In Wiesbaden sollen mehr Schüler mit und ohne Behinderung in allgemeinen Schulen gemeinsam unterrichtet werden. Dazu wurde am Freitag eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Hessischen Kultusministerium und der Stadt Wiesbaden zur „Modellregion Inklusive Bildung Wiesbaden“ unterzeichnet. Das Projekt sieht vor, sukzessive den Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Anspruch auf sonderpädagogische Förderung an Grundschulen und weiterführenden Schulen zu erhöhen. Im Gegenzug soll in den nächsten Jahren der Anteil der rund 1250 Schüler, die spezielle Förderschulen besuchen, gesenkt werden.
Kultusministerin Nicola Beer (FDP) sprach von dem Ziel, dass in Zukunft für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen eine Einschulung an allen Grundschulen möglich sein solle. Dafür müsse nach und nach der Anteil derjenigen Kinder, die eine spezielle Förderung brauchten, an regulären Schulen erhöht werden. Zugleich würden dafür mit Unterstützung des Landes 30Lehrer von Förderschulstellen in reguläre Stellen wechseln. Im Schnitt seien sechs Lehrerwechsel pro Jahr vorgesehen. Die ehemaligen Förderschullehrer sollten dann die Kinder gemeinsam mit den Lehrern der regulären Schulen unterrichten.
„Bewusstsein für Inklusion“ gebe es schon
Doch darf aus Sicht Beers die „Inklusion“ im vierten Schuljahr nicht enden. Daher würden sogenannte „Schwerpunktschulen“ eingerichtet, die sich an den Bedürfnissen der Kinder ausrichteten. Es solle „normaler werden“, Kinder, die besonderer Förderung bedürften, in die Schulgemeinde aufzunehmen, sagte Beer. „Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der alle willkommen sind“. Schulen spielten nach ihren Worten eine Vorreiterrolle für mehr Teilhabe. Damit könnte Wiesbaden für andere Städte und Kommunen zum Vorbild werden, so Beer.
Das Projekt beginnt nach Angaben von Rose-Lore Scholz (CDU), Stadträtin und Dezernentin für Schule, Kultur und Integration, im kommenden Schuljahr und hat eine Laufzeit bis zum Ende des Schuljahres 2017/2018. Ein „Bewusstsein für Inklusion“ gebe es schon, sagte Scholz. Schon heute würde an sieben Grundschulen und vier Schulen der Sekundarstufe1 inklusiver Unterricht angeboten. Die Stadt könne auf jahrelange Erfahrung im gemeinsamen Unterricht aufbauen, sagte Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU). Er zeigte sich stolz, hier eine „Vorreiterrolle“ zu spielen und betonte, dass mit der Initiative ein zentraler Aspekt der UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt werde. Alle Beteiligten verwiesen auf die Herausforderungen und den Modellcharakter des Projektes. Ulrich Kirchen, der stellvertretende Leiter des Staatlichen Schulamts Wiesbaden, sprach von einem „längeren Umsetzungsprozess“. Das Projekt habe den Sinn „zu erproben was geht und was nicht geht“. Im Einzelfall seien in Zukunft sicherlich „ganz andere Unterrichtsprinzipien“ notwendig. Nun müssten nach und nach Lehrkräfte in freiwilligen Kursen umqualifiziert werden, um sie auf die neuen Herausforderungen vorzubereiten.
Durch das Modellprojekt wird der Bedarf an Förderschulplätzen sinken. Im Zuge dessen wird die August-Hermann-Francke-Schule, die momentan noch 206Schüler in 16 Klassen führt, keine neuen Förderschüler aufnehmen und langfristig schließen. Das Projekt soll von wissenschaftlicher Seite begleitet und evaluiert werden. Zudem soll eine Kontrollgruppe eingerichtet werden, „Spiegel-Gruppe“ genannt, in der Eltern und Lehrer gemeinsam den Projektfortschritt kontrollieren sollen.