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Bibelzitate in der Stadt Wiesbadener hält sich für Gott

 ·  Ein Eiferer beschriftet seit mehreren Jahren Werbeflächen mit Bibelzitaten und üblen Sprüchen.

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„Der Mann ist offensichtlich überzeugt, Gott zu sein. Und er ist nicht zu bremsen.“ Mit diesen Worten beschreibt die Wiesbadener Ordnungsdezernentin Birgit Zeimetz (CDU) ein Phänomen, das ihr seit fünf Jahren mehr und mehr zu schaffen macht. Der siebenundvierzigjährige Oliver D. bekritzelt die Werbeflächen in der Innenstadt so intensiv mit Bibelzitaten und eigenen Sprüchen, dass Zeimetz von einem öffentlichen Ärgernis spricht. Doch die Stadt sieht sich nicht in der Lage, dem Treiben ein Ende zu bereiten.

Als es im Jahr 2007 seinen Lauf nahm, reagierte die Stadt zunächst sehr entschlossen. Auf der Grundlage eines ärztlichen Gutachtens und einer richterlichen Anordnung verfügte sie eine Zwangseinweisung. Aber schon nach zwei Tagen durfte Oliver D. die psychiatrische Klinik wieder verlassen. Die rechtliche Voraussetzung für den stationären Aufenthalt, die sogenannte Eigen- oder Fremdgefährdung, lag nicht vor.

„Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen“

Seitdem kann der siebenundvierzigjährige Wiesbadener aus dem Stadtteil Sonnenberg sich den Litfaßsäulen und Plakatwänden der Innenstadt nahezu unbehelligt widmen. Manche seiner Sprüche sind inhaltlich, für sich genommen, nicht zu beanstanden. „Der Gott, der aus der Finsternis Licht leuchten ließ“ steht beispielsweise in großen Druckbuchstaben auf dem weißen Untergrund einer Lifaßsäule an der Bahnhofstraße. Dabei arbeitet Oliver D. präzise. Als Quelle nennt er das vierte Kapitel des zweiten Korintherbriefes. Aber oft genug beschmutzt er die Reklameflächen auch mit Sprüchen der übelsten Sorte. So bietet er beispielsweise seine Dienste als Exorzist an: „Frau gehorcht nicht? Ist besessen? Will nicht unterworfen sein? Erkennt Mann als Haupt und Gebieter nicht an?“ Die Antwort auf diese Fragen: „Jetzt kann nur Jesus helfen.“ Weil Oliver D. sich selbst in dieser Rolle sieht, gibt er seine Adresse mitsamt der Telefonnummer an.

Die Staatsanwaltschaft hat angesichts derartiger Vorkommnisse schon vor Jahren aufgrund eines ärztlichen Gutachtens die „Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen“ festgestellt. Damit sind dem Rechtsstaat die Hände gebunden. Oliver D. macht sich zwar seit Jahren wieder und wieder der Sachbeschädigung schuldig. Aber er kann davon weder mit Geldbußen noch mit Freiheitsentzug abgehalten werden.

Rund 20.000 Euro Schaden im Monat

Solange sich keine Veränderung des Geisteszustandes erkennen lasse, gebe es keinen Anlass für ein neues Gutachten, erklärt Hartmut Ferse, der Sprecher der Wiesbadener Staatsanwaltschaft. Auch auf dem zivilrechtlichen Wege ist dem Siebenundvierzigjährigen nicht beizukommen. Er gilt als mittellos. Dabei arbeitete Oliver D. einst als erfolgreicher Unternehmer. Familiäre Zerwürfnisse sollen ihn aus der Bahn geworfen haben. Als ihm die Behörden einen Betreuer zur Seite stellen wollten, wehrte er sich mit Erfolg dagegen. An Intelligenz scheint es ihm nicht zu mangeln. Beim Beschriften der Plakate geht er systematisch vor. In der Innenstadt gibt es kaum eine Straße, in der er nicht seine bizarren Spuren hinterlassen hat.

Leidtragender ist vor allem die WallAG. Seit April 2011 zahlt das Berliner Unternehmen der Stadt Wiesbaden jährlich 1,5 Millionen Euro, um dafür die öffentlichen Werbeflächen zu vermarkten. Dazu gehören nicht nur die modernen Vitrinen und mit Licht unterlegten Tafeln an Bushaltestellen und Toiletten, sondern auch die althergebrachten Klebesäulen und Plakatwände. Sie betrachtet Oliver D. nach wie vor als sein wichtigstes Betätigungsfeld. Die Schäden, die er dort anrichtet, beziffert die Sprecherin der Wall AG auf rund 20.000 Euro im Monat. Kaum seien die Beschriftungen überklebt, würden sie aufs Neue beschmiert, heißt es in Berlin. Das verursache enorme Personalkosten. Außerdem beklagten sich die Werbekunden, wenn ihre Reklame permanent verunstaltet werde.

Sie nehmen ihm die Stifte weg

Inzwischen lässt die Wall AG ihre Flächen durch einen privaten Sicherheitsdienst überwachen. Das kostet sie nach eigenen Angaben noch einmal rund 20.000 Euro pro Monat. Mehrfach habe man Oliver D. auf frischer Tat ertappt. Um der Staatsanwaltschaft die Höhe des Gesamtschadens vor Augen zu führen, werde jeder Einzelfall angezeigt. In einer Woche könne das 30 Mal vorkommen.

Die Wall AG teilt mit, dass es nicht allein um eine erhebliche Sachbeschädigung gehe, sondern teilweise auch um Inhalte, die von strafrechtlicher Bedeutung seien und entsprechend verfolgt werden müssten. Bis es so weit ist, können die Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes nur tun, was sie schon seit Jahren tun. „Wenn wir ihn erwischen, nehmen wir ihm die Stifte weg.“

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Jahrgang 1963, Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

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