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Beinhaus in Oppenheim : Schädel und Knochen von Tausenden Verstorbenen

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Gebeineund Totenschädel: Das Beinhaus von Oppenheim gehört zu den größten in Deutschland. Bild: dpa

Das Beinhaus in Oppenheim ist bis an die Gewölbedecke mit Skeletten vollgeschichtet. Es ist das größte seiner Art in Deutschland.

          Gespenstisch und geheimnisvoll schimmert ein goldener Totenkopf aus dem obskuren Halbdunkel eines Kellergewölbes. Seine leeren Augenhöhlen sind tiefschwarz. Durch ein Eisengatter ist nur schemenhaft zu erkennen, was sich unter der Friedhofskapelle der Oppenheimer Katharinenkirche Unheimliches verbirgt.

          Dann knipst der Küster Richard Betcher das Licht an. Im Beinhaus, auch Karner oder Ossuarium genannt, stapeln sich bis unter die Decke die Knochen von rund 20.000 Oppenheimer Bürgern - mehr als in anderen deutschen Beinhäusern. In der Stadt am Rhein wurden zwischen 1400 und 1750 die unverwesten Gebeine von Verstorbenen nach einer gewissen Liegezeit vom Friedhof in den rund 70 Quadratmeter großen Karner umgebettet. Als Folge der Hungersnöte, Kriege und Seuchen mangelte es nämlich vom 14.Jahrhundert an an Grabplätzen.

          Kompromisslos auf den Glauben eingelassen

          Der katholische Glaube verheiße den Christen eine körperliche Wiedergeburt am Tag des Jüngsten Gerichts, sagt Küster Betcher. Dafür seien die Karner da: „Hier wird das Versprechen der Auferstehung gewährt.“ Es sei üblich gewesen, die menschlichen Überreste in der Umgebung des Kirchenaltars zu belassen. Sie sollten immer nahe einer Heiligenreliquie bleiben.

          Während in Ossuarien in Bayern, Österreich oder Tschechien die Knochen mitunter kunstvoll drapiert worden seien, hätte sich die Kirche in Oppenheim „kompromisslos auf den Glauben eingelassen: ohne Mätzchen“, erklärt der Küster die einfache Bauweise des Gewölbes.

          Unter der Kirche versteckt

          Heutzutage zieht das Beinhaus große und kleine Gruselfreunde an: Im Sommer gibt es täglich bis zu fünf Führungen. „Besonders die Kinder sind vollkommen unbefangen und ganz emotional“, sagt Betcher und zeigt auf die abgeriebenen Stellen an einigen Schädeln. Dort, wo Kinderhände die Knochen auf Echtheit prüfen, glänzt es elfenbeinern durch den grauen Kalkbelag. Manchmal muss der Küster den Entdeckerdrang ein wenig zügeln: „Pietätvoll muss man schon sein.“

          Knapp 25 Kilometer rheinaufwärts liegt die kleine Gemeinde Westhofen. Dort ist ein Beinhaus direkt unter der katholischen Kirche versteckt. „Als es vor 30 Jahren entdeckt wurde, war das eine Sensation“, sagt Küster Klaus Rink. Erst bei Renovierungsarbeiten an der Kirche war man durch Zufall auf das Totengewölbe gestoßen - nach rund 400 Jahren des Vergessens. In den Westhofener Karner kommen jedoch keine Touristen. „Man will den Toten ihre Ruhe lassen“, sagt der Küster und steigt durch eine enge Falltür im Kirchenraum hinab in den kalten, düsteren Keller. Auf reichlich 50 Quadratmetern liegen Schädel und Knochen bis zu einer Höhe von anderthalb Metern, rund 3000 Menschen sollen es sein. Es wird angenommen, dass die Gebeine ursprünglich bis unter die Decke gereicht haben, im Laufe der Zeit aber in sich zusammengesunken sind.

          Studierende brachten bemalten Schädel mit

          Beinhäuser wie dieses waren in katholischen Gegenden keine Seltenheit. „Sie sind von Nordeuropa bis Italien allgegenwärtig gewesen“, sagt Archäologe und Beinhaus-Experte Jörg Scheidt. In Deutschland gibt es heute nur noch einige: Karner mit wenigen tausend Individuen findet man in den bayerischen Orten Cham und Greding sowie im rheinland-pfälzischen Alken. Die Tradition der Totengewölbe endete, als im 18. Jahrhundert Friedhöfe auch außerhalb der Kirchumfriedung angelegt wurden. Von diesem Zeitpunkt dann gab es genügend Platz. In Oppenheim werden aber auch heute noch Knochen ins Ossuarium gebracht, die bei Bauarbeiten in der Stadt gefunden werden.

          In vielen Karnern hat zudem die Reformation dazu geführt, dass Reliquien an Bedeutung verloren und so die Skelette aus den Beinhäusern verschwanden. Nicht so in Oppenheim: Als im Jahr 1565 die Katharinenkirche evangelisch wurde, hat sich am ursprünglich katholischen Brauch nichts geändert. „Die Bürger haben sich gegen die Kirche durchgesetzt, wenn es um Auferstehung ging, waren sich alle einig.“ Das sei quasi Ökumene gewesen, sagt Küster Betcher. Auch abseits des Christentums sorgen die Oppenheimer Toten für Erzählstoff: Am Vorabend des Siebenjährigen Krieges sollen sich die ungeordneten Knochen um Schlag Mitternacht erhoben haben. In Vorahnung des kommenden Blutvergießens hätten sich die Skelette in Schlachtreihen angeordnet, um als feindliche Truppen gegeneinander zu kämpfen. Nach der Geisterstunde seien sie wieder krachend in sich zusammengefallen. So lautet die Sage.

          Und was hat es nun mit dem goldenen Totenkopf auf sich? Nichts besonderes, meint der Küster. Vor ein paar Jahren hätten Studierende einen Film im Karner gedreht und für eine mystische Stimmung den bemalten Schädel mitgebracht. Nach den Arbeiten hat er in Oppenheim seine letzte Ruhe gefunden - unterm Goldanstrich ist er nämlich echt.

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