Home
http://www.faz.net/-gzg-767w6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Bahnwächter Der Herr der Schranken

Werner Voss arbeitet am letzten hessischen Bahnübergang, der rein mechanisch betrieben wird. Signale und Schranken bedient er von Hand. Arbeitsplätze wie seinen wird es bald nicht mehr geben.

© Röth, Frank Vergrößern Drehmoment: Fahrdienstleiter Werner Voss bedient die Schrankenkurbel noch per Hand.

Das Metall der Kurbel ist dunkel und glatt. Wie poliert von den vielen Händen, die sie bedient haben, um die beiden Schranken am Bahnübergang Gräveneck zu senken und wieder zu heben. Eine dieser Hände gehört Werner Voss. Bevor ein Zug in den Bahnhof fährt, tritt er aus dem Bahnwärterhäuschen an die Winde. Er dreht die Kurbel acht bis zehn Mal, um die Schranken zu senken - und wenig später in die andere Richtung, um den Bahnübergang des Örtchens an der Lahn nahe Limburg wieder freizugeben.

Voss hat einen Arbeitsplatz, den es in Hessen sonst nirgends mehr gibt. Der Mann mit dem schmalen Mund und dem kahlen Schädel arbeitet am letzten Bahnübergang, an dem die Schranken rein mechanisch und von Hand betrieben werden. Wie viele solche alten Stellwerke es in ganz Deutschland noch gibt, weiß die Deutsche Bahn selbst nicht. Sie erfasst die Zahl auch nicht, weil die eigentlich nie stimmt: Alle paar Monate wird die Mechanik an einer anderen Betriebsstelle durch ein elektronisches Stellwerk ersetzt.

Es riecht nach Zigaretten und Kaffee

Voss kurbelt mit links. Mehr als 30Mal in jeder Schicht, an ungefähr 200 Tagen im Jahr - je einmal herunter und wieder herauf. Seit er vor elf Jahren von der Deutschen Bahn nach Gräveneck versetzt wurde, hat er das Metallstück öfter als 100.000 Mal in der Hand gehabt. Voss steht nicht völlig allein auf diesem Außenposten des deutschen Eisenbahnnetzes. Zwei Kollegen hat der 58Jahre alte Mann noch, einen Mann und eine Frau. Die drei wechseln sich im Schichtbetrieb ab.

An diesem Tag hat Voss Spätdienst. Seit 13 Uhr ist er da, in dem Betriebsraum riecht es nach Zigaretten und Kaffee. Angefangen hat Voss nach der Hauptschule als Jungwerker. Das war 1970. Damals stellte die inzwischen längst privatisierte Deutsche Bahn noch Beamte ein. Deshalb wird Voss in gut sieben Jahren auch Pensionär und nicht Rentner. Nach der Zeit als Jungwerker hat er sich spezialisiert. Er war erst Zugbegleiter, dann Rangierer, jetzt ist er in Gräveneck. Als Fahrdienstleiter. Er ist dafür verantwortlich, dass die Züge sicher zum nächsten Bahnhof geleitet werden.

Die nächste Station heißt Fürfurt

Sobald die Schranken unten sind, zieht Voss einen klobigen Metallschlüssel aus dem Windenverschluss. Er kann ihn erst abziehen, wenn die Schranken vorschriftsmäßig geschlossen sind. Mit dem Schlüssel in der Hand geht Voss in den Betriebsraum. Auf einem Regal stehen zwei geschnitzte Greifvögel, an der Wand hängt ein Foto vom Enkel des Kollegen, auf der Fensterbank kümmern ein paar Pflanzen.

Der Blick durch die Fenster fällt auf die beiden Gleise des Bahnhofs. Auf dem einen fahren die Züge in Richtung Weilburg, so heißt auch die nächste Station. Auf dem anderen, jenseits der weiß-roten Absperrkette, fahren sie in Richtung Limburg. Die nächste Station heißt Fürfurt. Jenseits der Gleise sind Wohnwagen auf einem nahen Campingplatz zu sehen. Neben der Schrankenwinde steht ein grüner Napf mit Vogelfutter.

In Kontakt mit den Kollegen

Voss steckt den Metallschlüssel in ein graues Kästchen. Die Schlüsselsperre gehört zum technischen Herz der alten Anlage, der etwa zwei Meter hohen Stell- und Blockeinrichtung. Der grau-blaue Metallschrank hat Hebel und zwei kleine Kurbeln links und rechts. Zur Mechanik zählen außerdem zwei Signalhebel. Sie lassen sich erst ziehen, wenn der Schlüssel aus der Schrankenwinde in dem grauen Kästchen steckt. Voss zieht am linken Hebel. „A von Weilburg“ steht darauf. Damit betätigt er den Seilzug eines etwa 800Meter entfernten Signals; er zieht dessen Flügel hoch und gibt damit die Fahrt frei für den nächsten Zug aus Weilburg in Richtung Fürfurt.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Autobahn 3 Neubau der Lahntalbrücke bei Limburg gut im Plan

Als die Limburger Autobahnbrücke vor einem halben Jahrhundert gebaut wurde, tröpfelte der Verkehr noch. Jetzt entsteht ein Neubau, der die Verkehrsflut der Zukunft verkraften soll. Mehr

16.03.2015, 15:08 Uhr | Rhein-Main
Kino-Premiere Fifty Shades of Grey kurbelt das Geschäft in Sexshops an

Im Zusammenhang mit dem Film "Fifty Shades of Grey" konnte auch das Sex-Toy-Gewerbe Umsatzsteigerungen feststellen, sowohl in Berlin als auch in London. Die Industrie hat mit Spezialangeboten auf den Film reagiert. Mehr

13.02.2015, 12:36 Uhr | Gesellschaft
ICE-Anbindung Darmstadts Knifflige Überlegungen

Nun ist Weiteres zur Anbindung Darmstadts an das Eisenbahnnetz bekannt: Einen ICE-Halt soll es nur geben, wenn auch Güterzüge durchfahren. Die Gutachter der Studie sehen aber für eine andere Lösung höhere Chancen. Mehr Von Manfred Köhler, Darmstadt

16.03.2015, 13:29 Uhr | Rhein-Main
Pakistan Frauen wagen sich in Männerberufe

Die Frauen in Pakistan trauen sich, aus ihren Schranken auszubrechen. Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai hat das gezeigt, indem sie den Taliban die Stirn bot. Im pakistanischen Teil des Himalayas wagen die Frauen sich jetzt auch an Berufe, die eigentlich nur für Männer sind - zum Beispiel als Zimmerleute oder Bergführer. Mehr

23.10.2014, 13:26 Uhr | Gesellschaft
Reservierung, Bahncard & Co. Was das neue Bahnkonzept für die Kunden bedeutet

Die Bahn hat ein neues Konzept vorgestellt. Doch was bedeutet es konkret für die Bahnfahrer? Für wen lohnt sich die Drei-Monats-Bahncard? Wie können Kunden sparen? Und kommt man wirklich schneller ans Ziel? Mehr Von Cem Güler und Anne-Christin Sievers

19.03.2015, 13:29 Uhr | Finanzen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 01.02.2013, 15:16 Uhr

Teure Hochzeit

Von Ingrid Karb

Der Zusammenschluss der Kliniken wird teuer für die Stadt Frankfurt und den Main-Taunus-Kreis. Bleibt zu hoffen, dass das Geld ausreicht, damit die Diskussion über kommunale Kliniken nicht neu hochkocht. Mehr