Es gab mehrere „zündende Momente“ in seinem Sängerleben. Schon in der Schule spürte Sebastian Geyer, dass er seine Geige vielleicht gegen ein anderes Instrument tauschen sollte: „Man ist näher an den Menschen dran mit der Stimme.“ Damals sang er als Bariton in einer Bass-Kantate von Johann Sebastian Bach. Später, als er im ersten Semester seines Gesangsstudiums in Würzburg als Frank in der „Fledermaus“ einspringen musste, merkte er: „In Verbindung mit dem Schauspiel befreit sich die Stimme auf ganz eigene Weise.“ Noch später, zu Beginn des neuen Jahrtausends, zündeten bei ihm die ersten Einblicke in den Profigesang auf dem hohem Niveau von Klaus Zeheleins Stuttgarter Staatsoper, an der Geyer nach seiner Ausbildung gastierte.
Seit zwei Jahren fühlt sich der lyrische Bariton in Bernd Loebes Frankfurter Ensemble genauso gut aufgehoben. Der Intendant hatte ihn in Schwetzingen in der Titelpartie des „Tito Manlio“ von Vivaldi gehört. Ein Handy-Anruf, eine Fahrt nach Frankfurt und der Vertrag war unter Dach und Fach. „Es ist immer besser, in einer großen Partie entdeckt zu werden, als vorzusingen“, sagt Geyer. In Schwetzingen hat er auch den Montezuma in der gleichnamigen Vivaldi-Oper gesungen. Engagiert war er damals in Heidelberg. Dort hatte er 2005 zum ersten Mal seine Paradepartie, den Titelhelden in Mozarts „Don Giovanni“, gegeben.
Sogar seine vierjährige Tochter hat ihn schon in der „Zauberflöte“ bewundert
Der 1972 in Ulm geborene Sohn einer Gymnasiallehrerin und eines Kunstmalers ist mit drei Geschwistern aufgewachsen. Der Vater, ein Liebhaber des Liedgesangs und der Bach-Kantate, und die Mutter, die auch Klavierlehrerin war, sorgten dafür, dass alle Kinder ein Instrument spielen lernten: Hausmusik war Ehrensache. Zudem sangen die drei Brüder im Knabenchor der Ulmer Gemeinde St. Georg. Für die Aufnahmeprüfung an der Würzburger Musikhochschule ließ Geyer sich von seinem älteren Bruder Stefan präparieren, der ebenfalls Sänger geworden ist. Nach acht Semestern wechselte er für ein Aufbaustudium an die Staatliche Hochschule für Musik in Mannheim. Dort lernte er bei Rudolf Piernay, studierte die Partien des Papageno und des Danilo und trat als Almaviva in Baden-Baden auf. Auch im Mannheimer Theater gastierte er damals, dabei war er schon seit 2003 in Gießen engagiert. „Ich wollte mir über kleinere Häuser ein festes Repertoire erarbeiteten“, erinnert er sich. 2002 und im folgenden Jahr gewann er Preise bei den Gesangswettbewerben der Kammeroper Schloss Rheinsberg. Claudia Eder hatte ihn für die Aufführungen von Paisiello und Monteverdi gecoacht. In Gießen trat er als Guglielmo in „Così fan tutte“ und als Dr. Falke in der „Fledermaus“ auf. Auch die Titelpartie in Alban Bergs „Wozzeck“ gehört seitdem zu seinem Repertoire, ebenso wie der Feri-Bácsi in der „Csárdásfürstin“ und der Perón in „Evita“, wie Geyer fast im Flüsterton bekennt. Doch er hatte richtig entschieden: „In so einem kleinen Haus kann man sich in allen Sparten ausprobieren.“
Nach seinem fulminanten Gast-„Giovanni“ in Heidelberg ging er 2006 am Neckar unter Vertrag. Vierzigmal hat er den Don Giovanni dort vor ausverkauftem Haus gespielt. Auch als Eugen Onegin, Almaviva und Papageno trat er in seinen vier Heidelberger Spielzeiten auf. Obwohl er es nett fand, im Supermarkt von Opernfans angesprochen zu werden, wurden ihm die romantischen Heidelberger Gassen irgendwann zu eng und von Touristen überlaufen. In Frankfurt bekommt Geyer wieder Luft. Er schätzt die großen Straßenzüge und zugleich die Überschaubarkeit der Stadt: „Hier gibt es alles, was man braucht, und man kann es zu Fuß erreichen.“ Mit seiner Frau, einer Frankfurter Anwältin, und seinen Töchtern Amelie und Livia ist er nach Bornheim gezogen.
Auch die Frankfurter haben ihn inzwischen als Almaviva, Guglielmo und Papageno erlebt. Sogar seine vierjährige Tochter hat ihn schon in der „Zauberflöte“ bewundert. Und die Kleinere kennt den Vogelfänger zumindest aus dem Büchlein, das Bühnen- und Kostümbildner Michael Sowa veröffentlicht hat. Als Purcells Aeneas und Oronte in Charpentiers „Médée“ hat Geyer sich hier zwei neue Partien erobert. Er ist begeistert von der Arbeitsmoral im Haus, die sämtliche Mitarbeiter in allen Abteilungen beflügele: „Das trägt Qualität auf die Bühne, die dann auch wahrgenommen wird.“ Bis Ende Juni ist er noch als Dr. Falke in der „Fledermaus“ zu hören und zu sehen. Danach geht es an den Bodensee: Endlich einmal Urlaub machen mit der Familie statt mit Don Giovanni.