Home
http://www.faz.net/-gzg-75dpn
Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Badmintontrainer Bernd Brückmann im Gespräch „Immer nur Traumschiff und Fußball“

 ·  Talente zu sichten und zu finden, wird immer schwieriger. Zum einen, weil es immer weniger gibt, zum anderen weil viele von ihnen einfach keine Zeit für den Sport haben. Hinzu kommt eine Förderung, die Brückmann für nicht konsequent hält.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Der hessische Badminton-Nachwuchs gehört zur deutschen Spitze. Die jüngsten U-19-Ranglisten werden von Kai Schäfer und Annika Dörr angeführt, auch in jüngeren Jahrgängen gibt es einige Talente. Hessische Athleten gehörten zum Team, das 2011 Europameister wurde, bei den deutschen Jugend-Meisterschaften in diesem Jahr war nur Nordrhein-Westfalen besser. Woran liegt der Erfolg des Hessischen Badminton-Verbandes?

Es gibt viele Gründe. Einer ist, dass man die Sportler bekommen muss, die das Potential haben, das man wecken kann. Oft kommen Kinder von Personen, die schon in der Sportart Badminton verhaftet sind. Manchmal sind es Quereinsteiger wie Kai Schäfer, der vom Tennis kam. Manchmal sind es auch Zufälle: Wenn Kinder in der Schule mit der Sportart Kontakt bekommen und sich in einen guten Verein verlaufen. Außerdem versuchen wir von Verbandsseite, unsere Fühler auszustrecken, wohin wir können. Wir sichten Kinder frühzeitig, das beginnt mit acht Jahren.

Es gibt in manchen Spielsportarten Trainer, die behaupten, nach fünf Minuten sei erkennbar, ob ein Kind über Talent verfüge. Gelingt es Ihnen das auch?

Die Frage ist, was man unter Talent versteht. Wenn es darum geht, wie er sich bewegt, wie er motorisch drauf ist, dann reicht die Zeit auf jeden Fall. Es reicht allerdings nicht, um sich ein Gesamtbild zu machen. Für mich gehört zum Talentbegriff mehr: Es geht darum, wie ist das Spielverständnis, hat das Kind einen gewissen Spielwitz, kann es sich konzentrieren, beißt es, wenn es zurückliegt. Auch das Umfeld gehört zum Talent dazu. Es ist ein großes Plus, wenn ein Kind aus einem leistungssportaffinen Elternhaus kommt. Diese ganzen Faktoren kann ich in zehn Minuten nicht erkennen.

Wie erkennt man Spielwitz bei einem Zehnjährigen?

Das ist gar nicht so schwierig. Wenn Kinder sich den Ball über das für sie recht hohe Netz zuspielen, geht es bei vielen geht darum, den Ball weit zu prügeln. Nach dem Motto: Der Stärkste gewinnt. Diejenigen, die Spielwitz haben, versuchen den Gegner laufen zu lassen.

Wie viele von denen gehören zum Typus des schlampigen Talents, das sich auf seinen Spielwitz verlässt und anderes vernachlässigt?

Eine ganze Reihe. Wenn sich einer gut bewegt, heißt das noch lange nicht, dass er bereit ist, hart zu arbeiten. Ich habe einen Spruch, der lautet: Arbeit schlägt Talent. Wenn einer faul ist, dann wird er in Schönheit sterben. Der mag in den unteren Altersklassen dominieren, aber irgendwann wird er überholt von Spielern, die kontinuierlich trainieren und sich stetig verbessern. Das führt zu Frustration, so dass wir schlampige Talente spätestens bei den U19 verlieren.

Wie kann man deren Einstellung rechtzeitig ändern?

Indem man ihnen immer wieder in den Hintern tritt, sie nicht zu viel lobt, sondern immer wieder auf die Dinge hinweisen, die nicht so toll sind. Man sollte natürlich loben, aber nicht zu viel, denn es darf nicht zu einem Prinzen- oder Prinzessinnendasein führen.

Sind die Kinder in den vergangenen Jahrzehnten verwöhnter geworden, fehlt ihnen öfter der Biss, sich gegen Widrigkeiten oder Niederlagen zu stemmen?

Das Einzige, was sich spürbar verändert hat, ist die Anzahl der sportmotorisch talentierten Kinder, die von Jahr zu Jahr geringer wird. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Wenn ich vorm Computer sitze, spiele ich Basketball oder Fußball, indem ich die Finger bewege - das heißt es nicht, dass ich es auf dem Feld kann. Da sind Bewegungserfahrungen weggebrochen, die frühere Generationen in ihrer Jugend noch gemacht haben, beispielsweise auf der Straße. Man wird die Entwicklung nicht aufhalten können, sondern kann nur versuchen, als Sportart im Kleinen etwas zu tun: sich mehr und mehr professionalisieren, bessere Strukturen schaffen, an die Schulen herantreten, um den einen oder anderen früh für Federball zu begeistern.

Weil es weniger Kinder gibt, dazu noch weniger motorisch begabte, steigt die Konkurrenz unter den Sportarten. Wie sehr spüren Sie den Kampf um Talente?

Viele Sportarten sichten ja schon die Grundschulklassen, weil sie wissen, wenn ich erst in der vierten Klasse beginne, dann bekomme ich das, was Fußball, Handball, Basketball oder Tischtennis übriggelassen haben. Also sichtet man schon in der dritten, dann in der zweiten Klasse. Früher oder später wird es im Kindergarten losgehen. Manchmal hat man als Trainer das Gefühl, dass man das, was man heutzutage für ein Kind tut, vor 15 Jahren gar nicht getan hätte - weil es weder vom Alter noch vom Können interessant gewesen wäre.

Wenn Sie nach einer Sichtung etwa zehn von vierzig Kindern auswählen, wie viele bleiben dann ein paar Jahre später noch übrig?

Zum Glück eine ganze Menge. Da könnte man sich auf die eigene Schulter klopfen und behaupten, wir haben alles gut und richtig gemacht. Aber es gibt ein strukturelles Problem für diejenigen, die unglücklich wohnen.

Wenn es einen Standortvorteil gibt, heißt das ja, dass ein weniger begabter Jugendlicher aus Frankfurt eine größere Chance auf Förderung hat als der Hochtalentierte aus Dillenburg?

Wenn der aus Dillenburg nicht bereit ist, den Standort zu wechseln, ja, dann ist es so. Aber wir können als kleiner Verband nicht überall, wo ein Talent wohnt, einen Stützpunkt aufbauen. Man braucht ja nicht nur einen Trainer und eine Halle, sondern auch Sparringspartner. Deshalb versuchen wir, intensiver mit Vereinen zu kooperieren, wo der Standortvorteil einiges verspricht.

Als Kai Schäfer 15 Jahre alt war, wurde er auf nationaler Ebene nicht für den Schüler Cup nominiert. Seit diesem Jahr trainiert er am Bundesstützpunkt in Saarbrücken und hat schon zwei Länderspiele hinter sich. Wir oft kommt es zu gegensätzlichen oder gar falschen Einschätzungen von Nachwuchstrainern?

Tatsächlich gab es einen Trainer U15, der nicht erkannt, was in Kai schlummert. Aber manchmal ist es gut, wenn ein Spieler nicht zu früh erfolgreich ist und gierig bleibt. Ich erlaube mir zuweilen den Spaß, dass ich mir vorstelle, dass die jungen Athleten Firmen wären und ich Aktien kaufen würde. Ich überlege mir dann, in wen würde ich mein Geld anlegen, von wem würde ich weniger kaufen und von wem meine Finger lassen. Es schärft den Blick, man verhaftet nicht so sehr im Augenblick. Es gibt zum Glück immer wieder Spieler, von denen wir sagen, die schaffen es nicht, aber die schaffen es dann doch.

Erschwerend kommt wohl auch noch G8 hinzu, weil Schülern kaum noch Freizeit bleibt, um einen Sport auszuüben?

Für den Leistungssport ist G8 eine Katastrophe. Wenn G8-Schüler mit 14 oder 15 in ein Alter kommen, in dem sie den Trainingsumfang erhöhen müssten, sagen diese Athleten: Es geht nicht, ich habe zu lange Unterricht, ich kann nicht ins Training kommen. Ich hoffe, dass im Zuge der Schulpolitik in Hessen mehr und mehr Schulen wieder auf G9 umschwenken. Das Problem ist ja, dass es bei G8 trotz des Nachmittagsunterrichts noch Hausaufgaben gibt. Das lässt den Kindern kaum noch Zeit zum Spielen, für Sport und Musik.

Verzeichnen Sie deshalb viele Abgänge?

Es gibt eher die Leute, die sagen, ich würde mehr trainieren, aber ich kann nicht. Der olympische Medaillenspiegel dieses Jahr täuscht über viele dieser Probleme hinweg. Auf der einen Seite freut man sich, wenn Deutschland erfolgreich ist, auf der anderen Seite hätte ich mir gewünscht, es hätte nicht so erfolgreich abgeschnitten.

Damit nach einem Schock ein Umdenken bei der Förderung einsetzt?

Genau. Damit wirklich mal darüber nachgedacht wird, was man verändern muss. Jetzt wird wieder nur an Nuancen herumgefeilt, aber es werden nicht die eigentliche Probleme angepackt.

Was sollte sich ändern?

Erstens: Weg von dem System G8, oder in die Ganztagsschulen den Leistungssport als Fach integrieren. Zweitens: Einwirken auf das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Ich sehe es nicht ein, mit meinen GEZ-Gebühren nur „Traumschiff“ und Fußball zu bezahlen, sondern ich will pluralistische Meinungsbildung haben, die die Öffentlich-Rechtlichen zu leisten verpflichtet sind. Wenn ein Kind fernsieht und rund um die Uhr nur Fußball geboten bekommt, aber keine andere Sportarten, dann ist klar, dass es nicht weiß, was es sonst noch gibt. Das ist ein jämmerliches Bild. Drittens braucht man auch Geld im Sport, um systematisch von unten aufbauen zu können. Es fehlt auch oben an der Spitze, aber in den seltensten Fällen sind gute Trainer im Schüler- oder Jugendbereich tätig.

Die kann man übers Geld gewinnen?

Irgendwie muss ein Anreiz geschaffen werden. Bei vielen Vereinen fehlt zwar das Geld, aber sie müssten sich nur an die eigene Nase fassen und sich umstrukturieren. Wenn ich sehe, wie extrem niedrig die Mitgliedsbeiträge sind, dann halte ich das mittlerweile für den falschen Weg. Die Vereine müssten für Qualität etwas nehmen.

Das birgt die Gefahr, dass eine soziale Hürde entsteht, dass sich manche Familie einen Sprung von beispielsweise sechs auf zwölf Euro Mitgliedsbeitrag pro Kind gar nicht leisten können.

Das kann passieren. Da könnte man sich Gedanken über Ausgleichszahlungen machen. Oder man schafft verschiedene Angebote. Zum Beispiel eine einfache, günstige Gruppe und eine Leistungsgruppe, in der entsprechend mehr gezahlt werden muss.

Das Gespräch führte Thomas Klemm.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Absurder Rollentausch in der Atompolitik

Von Matthias Alexander

Hessens Landesregierung, die bis zum Unfall von Fukushima zu den Befürwortern der Atomenergie zählte, gehört jetzt zu deren Gegnern: Biblis kommt als Zwischenlager nicht in Frage. SPD und Grüne dagegen zeigen sich in staatstragender Pose. Mehr 2 2