Home
http://www.faz.net/-gzg-75rnv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Ballettensemble Da, wo sich die Wege kreuzen

Eine Basis, ein Zuhause, ein Ensemble: Der Choreograph Stéphen Delattre hat ein unabhängiges Ballettensemble in Mainz gegründet.

© Thomas Sing Vergrößern Zwirbeln und kurven: Tänzerinnen und Tänzer der Delattre Dance Company.

Als Choreograph ist Stéphen Delattre weltweit gefragt, aber noch nicht etabliert. Das will der Franzose ändern. Er möchte eine Basis haben, ein Zuhause, eine Bühne, ein Ensemble. „Ich bin jetzt dreißig, der richtige Zeitpunkt, um sich neu zu orientieren“, sagt er. Bislang arbeitete er hauptsächlich als Tänzer an Stadttheatern, von 2009 an für drei Jahre beim Ballett Mainz. Währenddessen hat er immer schon choreographiert, meist kürzere Stücke. Gerade stand eine Premiere in Augsburg an, davor war er am Bolschoi-Theater in Moskau. Nun legt er letzte Hand an den dreiteiligen Eröffnungsabend seiner eigenen Delattre Dance Company, die er im vorigen Jahr an den Mainzer Kammerspielen aus der Taufe gehoben hat. „eXchange“ wird dort von morgen an siebenmal gezeigt.

Seit ihrer Gründung Mitte der achtziger Jahre haben die Kammerspiele immer auch Tanz im Programm gehabt, zweimal beherbergten sie Tanzkompanien. Die Finanzierung müssen die Gruppen aber selbst aufbringen, sagt Tom Pfeifer vom Leitungsteam. 2011 stellte Delattre dort einen Abend auf die Beine, „Poetry takes Form“, und wiederholte ihn im vorigen Jahr. Das Team um Pfeifer stellte fest, dass es funktioniert: Ballett in der Off-Szene, im Privattheater, „es lief bombastisch“. Volles Haus, riesiger Applaus. Die Zuschauer schätzten die Nähe zu den Künstlern, sagt Pfeifer. „Und es gibt einen Hunger und eine Neugier auf Tanz“, das habe Martin Schläpfer damals mit dem Ballett Mainz bewirkt. Delattre habe auch schon eine kleine Fangemeinde, so dass das Tanzpublikum der Kammerspiele zurückkehre und eine Alternative zum Staatstheaterballett am selben Ort darstelle. Sonnyboy Eric Gauthier in Stuttgart macht das seit einigen Jahren erstaunlich erfolgreich vor, bislang deutschlandweit konkurrenzlos.

Mehr zum Thema

Beinahe atemlos

Delattre wirkt stiller. Er kennt Gauthier natürlich, „ein Freund“. Beide wurden von der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft als Jungchoreographen gefördert. Etwa zwanzig Vorstellungen pro Jahr wird Delattres Dance Company an den Kammerspielen geben, drei Programme, mit Neueinstudierungen und Uraufführungen, unterstützt von Gastchoreographen. Die Company besteht aus zehn Tänzern, Delattre inklusive, aus Finanzgründen. Lieber wäre ihm, nur zu choreographieren. Er und Kompagnon Martin Opelt machten momentan „zehn Jobs gleichzeitig“. Vom Kostümdesign über Dramaturgie, Bühnenbau, Trainingsleitung bis hin zur Pressearbeit. Das müsse sich ändern. Demnächst suchen sie erstmals per Audition Tänzer, die nicht wochenweise von weit her anreisen, sondern ihren Wohnsitz in Mainz nehmen. Auch daran zeigt sich, sie wollen bleiben und wachsen und von hier aus dann auch auf Tourneen gehen. Sechzig Prozent des Budgets müssen sie über Eintrittsgelder finanzieren; Stadt, Land und Sponsoren unterstützen nur einzelne Projekte.

Sieht man Stéphen Delattres Tänzern bei der Lichtprobe einige Minuten zu, ahnt man, was ihn antreibt. Sie zwirbeln und kurven, lassen die Arme in die Höhe flattern und die Oberkörper herunterklappen. Eine beinahe atemlose spielerische Freiheit; sie stiebt über die bekannten eleganten Ballettlinien hinweg, ohne den Sinn fürs Schöne zu verlieren. Was ist das für ein Stil? „Ein Mix. Ich bin klassisch ausgebildet, aber weil ich ziemlich klein bin, musste ich einen eigenen Weg finden.“ So habe er eine moderne Körpersprache entwickelt, sagt er. Ideen für Choreographien gewinne er über Musik, Wörter und Bilder. Dann, gleich zu Beginn des Arbeitsprozesses, binde er Tänzer und andere Teamkollegen ein. Der Titel „eXchange“ verweise auf Veränderung, aufs Nehmen und (Zurück-)Geben und aufs Kreuzen von Wegen. Die Stücke, mit Spitzenschuhen und ohne, sollen die verschiedenen Facetten der Company repräsentieren. Wichtig ist ihm die Erklärung zum Stück „Chapeau(x)!“, das sich aus seiner Erfahrung am Staatstheater Mainz speise: „Es geht darum, dass Tänzer Respekt verdienen, ihn aber nicht immer bekommen.“

Die Delattre Dance Company zeigt „eXchange“ am Mittwoch, am 18., 19. und 20.Januar sowie am 1., 2. und 3.Februar jeweils von 20 Uhr an, sonntags von 18 Uhr an.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ballett in Frankfurt Der Pflegevater der Company

Christopher Roman lotst als stellvertretender künstlerischer Direktor die Frankfurter Forsythe Company durch ihre letzte Spielzeit in alter Form. Für den Tänzer eine mitunter komplizierte Aufgabe. Mehr Von Eva-Maria Magel, Frankfurt

23.11.2014, 15:00 Uhr | Rhein-Main
Mainzelbahn Weichenstellung für eine wachsende Stadt

In Mainz werden die ersten Gleise für die 84 Millionen Euro teure Mainzelbahn verlegt. Die Tram soll vom Hauptbahnhof zum ZDF fahren. Mehr Von Markus Schug

25.11.2014, 08:00 Uhr | Rhein-Main
Staatsgalerie Stuttgart Die Gegenwelten des Oskar Schlemmer

Nach jahrelangen Querelen eröffnet in Stuttgart endlich eine großartige Retrospektive. Dabei zeigt sie nicht nur die Arbeiten von Oskar Schlemmer. Sie ermöglicht den Einblick in ein Künstlerleben. Mehr Von Konstanze Crüwell

22.11.2014, 19:01 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.01.2013, 19:32 Uhr

Der Fall Tugce

Von Peter Lückemeier

Tugce Albayrak hat im entscheidenden Moment nicht gezögert, sondern Mut bewiesen. Ihr Fall bringt die Diskussion um Zivilcourage in Gang, in der sich jeder fragt, wie er selbst in Tugces Situation gehandelt hätte. Mehr 3 4