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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Bad Hersfelder Festspiele Mit einem ganz eigenen märchenhaften Zauber

 ·  Janusz Kica inszeniert den „Zauberberg“ bei den Festspielen in Bad Hersfeld.

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An die Tausend Seiten lang ist Thomas Manns Jahrhundertwerk „Der Zauberberg“. Es handelt sich bekanntlich um einen Roman. Das hat einen tollkühnen Regisseur wie Hans W. Geißendörfer nicht gehindert, den Stoff zu verfilmen. Mit eher mäßigem Erfolg freilich. Holk Freytag, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, hat den noch tollkühneren Plan eines „Zauberbergs“ auf der Bühne der Stiftsruine gefasst. Als Alpinisten hat er den polnischen Regisseur Janusz Kica verpflichtet, der sich im vergangenen Jahr bei der Inszenierung des Familienmusicals „Das Dschungelbuch“ bewährt hat. Wider Erwarten hat Kica den Gipfel erklommen.

Allerdings mussten er und die Autoren der Bühnenfassung, die Dramaturgen Vera Sturm und Hermann Beil, dafür den „Zauberberg“ deutlich verflachen. Das Gedankenpanorama einer ganzen Epoche, das Thomas Mann im Roman ausbreitet, haben sie zur Geschichte des tumbtorigen Jünglings Hans Castorp skelettiert, der mit seiner Liebe zur schönen Clawdia Chauchat die Welt entdeckt, zum Manne reift und, wie ein Held im Märchen, magische sieben Jahre lang auf die Erfüllung seiner Liebe hofft - vergebens jedoch.

Enorme Kürzungen

Von den großen philosophischen Disputationen, die Settembrini und Naphta im Roman führen, ist wenig bis nichts geblieben. Der brillante Naphta (Jörg Reimers) wandelt als ein schwarzgekleideter Schatten des Todes mehrmals stumm über die Bühne, bis ihm der Regisseur gegen Ende doch noch einmal kurz seine nitzscheanischen Einwände gegen den Humanismus Settembrinis (sympathisch gespielt von Stephan Ullrich) darlegen lässt. Danach greift er zur Pistole und sinkt tot auf einen der weißen Liegestühle nieder, mit denen die Bühnenbildnerin Diana Pähler den Chor der Kirche akkurat vollgestellt hat.

Trotz der enormen Kürzungen besitzt dieser „Zauberberg“ seinen ganz eigenen Zauber. Einen märchenhaften Zauber der gegen Ende der Aufführung zu einem wirklichen Märchen führt, zu Hans Christian Andersens Schneemärchen. Dorthin entführt sein Traum Hans Castorp, der im Roman in einen Schneesturm gerät und im Schlaf eine Bucht am Südmeer mit schönen Menschen imaginiert, aber auch eine grässliche Hexe, die ein Kind zerreißt. In der Stiftsruine steigen hingegen die Toten als weiße Figuren aus ihren Grüften auf und die Lebenden verwandeln sich unter dem Schneeschauer aus versteckten Düsen in weißgekleidete Tote. Diese vielleicht schönste Szene der Aufführung besitzt surrealen Charakter.

Was hätte Thomas Mann dazu gesagt?

Auf Ironie und einen gewissen Witz verzichtet die Inszenierung bei aller Märchenhaftigkeit nicht. Vetter Ziemßen (Thomas Gimbel), den Hans Castorp im Schweizer Lungensanatorium besucht, ist ein wohlbeleibter junger Mann, der gerne vom Militärdienst redet, in den er möglichst bald zurückkehren möchte. Doch vermutlich würde er es mit seiner Konstitution nie auf ein Kavalleriepferd schaffen. Die vier Damen des Vereins „Halbe Lunge“, vereint in dieser Inszenierung als lockende Sirenen, erscheinen einem als amüsante Karikatur gutbürgerlicher Beschränktheit. Und die gestrenge Schwester Oberin der Annett Kruschke springt den armen Castorp, der doch nur für drei Wochen Urlaub machen wollten auf dem Zauberberg in den Hochalpen, an wie eine Lungen-Tuberkulose in Menschengestalt. Man erlebt in der Aufführung also durchaus auch einen Spaß.

Die Entdeckung dieser Produktion ist indes Sören Wunderlich, der mit seiner schlacksigen Figur und seiner Zappeligkeit dem Hans Castorp lebhaft Gestalt verleiht. Er ist der junge Siegfried, der aus den Niederungen des Flachlands in lichte Höhen kommt und dadurch nicht nur Verstand und Geist in sich entdeckt, sondern auch das Liebesbegehren. Doch seine Brünhilde ist unnahbar, stumm schlendert Madame Chauchat mit Eleganz und einer gewissen Laszivität durch das Lungensanatorium, in das sich der Bühnenflügel der Ruine verwandelt hat. Charlotte Sieglin spielt sie bezaubernd.

Was hätte Thomas Mann dazu gesagt? Er wollte ursprünglich gar keinen tausendseitigen Roman schreiben, sondern ein kurzes, heiter-ironisches Satyr-Spiel. Der Stoff ist ihm beim Schreiben zu einem Riesenepos ausgewachsen. In Bad Hersfeld wird es nun tatsächlich zum Satyr-Spiel mit Märchencharakter verkleinert. Dem Meister aus Lübeck könnte es auf seiner Wolke sieben durchaus gefallen.

Weitere Aufführungen am Sonntag sowie am 5., 6., 11., 13., 15., 20. und 27. Juli.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1954, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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