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Bad Hersfeld : „Wortreich“ zieht weniger Besucher an als erwartet

Hier war früher einmal Industrie, nun das Wissens- und Erlebniscenter „Wortreich“. Bild: Röth, Frank

Vor knapp einem Jahr ist das erste Wissens- und Erlebniscenter zu Sprache und Kommunikation in Bad Hersfeld eröffnet worden. Jetzt steckt es in roten Zahlen.

          Die vor knapp einem Jahr eröffnete Wissens- und Erlebniswelt „Wortreich“ sollte - neben der Kur und den Festspielen - ein weiteres Standbein des Fremdenverkehrsgeschäfts in Bad Hersfeld werden. Tatsächlich handelt es sich bei diesem nach Vorbildern von Wissenscentern im In- und Ausland gestalteten Mitmach-Museum um die erste Stätte dieser Art, in der sich Besucher aller Altersklassen mit Sprache und Kommunikation auseinandersetzen können. Die mit ambitionierten Zielen gestartete Freizeit- und Bildungseinrichtung auf einem ehemaligen Industriegelände am Rand der Altstadt macht dieser Tage wieder Schlagzeilen - allerdings anders, als sich die Initiatoren das vorgestellt hatten. „Wortreich“ steckt tief in den roten Zahlen. Geschäftsleitung und politische Gremien der Stadt suchen nun nach Wegen, das Mitmach-Museum finanziell neu aufzustellen.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Wie Kurdirektor Christian Mayer, der zugleich Geschäftsführer der städtischen Trägergesellschaft von „Wortreich“ tätig ist, sagt, fehlt es dem Wissens- und Erlebniscenter nicht an Zuspruch. Auch hätten sich Besucher durchweg positiv zu Aufbau und Angeboten der Einrichtung geäußert. Allerdings ist die Zahl der Gäste geringer, als ursprünglich kalkuliert.

          Zu optimistische Prognosen

          120.000 Besucher im Jahr wurden prognostiziert. Damit hätte sich die Einrichtung den Berechnungen zufolge zumindest selbst getragen. Tatsächlich sind bis Ende vergangenen Monats jedoch ledig 60.000 Besucher registriert worden. Auch wenn es nach den Sommerferien noch zu einem Aufschwung komme, ist nach Schätzungen des Geschäftsführers für die erste Jahresbilanz mit kaum mehr als 75000 Besuchern zu rechnen. Daraus ergibt sich ein Fehlbetrag in sechsstelliger Höhe, wie Mayer einräumt. Daraus, dass sich die Stadt auf Dauer einen Zuschuss in diesem Umfang nicht wird leisten können, macht Erster Stadtrat Rolf Göbel (SPD) keinen Hehl. Zumal die Kommune in den Aufbau von „Wortreich“ bereits rund sechs Millionen Euro investiert hat.

          Als Grund für das Ausbleiben der Besucher nennen Magistrat und Trägergesellschaft vor allem zu optimistisch angesetzte Prognosen von Seiten des Betreibers. Partner der Stadt ist das Unternehmen Petri&Tiemann GmbH, das unter anderem das „Universum“ in Bremen und das österreichische Science Center in Wels betreibt. Mayer räumt allerdings ein, dass sich die Stadt auf die Prognosen des Unternehmens, das auch die Pläne für das Museum entwickelte, verlassen und keine eigenen Berechnungen angestellt habe. Bad Hersfeld ist zwar über Fernstraßen und Bahnlinie gut zu erreichen, gleichwohl fehle der Stadt mit 32000 Einwohnern in einem eher ländlich strukturierten Gebiet das Einzugsgebiet, um entsprechende Besucherzahlen für „Wortreich“ zu erreichen, heißt es nun. Defizite sieht Mayer zudem bei der Vermarktung der Einrichtung.

          Kosten müssen gesenkt werden

          Um „Wortreich“ auf eine solide finanzielle Grundlage zu stellen, soll künftig als Berechnungsgrundlage „eine realistische Zahl“ bezüglich des Besucheraufkommens gelten, kündigt Mayer an. Die Rede ist von 70.000 bis 80.000 Gästen pro Jahr. Die Zahlen orientieren sich an der voraussichtlichen Bilanz des ersten Betriebsjahres. Über die daraus resultierenden Konsequenzen wollen die Aufsichtsgremien in den nächsten Wochen entscheiden.

          Fest steht, dass die Kosten gesenkt werden müssen. Änderungen bei Organisationsstrukturen und Betriebsabläufen könnten Einsparungen bringen, sagt der Geschäftsführer. Aber auch um die Reduzierung von Personalkosten werde man wohl nicht herumkommen. Derzeit beschäftigt „Wortreich“ elf feste Mitarbeiter sowie bis zu 40 Teilzeitkräfte.

          Mehr als 1000 Quadratmeter

          Im Gespräch ist außerdem, eine neue Marketingstrategie zu entwickeln, um Zielgruppen besser anzusprechen, die bislang noch unterrepräsentiert seien - Tagesausflügler, Vereine, Verbände und Firmen. Denn neben einer Vielzahl von Experimenten zu Ursprung und Entwicklung von Sprachen und Kommunikationen bietet die Einrichtung auch Seminare und Workshops an. Zur Diskussion steht nicht zuletzt, ob die städtische Trägergesellschaft künftig selbst als Betreiber fungiert.

          Nicht zur Disposition steht indes der Fortbestand des Wissens- und Erlebniscenters. Darüber herrscht bei den Verantwortlichen Konsens, wie der Erste Stadtrat sagt: „Es ist eine Attraktion mit großem Werbefaktor“ für eine Stadt, in der der Philologe und Lexikograph, der „Vater der deutschen Rechtschreibung“, Konrad Duden, fast drei Jahrzehnte lang wirkte.

          Die auf mehr als 1000 Quadratmetern aufgebaute Wissens- und Erlebniswelt bildet sozusagen das Herzstück des Kultur- und Freizeitparks auf dem Gelände des historischen Industrieparks, wo vom Ende des 19.Jahrhunderts bis ins vergangenen Jahrzehnt von der Benno-Schilde-Maschinenbau-Aktiengesellschaft und Nachfolgeunternehmen Anlagen für verschiedene Produktionszweige hergestellt und weltweit exportiert wurden. Auf dem fünfeinhalb Hektar großen Areal ist zudem in einer früheren Fertigungshalle ein Theater- und Konzerthaus entstanden. Abgerundet wird dieses beispielgebende Projekt zur Umwandlung einer Industriebrache von einem Park mit Gärten, Rasenflächen und Bäumen, die einen Teil der alten Werkstraßen säumen. Die Uferzonen eines dem Gelände benachbarten Nebenflusses der Fulda wird nach alten Plänen mit den für die Region typischen Gewächsen neu angelegt, womit das ehemalige Fabrikareal auch als Teil des städtischen Grüngürtels fungiert.

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