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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Bahnwächter Der Herr der Schranken

Werner Voss arbeitet am letzten hessischen Bahnübergang, der rein mechanisch betrieben wird. Signale und Schranken bedient er von Hand. Arbeitsplätze wie seinen wird es bald nicht mehr geben.

© Röth, Frank Vergrößern Drehmoment: Fahrdienstleiter Werner Voss bedient die Schrankenkurbel noch per Hand.

Das Metall der Kurbel ist dunkel und glatt. Wie poliert von den vielen Händen, die sie bedient haben, um die beiden Schranken am Bahnübergang Gräveneck zu senken und wieder zu heben. Eine dieser Hände gehört Werner Voss. Bevor ein Zug in den Bahnhof fährt, tritt er aus dem Bahnwärterhäuschen an die Winde. Er dreht die Kurbel acht bis zehn Mal, um die Schranken zu senken - und wenig später in die andere Richtung, um den Bahnübergang des Örtchens an der Lahn nahe Limburg wieder freizugeben.

Voss hat einen Arbeitsplatz, den es in Hessen sonst nirgends mehr gibt. Der Mann mit dem schmalen Mund und dem kahlen Schädel arbeitet am letzten Bahnübergang, an dem die Schranken rein mechanisch und von Hand betrieben werden. Wie viele solche alten Stellwerke es in ganz Deutschland noch gibt, weiß die Deutsche Bahn selbst nicht. Sie erfasst die Zahl auch nicht, weil die eigentlich nie stimmt: Alle paar Monate wird die Mechanik an einer anderen Betriebsstelle durch ein elektronisches Stellwerk ersetzt.

Es riecht nach Zigaretten und Kaffee

Voss kurbelt mit links. Mehr als 30Mal in jeder Schicht, an ungefähr 200 Tagen im Jahr - je einmal herunter und wieder herauf. Seit er vor elf Jahren von der Deutschen Bahn nach Gräveneck versetzt wurde, hat er das Metallstück öfter als 100.000 Mal in der Hand gehabt. Voss steht nicht völlig allein auf diesem Außenposten des deutschen Eisenbahnnetzes. Zwei Kollegen hat der 58Jahre alte Mann noch, einen Mann und eine Frau. Die drei wechseln sich im Schichtbetrieb ab.

An diesem Tag hat Voss Spätdienst. Seit 13 Uhr ist er da, in dem Betriebsraum riecht es nach Zigaretten und Kaffee. Angefangen hat Voss nach der Hauptschule als Jungwerker. Das war 1970. Damals stellte die inzwischen längst privatisierte Deutsche Bahn noch Beamte ein. Deshalb wird Voss in gut sieben Jahren auch Pensionär und nicht Rentner. Nach der Zeit als Jungwerker hat er sich spezialisiert. Er war erst Zugbegleiter, dann Rangierer, jetzt ist er in Gräveneck. Als Fahrdienstleiter. Er ist dafür verantwortlich, dass die Züge sicher zum nächsten Bahnhof geleitet werden.

Die nächste Station heißt Fürfurt

Sobald die Schranken unten sind, zieht Voss einen klobigen Metallschlüssel aus dem Windenverschluss. Er kann ihn erst abziehen, wenn die Schranken vorschriftsmäßig geschlossen sind. Mit dem Schlüssel in der Hand geht Voss in den Betriebsraum. Auf einem Regal stehen zwei geschnitzte Greifvögel, an der Wand hängt ein Foto vom Enkel des Kollegen, auf der Fensterbank kümmern ein paar Pflanzen.

Der Blick durch die Fenster fällt auf die beiden Gleise des Bahnhofs. Auf dem einen fahren die Züge in Richtung Weilburg, so heißt auch die nächste Station. Auf dem anderen, jenseits der weiß-roten Absperrkette, fahren sie in Richtung Limburg. Die nächste Station heißt Fürfurt. Jenseits der Gleise sind Wohnwagen auf einem nahen Campingplatz zu sehen. Neben der Schrankenwinde steht ein grüner Napf mit Vogelfutter.

In Kontakt mit den Kollegen

Voss steckt den Metallschlüssel in ein graues Kästchen. Die Schlüsselsperre gehört zum technischen Herz der alten Anlage, der etwa zwei Meter hohen Stell- und Blockeinrichtung. Der grau-blaue Metallschrank hat Hebel und zwei kleine Kurbeln links und rechts. Zur Mechanik zählen außerdem zwei Signalhebel. Sie lassen sich erst ziehen, wenn der Schlüssel aus der Schrankenwinde in dem grauen Kästchen steckt. Voss zieht am linken Hebel. „A von Weilburg“ steht darauf. Damit betätigt er den Seilzug eines etwa 800Meter entfernten Signals; er zieht dessen Flügel hoch und gibt damit die Fahrt frei für den nächsten Zug aus Weilburg in Richtung Fürfurt.

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