfahrenste Mann der Frankfurter AfD ist Spitzenkandidat Rainer Rahn. Der 64 Jahre alte Zahnarzt im Ruhestand begann seine kommunalpolitische Laufbahn bei der Bürgerinitiative der Flughafenausbaugegner, später schloss er sich als Einzelstadtverordneter der FDP-Fraktion an, tat sich danach mit anderen Außenseitern zu einer Kleinstfraktion zusammen, bevor er schließlich Mitglied der AfD wurde. Rahn kann witzige Reden halten, aber viele im Rathaus bringt er mit seiner Besserwisserei in Rage. Mit rechtsextremen Positionen ist er bisher nicht aufgefallen.

Auf eine ähnlich bewegte politische Vita wie Rahn blickt auch Hans Mohrmann. Der Spitzenkandidat der AfD für den Kreistag von Darmstadt-Dieburg hat sich in den neunziger Jahren in der Darmstädter Kommunalpolitik einen Namen gemacht: Er saß von 1992 bis 1996 für die Grünen ehrenamtlich im Darmstädter Magistrat, überwarf sich dann mit der Partei, trat der FDP bei und aus ihr wieder aus, das Gleiche geschah dann auch mit der CDU. In Darmstadt unterhält Mohrmann eine Anwaltskanzlei, er wohnt in Ober-Ramstadt, bezeichnet sich als liberal-konservativ und will mit dem Höcke-Flügel der Partei nichts zu tun haben.

Kommunalwahl 2011 - Die Fraktion der Flughafenausbaugegner (FAG) stellt in Frankfurt das Programm und die Kandidaten für die Kommunalwahl vor. © Wolfgang Eilmes Vergrößern Der bekannteste und politisch erfahrenste Mann der Frankfurter AfD: Rainer Rahn

Das gilt auch für die Vertreter der Darmstädter AfD, die sich öffentlich geäußert haben. Spitzenkandidat Siegfried Elbert, ein Maschinenbauingenieur, und der frühere Journalist und Professor für Medieninformation Wolfgang Schöhl werden der neuen Stadtverordnetenversammlung angehören. Beide sind Politik-Novizen und gaben sich am Wahlsonntag moderat. „Wir sind viel liberaler, als wir dargestellt werden“, sagte Elbert. Schöhl verwies auf das Wahlprogramm, das keinen Grund gebe, „um die Antifa zu schicken“. Darin fänden sich viele Dinge, „die nichts mit den Flüchtlingen zu tun haben“.

Zu den Kandidaten mit Chancen auf ein Mandat zählen Thomas Arend auf Platz vier und Reinhard Ballhorn. Ahrend ist Verwaltungsangestellter in einem Wohlfahrtsverband und war früher für das Rote Kreuz und Ärzte ohne Grenzen tätig. In der Kommunalpolitik will er sich für eine bessere Integration einsetzen, was nur gehe, wenn man in der Zuwanderung „Maß und Mitte“ halte. Der Geowissenschaftler Ballhorn war früher beruflich im Umweltschutz tätig und will sich auf diesem Gebiet nun politisch engagieren. Auf der Internetseite der AfD versichert er, bei ihm könne man „keinen Hinweis auf rechtspopulistische Ansätze“ finden.

Erfahrung mit dezidiert rechten Positionen

Einem ähnlichen Milieu wie Ballhorn scheint auch Wolfram Maaß aus Linsengericht zu entstammen. Der 69 Jahre alte promovierte Physiker steht an der Spitze der AfD im Main-Kinzig-Kreis und ist auch Sprecher des Arbeitskreises „Energie“ der hessischen AfD. Maaß wendet sich in dieser Funktion gegen einen Ausbau der Windenergie in Hessen, weil er zu einer „schlimmeren Zerstörung unserer Natur führen“ werde.

Peter Münch, bekanntester Kopf der AfD im Hochtaunus, hat dagegen Erfahrung mit dezidiert rechten Positionen. In den neunziger Jahren war der Bad Homburger Mitglied der Republikaner und kandidierte auch für deren Landesvorsitz. Am Sonntagabend war er aber vor allem deswegen ein gefragter Mann für Interviews, weil er einer der drei Landessprecher der AfD ist. Er wird als Spitzenkandidat für beide Gremien künftig sowohl der Bad Homburger Stadtverordnetenversammlung als auch dem Kreistag angehören.

Wenn die AfD mit neun Abgeordneten in den Kreistag des Hochtaunuskreises einzieht, wie es das Trendergebnis andeutete, gehört mit Michael Dill auch ein ehemaliger CDU-Mann zur AfD-Fraktion. Dill unterlag 2009 mit erst 27 Jahren als Steinbacher CDU-Parteivorsitzender dem FDP-Konkurrenten Stefan Naas. Zu jener Zeit war er persönlicher Referent des damaligen Staatsministers Jürgen Banzer (CDU).

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Der Spitzenkandidat der AfD im Main-Taunus-Kreis, der Sulzbacher Polizeibeamte Hendrik Lehr, ist bisher kommunalpolitisch nicht in Erscheinung getreten. Einzig der auf der AfD-Liste für den Kreistag des Main-Taunus-Kreises Zweitplatzierte ist ein bekanntes Gesicht: Gernot Laude war bis 2011 FDP-Stadtverordneter und ehrenamtlicher Stadtrat in der Kreisstadt Hofheim.

In der Stadt und im Kreis Offenbach findet sich nur ein AfD-Vertreter mit politischer Vorgeschichte: Die Dietzenbacher AfD-Liste führt der Pensionär Heinrich Eckert an, der dort vor längerer Zeit schon einmal Stadtverordneter für die damaligen Bürger für Dietzenbach/FWG war; dem Kreistag gehörte er von 2001 bis 2006 für die FWG an.

„Wer ist Herr Lorenz?“

Im Rheingau-Taunus-Kreis werden in der AfD-Fraktion keine im Kreis bekannten Gesichter vertreten sein. Einen Schritt nach vorn auf der 20 Namen umfassenden AfD-Liste dürfte vom letzten Platz allerdings Vorstandsmitglied Ulrich Thurmann aus Walluf machen. Der frühere Ministerialbeamte und CDU-Politiker war im ersten Kabinett von Roland Koch Staatssekretär im Umweltministerium und saß lange Jahre in der Wallufer Gemeindevertretung. 2006 hatte er in Walluf nach innerparteilicher Kritik alle Ämter niedergelegt. Vor gut zwei Jahren wechselte er zur AfD.

Ganz ohne Galionsfigur ist es dem Kreisverband Groß-Gerau gelungen, auf Anhieb wohl drittstärkste Fraktion im Kreistag zu werden. Auch die AfD in Wiesbaden kam ohne politische Erfahrung aus. Mehr noch, die Kandidaten hatten sich vor dem Wahlkampf offenbar sehr wenig mit der Wiesbadener Kommunalpolitik beschäftigt. Das zeigt die Tatsache, dass der Spitzenkandidat Eckhard Müller Mitte Oktober den Chef der CDU-Fraktion nicht kannte. Er fragte im Gespräch mit dieser Zeitung allen Ernstes: „Wer ist Herr Lorenz?“

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