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„Green Day’s American Idiot“ : Flucht aus Spießerstadt

Sie wollen raus aus der Spießerstadt: Ensembleszene des Musicals „Green Day’s American Idiot“ Bild: Michael Braunschädel

In der Frankfurter Batschkapp ist das Musical „Green Day’s American Idiot“ auf Deutsch zu sehen. Die Bühnenversion des Konzeptalbums ist eine doppelte Premiere.

          Sie müssen hier raus. Das ist die Hölle! Sie leben zwar nicht im Zuchthaus, doch in Spießerstadt ist es auch nicht anders. Spießerstadt ist in der deutschen Version jenes Suburbia, das die amerikanische Punkrock-Band Green Day auf ihrem im Jahr 2004 veröffentlichten, immens erfolgreichen Album „American Idiot“ besang.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Konzeptalbum oder gar „Punk Rock Opera“ im Stile der The-Who-Klassiker „Tommy“ oder „Quadrophenia“ angelegt, erzählen die Songs von einem Jugendlichen, der bei seiner Mutter und seinem Stiefvater in der Vorstadt Jingletown lebt, deren Ödnis der selbsternannte „Jesus of Suburbia“ nur mit Masturbation, Drogen und Fernsehen begegnen kann, bevor er schließlich in die Stadt flieht, wo er sein Glück aber auch nicht findet, selbst in einer heftigen, aber kurzen Beziehung mit einem Mädchen namens Whatsername nicht.

          Erfolg am Broadway

          Diese Geschichte jugendlicher Identitätssuche schrie geradezu nach einer Bühnenversion. Außerdem wurde sie passenderweise von einem halben Dutzend Welthits flankiert, was schließlich im Jahr 2009 zur merkwürdig anmutenden Kombination Punkrock und Musical führte, die nichtsdestotrotz ein Erfolg am Broadway war. 2010 konnte „Green Day’s American Idiot“ sogar zwei Preise bei den prestigeträchtigen Tony Awards gewinnen.

          Der noch sehr jungen Produktionsfirma Off-Musical Frankfurt ist es gelungen, die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung des Stücks zu ergattern, die nun in der Batschkapp in Frankfurt zu sehen ist. Das bedeutet für das ehrwürdige Musiklokal gleich eine doppelte Premiere, war doch in der mittlerweile 41 Jahre dauernden Geschichte der „Kapp“ noch nie ein Musical zu sehen.

          Kein übliches Musical

          Mit einer üblichen Musical-Vorstellung hat das von Thomas Helmut Heep inszenierte Stück allerdings auch nichts zu tun. Als die von Dean Wilmington geleitete Band auf der nur mit einer spiegelnden Wand versehenen Bühne zu spielen beginnt, erheben sich plötzlich zehn im Publikum sitzende Zuschauer, fangen an zu singen, schnappen sich ihre Stühle und rennen über einen in den Saal ragenden Laufsteg auf die Bühne. Dort sind alsbald Johnny (Philipp Büttner), Will (Dennis Hupka) und Tunny (Sebastian Smulders) als Hauptfiguren auszumachen, drei Freunde, die der Enge von Spießerstadt entfliehen wollen. Außerdem wird einem als Zuschauer klar, dass man dringend auf die von Titus Hoffmann ins Deutsche übertragenen Songtexte achten muss, um dem fast ohne Dialoge auskommenden, losen Konstrukt einer Geschichte folgen zu können.

          Sich einfach nur an den kompetent und sehr druckvoll gespielten Versionen von Hits wie „Holiday“, „Boulevard of Broken Dreams“, „21 Guns“, „Wake Me Up When September Ends“ oder dem als Zugabe intonierten „Good Riddance (Time of Your Life)“ zu erfreuen, würde das Stück auf einen Green-Day-Tribute-Abend reduzieren. Doch das begeistert, manchmal regelrecht entfesselt aufspielende Ensemble will mehr, will jugendliche Verwirrnis, Leidenschaft und Wut demonstrieren. Das gelingt in vielen Szenen. Schlüsse aus diesem Kampf um Individualität und Freiheit muss aber jeder für sich selbst ziehen.

          Weitere Aufführungen von „Green Day’s American Idiot“ in der Batschkapp in Frankfurt gibt es am 28. Januar, am 1. Februar sowie am 3., 6. und 10. Mai.

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