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Bestenliste des Architekturmuseums : Raffiniert inszenierte Sehnsuchtsorte

Idylle im Kiefernwald: Das „Atelier st“ schuf ein Waldhaus für eine Laubenkolonie in Brandenburg. Bild: Huthmacher, Werner

Das Frankfurter Architekturmuseum hat wieder die Bestenliste eines Jahrgangs erstellt. Im Fokus steht das Hambacher Schloss.

          Auf den ersten Blick wirken sie echt. Fuchs, Eichhörnchen, Dachs und Rabe trollen sich auf den Bildern des Waldhauses, das märchenhaft in einem tief eingeschneiten Winterwunderland steht. Der Fotograf hat die ausgestopften Tierkadaver geschickt für das Motiv drapiert. Das ist nicht nur ein gelungener Witz; das inszenierte Idyll verweist wie ein Kommentar auf das doppelbödige Spiel des Architekturbüros Atelier st. Genaugenommen ist dessen Waldhaus in der Mark Brandenburg nämlich ebenso wenig „echt“ wie seine tierischen Vorgartenbewohner. Das archaisch wirkende Haus ist ein Neubau, der sich stark am abgerissenen Original aus den Zwanzigern orientiert, das der Architekt Sebastian Thaut vom Großvater erbte. Die detailverliebte Neuinterpretation ist geglückt: ein 62 Quadratmeter großer Sehnsuchtsort, nah an der Natur.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Das Waldhaus zählt zu den 19 besten deutschen Bauten des Jahres 2012. Das Frankfurter Architekturmuseum zeigt die um drei Werke deutscher Architekten im Ausland erweiterte Auswahl in Form von Bildtafeln und Modellen im dritten Stock. Den DAM Preis für Architektur in Deutschland, also für das beste Gebäude seines Jahrgangs, hat das Waldhaus aber nicht errungen. Er wird heute Abend an Max Dudler verliehen, für seinen so ehrfurchtsvollen wie kunstvollen Umgang mit dem Hambacher Schloss. Wie schon in den vergangenen Jahren wird damit wieder ein Beispiel für gelungenes „Weiterbauen“ ausgezeichnet. Das wirkt in seiner Häufung fast schon erzieherisch. Denn die Aufgabe, behutsam mit dem Bestand umzugehen, gewinnt an Bedeutung.

          Einer der Besten seines Fachs

          Max Dudler, der schon in der vergangenen Ausgabe des Jahrbuchs mit seinem Berliner Grimm-Zentrum präsent war, zeigt eindrucksvoll, dass er zu den Besten seines Fachs gehört. Er behandelt die historische Bausubstanz nicht nur respektvoll und sensibel, er setzt sie auch in Szene. Der Schweizer Architekt hat die das Schloss umlaufende Mauer als begehbaren Raum aus gelbem Sandstein fortgesetzt und dort ein Restaurant verborgen, aus dessen Fenstern man wie in einer Galerie den Pfälzer Wald in Ausschnitten sieht. Diese Bilder kehren in der Ausstellung im „Haus im Haus“ als viereckige Fotos wieder - Dudlers Hommage an seinen Lehrmeister Oswald Ungers, den Architekten des DAM. Das Beispiel zeigt, dass der Umgang mit dem überkommenen Material besondere Raffinesse erfordert.

          Ebenso wie in die von Christina Gräwe kuratierte Ausstellung lohnt ein Blick in den Katalog. Dort befasst sich der Architekturkritiker Bernhard Schulz mit konservativen Tendenzen der Gegenwartsarchitektur, als Beispiel dient ihm der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler und dessen steinerne, städtische Architektur. Ein zweiter Essay ist den „Weißen Elefanten“ gewidmet, also den ungenutzt verwitternden Großbauten nach Sportveranstaltungen. Verfasst hat ihn der Frankfurter Stadtplaner Stefan Klos.

          Respektloser Umgang mit der Umgebung

          Das Architektur-Jahrbuch bietet einen Querschnitt durch die deutsche Architektur. Mit dem herausragenden Städel-Erweiterungsbau von Schneider + Schumacher und Tobias Rehbergers Spiralbrücke über den Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen sind Frankfurter Architekten und Künstler vertreten; Hessen kommt insgesamt gut weg: Das dezent in die Topographie des Bergparks Wilhelmshöhe eingefügte Besucherzentrum von Staab Architekten am Kasseler Herkulesdenkmal konkurrierte gar um den ersten Preis.

          Allmann Sattler Architekten zeigten am Beispiel der Münchner Stachus-Passagen, wie man eine düstere B-Ebene aufwerten kann. Eine weitere Aufgabe verweist indirekt auf Frankfurt: Das Büro Schulz&Schulz hat ein aus den siebziger Jahren stammendes Hörsaalgebäude der Universität Erlangen-Nürnberg vorbildlich saniert. Das erinnert an den Campus Bockenheim und die Diskussion über die Kramer-Bauten. Befremdlich, dass es der „Metropol Parasol“ von Jürgen Mayer H. in Sevilla auf die Bestenliste geschafft hat. Mag dort auch viel über die hölzerne Steckverbindung, die einen Platz überspannt, diskutiert worden sein. Respektloser kann man mit der Umgebung kaum umgehen.

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