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Kurs für Hauptschüler : Benimm dich, Alter!

Nur reißen: Mikael Horstmann erklärt den Schülerinnen Rauan (links) und Annika (rechts), dass man Brot nicht schneidet Bild: Wolfgang Eilmes

In der Frankfurter Villa Bonn lernen Hauptschüler, wie man das Besteck richtig hält. Und dass Manieren gar nicht so uncool sind.

          Zu Frauen bin ich cold, und beim Doubletime bin ich hart“, rappt Dervis, seine Kumpels nicken beifällig. Doubletime, das heißt doppeltes Tempo, und in dem stößt der Siebzehnjährige die Silben mit gedämpfter Stimme hervor. Die Mädchen, denen gegenüber er angibt „kalt“ zu sein, rollen mit den Augen. Doch nicht hier, denken sie. Denn die Hauptschüler sind nicht am Höchster S-Bahnhof - sondern beim gesetzten Essen in der Villa Bonn im Westend.

          Livia Gerster

          Redakteurin im Ressort Politik der F.A.Z.

          Schwere Samtvorhänge, weißes Tischtuch und für jeden der vier Gänge ein eigenes Silberbesteck - die 10. Klasse der Höchster Kasinoschule isst in ungewohnter Umgebung zu Mittag. „Immer mit dem äußeren Besteck anfangen“, referiert Manieren-Coach Mikael Horstmann. Er leitet den Benimmkurs, den Schulleiter Thomas Förster mit der Berner-Stiftung initiiert hat, um die Hauptschüler auf das Berufsleben vorzubereiten. „Damit sie bei der Betriebsfeier von Sanofi oder der Stadt Frankfurt wissen, wie man sich benimmt“, sagt Walter Rau von der Stiftung. „Tolle junge Leute“ seien das. Doch manche kämen aus zerrütteten Familien, ihre Eltern hätten selbst zu kämpfen. „Da bleiben die Kinder auf der Strecke.“

          Pünktlich und zuverlässig sein

          Die Erziehung übernimmt deshalb die Schule: „Wir wollen unseren Schülern Werte vermitteln, ihnen beibringen, pünktlich und zuverlässig zu sein“, sagt Schulleiter Förster. Dafür sei es wichtig, sie an der Gesellschaft teilhaben zu lassen - auch an jener, mit der die Hauptschüler noch nicht in Berührung kamen: der feinen Frankfurter Gesellschaft, die sonst in der Villa Bonn verkehrt.

          In der Hauswirtschaft, im Service und in der Gastronomie hätten ihre Schüler gute Chancen, sagt Klassenlehrerin Kerstin Döring. Damit sie dort nicht hilflos sind, üben sie heute, wie man einer Dame aus dem Mantel hilft, was man beim Essen mit der Serviette macht und wie man ein Glas hält.

          Das Mittagessen beginnt mit der größten Herausforderung, die ein Lunch so bieten kann: Rucola. „Das ist noch schwerer als Hummer“, sagt Horstmann. Denn Salat dürfe man nie schneiden, nur falten - bei den langen Blättern schwer, ohne das Dressing zu verspritzen. Klassenlehrerin Döring findet das gut: „Damit man den Endgegner kennt“, sagt sie lachend.

          Stimmt, eigentlich sei das hier so ähnlich wie bei der Playstation, bestätigen die Jugendlichen. Oder eben beim Rap. Man müsse sich behaupten, dürfe sich nicht einschüchtern lassen. Schon den ganzen Vormittag haben sie sich um die Wette benommen: Wer kann am meisten Olivenkerne unfallfrei vom Mund auf die Gabel zum Teller befördern? Statt Battle-Rap Manieren-Battle. Nur eben ohne Dissen und Beleidigen.

          „Nicht so dumm wie du“

          „Mich regt auf, dass die Rapper immer so frauenfeindlich sind“, sagt die 17 Jahre alte Rauan. „Aber ich find’s gut, wenn die über so Tatsachen rappen.“ „Eine Tatsache ist zum Beispiel, dass du dumm bist“, provoziert ein Klassenkamerad von der anderen Tischseite. „Nicht so dumm wie du, denn du bist dümmer als Patrick von Spongebob“, kontert sie. Und hat die Lacher auf ihrer Seite. „Ist ein bisschen wie bei ,Fuck ju Göhte‘ hier“, erklärt ihre Freundin Annika. Der Film über die Hauptschulklasse ist ihr Lieblingsfilm, nicht nur weil Elias M’Barek so heiß ist, sondern auch, weil die Klasse ähnlich verrückt sei wie die ihrige.

          „Das Brot wird nur gerissen, aber nie geschnitten“, unterbricht Knigge-Leiter Horstmann die Tischgespräche und hat sofort alle Aufmerksamkeit. Er achtet darauf, auch immer zu erklären, warum: „Früher lag das Brot nicht auf einem Brotteller, sondern dem Tisch, und man will ja nicht in den Tisch schneiden.“ Das leuchtet den Schülern ein, artig nehmen sie das Messer nur, um die Butter zu verstreichen. Einer von ihnen hat so viel Respekt vor dem Messer, dass er die Gabel nimmt. „Alter, doch nicht mit der Gabel!“, erzieht ihn sein Tischherr sogleich. Die Jungs prusten los, dabei spritzt die Suppe auf das Tischtuch.

          Hier stört das aber keinen. „Die sollen ja auch Spaß haben“, sagt Horstmann. Rauan hört ihm schon den ganzen Tag besonders aufmerksam zu: „Damit ich meine Schwiegermutter später beeindrucken kann“, sagt sie. Ihren Kontrahenten aus dem vorherigen Wortgefecht interessiert das weniger. Er wolle zur Bundeswehr, da habe sowieso keiner Manieren. Doch plötzlich überlegt er es sich anders: „Obwohl, vielleicht wenn ich eine Freundin habe, dann helfe ich ihr in den Mantel“, sagt er. „Das zieht.“

          Schulleiter Förster erklärt seinen Schülern leise, dass die Berner-Stiftung diesen Tag finanziert habe. „Ach echt?“, fragt Dervis. Und klopft zur Überraschung des Direktors mit seinem Dessertlöffel ans Glas. Plötzliche Stille. „Aufstehen!“, flüstert einer. Erstaunt über die eigene Courage, setzt er unsicher an: „Äh, wir wollten“, er blickt zu Boden. Dann, fester: „Wir wollten der Berner-Stiftung vielen Dank sagen.“ Rauan zückt ihr Handy, die Mädchen kichern: „Das stell ich auf Snapchat“, sagt sie stolz. So sehen die App-Nutzer, dass Dervis nicht nur rappen kann, sondern auch Reden halten. Manieren-Battle gewonnen.

          Quelle: F.A.Z.

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