Er ist einer, zu dem Stillstand einfach nicht passen will und für den ein Wort wie Ruhestand bedeutungslos ist. Bernd Eisenblätter ist im Grunde immer in Bewegung: Gerade kehrte der Vorstandssprecher der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aus Rio de Janeiro zurück, davor stand China im Terminkalender. Obwohl eigentlich am vergangenen Sonntag der letzte Arbeitstag des Siebenundsechzigjährigen gewesen ist, seine Nachfolgerin Tanja Gönner schon erste Interviews gibt, wickelt „der Alte“, wie ihn 1800 Mitarbeiter in Eschborn und 17 000 weltweit liebevoll nennen, noch jede Menge Termine ab. Ehefrau Claudia, eine ehemalige Balletttänzerin, muss sich im Mainzer Penthouse sicherlich kein Beschäftigungsprogramm für ihren quirligen Ehemann ausdenken. „Um Gottes willen - ich verspüre keinerlei Lust auf einen Schrebergarten“, bekennt er. Auch für Rosenpflege à la Adenauer fühle er sich noch viel zu jung.
Wie viele Flugmeilen Eisenblätter in den vergangenen 19 Jahren im Dienste des Unternehmens in der Luft verbrachte, kann er nicht beziffern. Genau weiß der gebürtige Ostpreuße aber, wie viele Kilometer sein Fahrer ihn unfallfrei durch die Republik brachte: Es sind so viele, als hätte er ihn zwölf Mal um den Erdball kutschiert. Der treue Fahrensmann gehe mit ihm in Rente. Jetzt habe er tatsächlich etwas Neues zu lernen: das Rückwärtseinparken, scherzt Eisenblätter.
„Gefährlicher Mann“
Der Weltenbummler mit dem Blick fürs Wesentliche wird gewiss auch diese Hürde der automobilen Technik ohne Schwierigkeiten überwinden: Was sollte sich schon einem in den Weg stellen, der als Wirtschaftsboss dem Leben eine abenteuerliche Komponente abgewann, der für Auslandskonferenzen in eine Bleiweste schlüpfte. Bunt war sein Leben immer: Maler mit 19 Jahren, Hochschulmeister und Beinahe-Olympiateilnehmer im Ruder-Vierer als Student. Er entdeckte die Schönheiten des Amazonas und die Weiten der Mongolei, war später Gastprofessor der Ain-Shams-Universität in Kairo, wo ihn Fundamentalisten als „gefährlichen Mann“ einstuften.
Erst 1986 wurde der Globetrotter wieder in Deutschland sesshaft, zunächst bis 1993 als Leiter der Programmabteilung des Deutschen Entwicklungsdienstes, danach im Dienste der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Deren Fusion mit dem Deutschen Entwicklungsdienst und der gemeinnützigen Gesellschaft für Internationale Weiterbildung zur GIZ an den Standorten Eschborn und Bonn betrieb er federführend als Integrationsfigur.
Unternehmerische und wirtschaftliche Eigenständigkeit beibehalten
Eisenblätter hinterlässt ein bestelltes Feld: In seiner Ägide verdoppelten sich die Einnahmen des Dienstes auf zwei Milliarden Euro. Doppelt so hoch wie bei seinem Amtsantritt als GTZ-Geschäftsführer - nämlich 270 Millionen Euro - seien inzwischen auch die Einnahmen aus dem nicht gemeinnützigen Tätigkeitsfeld. Die GIZ stieg unter Eisenblätter zum größten europäischen Anbieter und zum zweitgrößten der Welt für „International Services“ auf. Die GIZ erledige Aufträge nicht nur für das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Das Auswärtige Amt beauftrage das Unternehmen mit Projekten in dreistelliger Millionenhöhe - die Arbeitsfelder führten vom Kosovo bis nach Afghanistan. Die GIZ fungiere als Dienstleister der gesamten Bundesregierung, sagt der bisherige Chef.
An dieser unternehmerischen und wirtschaftlichen Eigenständigkeit sollte man festhalten, rät er. Dies sei die einzige Ausrichtung, die das Unternehmen zukunftssicher mache. Sozialromantische Neigungen von Mitarbeitern erstickt der promovierte Politikwissenschaftler im Keim: „Wir sind kein Tendenzbetrieb.“ Wenn es um Werthaltig- und Nachhaltigkeit gehe, um das Organisieren von Prozessen und den Aufbau von Strukturen, könne die GIZ kompetenter Partner sein. Das erweiterte Geschäftsmodell erlaube nun auch den Einsatz in Deutschland - oder auch in Griechenland, wo der Aufbau solider Verwaltungsstrukturen an erster Stelle stehe.
Ansporn für künftige Taten
Dort wo die Komplexität des Lebens permanent zunehme, sieht Eisenblätter die GIZ in Zukunft gefordert. Wie sich die sozialen Netzwerke auswirkten, könne heute noch keiner sagen. Aber die Welt verändere sich. Neugierig bleiben, intellektuelle Kompetenzen erwerben nennt er als Lebensmotto, aber ebenso als unternehmerisches Ziel.
Dass „der Alte“ seine Ansprüche mit viel menschlicher Wärme durchzusetzen verstand, belegen die dargebrachten Abschiedsgeschenke: Die Azubis übergaben ein Eisenblätter-Konterfei als Collage aus den Bildern aller Lehrlinge; die Kindergartenkinder überreichten ihm ein riesiges, selbstgemaltes Klatschmohnbild.
Ein Präsent - der abmontierte, frühere Schriftzug „GTZ“ in leuchtendem Rot, der nun sperrig den Weg zum Schreibtisch versperrt - macht den Weltgewandten zumindest kurzzeitig etwas ratlos. Wohin damit? Vielleicht bietet sich zu Hause in der privaten „Folterkammer“ - zwischen Laufband, Gewichtheber und Rudergerät - dafür ein Plätzchen. Ein Ansporn für künftige Taten wäre es allemal.