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Bertelsmann-Studie : Streit um Lehrermangel in Grundschulen

Kein Unterricht: In vielen Grundschulen fällt Unterricht aus, weil es nicht genug Lehrer gibt (Symbolbild). Bild: dpa

Vielen hessischen Grundschulen fehlen Lehrer. Verbände kritisieren die Personalplanung der Landesregierung. Das Kultusministerium weist die Kritik zurück.

          Lehrerverbände geben der Hessischen Landesregierung die Schuld am Personalmangel in den Grundschulen. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen sprach von einer „Personalplanung im Blindflug“. Die Berechnungsgrundlagen für den Lehrerbedarf seien lückenhaft und veraltet. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte, die Arbeitsbedingungen in den Schulen zu verbessern. Nur so ließen sich zusätzliche Kräfte gewinnen. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) sagte, der aktuelle Bedarf sei nicht vorherzusehen gewesen. Außerdem habe das Land schon wirkungsvolle Schritte unternommen, um kurzfristig Personallücken zu schließen und langfristig für mehr Nachwuchs zu sorgen.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auslöser der Diskussion ist eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, laut der bis 2025 bundesweit knapp 105000 neue Grundschullehrer benötigt würden, die Universitäten bis dahin aber nur 70000 Absolventen ausbilden könnten. Die Autoren gehen davon aus, dass in den nächsten sieben Jahren 60000 Lehrkräfte in den Ruhestand gehen und ersetzt werden müssen. Weitere 26000 Pädagogen seien nötig, um die bis dahin steigenden Schülerzahlen aufzufangen. Für den Ausbau von Ganztagsschulen würden außerdem 19000 Lehrer benötigt. In der Zeit nach 2025 entspanne sich die Lage wegen der demographischen Entwicklung wieder.

          Viele Lehrerinnen in Teilzeit

          Die Forscher sehen drei Möglichkeiten, den vorübergehenden Bedarf abzudecken. Sie schlagen vor, den überwiegend weiblichen Grundschullehrkräften, von denen 40 Prozent in Teilzeitarbeit arbeiten, Anreize zum Aufstocken zu bieten. Auch könnten Pädagogen, die kurz vor der Pensionierung stehen, weiter unterrichten. Allerdings sei es nur schwer einzuschätzen, wie diese Angebote angenommen würden. Außerdem schlagen die Autoren vor, Quereinsteiger ohne Grundschulstudium einzusetzen.

          Der hessische Kultusminister Alexander Lorz (CDU), zurzeit Vizepräsident der Kultusministerkonferenz, sagte gestern, ein „Weckruf“ der Stiftung sei nicht nötig. Alle Bundesländer seien sich der Lage bewusst und ergriffen schon landesspezifische Maßnahmen. Ursachen des derzeit hohen Bedarfs an Grundschulkräften seien die steigenden Geburtenzahlen und vor allem die Zuwanderung.

          Veraltete Erhebungen

          In Hessen seien die Bertelsmann-Vorschläge, etwa die Erhöhung des Stundendeputats von Teilzeitkräften und der Einsatz von Pensionären, bereits verwirklicht. Darüber hinaus habe das Land die Kapazitäten für die Studiengänge Grundschul-Lehramt und Förderschul-Lehramt zu diesem Wintersemester um 315 Plätze ausgeweitet. Dies entspreche einer Steigerung um 50 Prozent. Der Doppelhaushalt 2018/19 werde eine weitere Steigerung um 90 Plätze vorsehen. Darüber hinaus habe das Land schon im vergangenen Jahr Programme zur Weiterbildung für die Lehrämter an Grund- und Förderschulen ins Leben gerufen. So seien rund 220 Lehrkräfte gewonnen worden.

          Der VBE-Landesverband kritisiert, dass der Bedarf an Lehrkräften in Hessen anhand unvollständiger und veralteter Erhebungen ermittelt werde. Nötig sei eine Prognose auf solider Datengrundlage. Erfasst werden müssten die Zahlen der Schüler, der Studienanfänger, Studienabbrechern und Absolventen. Zudem müsse berücksichtigt werden, dass es Jahre dauere, bis die jetzigen Lehramtsstudierenden an den Schulen ankämen.

          Von den Lösungsvorschlägen der Bertelsmann-Studie hält der VBE-Landesvorsitzende Stefan Wesselmann nicht viel. Es sei angesichts der Belastung der Grundschullehrer kaum vorstellbar, dass sie freiwillig mehr arbeiten wollten. Die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald betrachtet den Einsatz von Quereinsteigern skeptisch. Mehr als zehn Prozent der Lehrer an hessischen Grundschulen verfügten nicht über die der jeweiligen Stelle entsprechende Qualifikation. „Diese Mangelsituation hat mit der systematischen Abwertung des Berufs zu tun.“

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