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Veröffentlicht: 22.01.2014, 09:43 Uhr

Autor Alan Mills in Frankfurt Wer schreibt, erschafft sich selbst

Von Freitag an ist Alan Mills auf den „Literaturtagen Mittelamerika“ in Frankfurt zu Gast. Dann kann der Schriftsteller erklären, was seine Heimat Guatemala mit Science-Fiction verbindet.

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© RMZ/Giselle Marino Autor mit juristischer Vorbildung: Alan Mills

Eins stehe fest, sagt Alan Mills: „Literatur macht mehr Spaß als Jura.“ Sein Studium der Rechtswissenschaften hat der 1979 in Guatemala geborene Schriftsteller trotzdem zu Ende geführt. In Deutschland verknüpft er zurzeit Hochschulleben und Literatur. Seit etwas mehr als einem Jahr lebt er in Berlin, in Potsdam, wo sein Doktorvater lehrt, der Romanist Ottmar Ette, arbeitet er an seiner Dissertation. Von Freitag an ist Mills auf den „Literaturtagen Mittelamerika“ in Frankfurt zu Gast. Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika, die seit langem in Frankfurt ansässig ist, veranstaltet sie im Literaturhaus an der Schönen Aussicht. Wie bei den beiden erfolgreichen Vorgängerfestivals zur Literatur der arabischen Länder und der Staaten Schwarzafrikas widmen sich mehrere Schriftsteller in Lesungen, Werkstattgesprächen und Diskussionen anderthalb Tage lang ihrem Schreiben und ihrer Region.

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Mittelamerika, sagt Mills, teile eine Geschichte der Konflikte. Ob die zahlreichen zwischen Mexiko und Südamerika nach der Unabhängigkeit von Spanien entstandenen Staaten sich eher ähnlich sind oder voneinander unterscheiden, wagt er nicht zu beurteilen. Allen Ländern sei die spanische Kultur der Kolonialzeit gemein, die Mehrzahl sei zudem stark von der Indio-Kultur geprägt. Verallgemeinerungen findet er trotzdem gefährlich. Die zahlreichen Bürgerkriege der vergangenen Jahrzehnte hätten die einzelnen Länder Mittelamerikas völlig unterschiedlich durchlitten. „Was uns eint, ist das Trauma.“

Regionale Identitäten

Und die ewige Frage postkolonialer Gesellschaften, wie das Schreiben, die eigensinnigste Handlung eines einzelnen Menschen, mit regionalen kulturellen Identitäten zusammenhängt. Ob es einen solchen Zusammenhang überhaupt geben sollte, wie man ihn gegebenenfalls herstellt oder ihn meidet. Und wie eine Literatur, die sich zum Zeichen der Loslösung von kolonialen Modellen auf eigene Wurzeln besonnen hat, sich in einer globalisierten Welt positioniert. Dafür ist Mills das beste Beispiel. In den vergangenen zehn Jahren hat er in Frankreich, Spanien, Brasilien und Argentinien gelebt. Er spricht mehrere Sprachen, lernt gerade Deutsch und ist damit schneller als seine Gedichte. Mills’ Lyrik, gesammelt in mehreren Bänden, liegt auf Deutsch bislang nur in einzelnen Beispielen vor. Der Buchmarkt hinkt dem Leben des Schriftstellers hinterher, während dieser sich inzwischen nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch zwischen den Genres tummelt.

2002 debütierte er mit dem Lyrikband „Los nombres ocultos“. Im fünf Jahre später erschienenen, mittlerweile ins Französische übertragenen Band „Síncopes“ mischte er erstmals Verfahren von Lyrik und Prosa zu einem „Mikro-Roman“. Seitdem bewegt er sich gerne zwischen den Gattungen. Um sie auszuprobieren, aber auch aus einem weiteren Grund: „Ich versuche herauszufinden, warum ich schreiben kann und was ich schreiben muss.“ Geholfen hat ihm dabei das Ausland. Aus der Heimat trieb ihn zunächst die reine Neugier. Außerdem hatte er etwas Geld, also machte er sich auf nach Frankreich, ging dann weiter in andere Länder, kehrte zwischendurch aber immer wieder nach Guatemala zurück. Etwas Neues jedoch hatte er auf seinen Reisen über sich erfahren: „Ich habe entdeckt, dass ich eine nomadische Seele habe.“

Kriegen, ihre Ursachen und Folgen

Mills begann damit, sich selbst zu erforschen, wie er es nennt, und entdeckte, dass er auch durch die Geschichte seiner Vorfahren reisen konnte. Da ist der Großvater jamaikanischer Herkunft, da sind die afrikanischen Wurzeln, die in Guatemala, anders als in Nachbarstaaten wie Costa Rica, Honduras und Panama, nur eine Minderheit besitzt. „Literatur ist ein Instrument des Wissens.“ Mills ist froh darüber, dass mittelamerikanische Autoren seit einiger Zeit größere formale und thematische Freiheiten genießen.

Ältere Schriftsteller seien in sehr viel höherem Maß verpflichtet gewesen, sich mit den Kriegen, ihren Ursachen und Folgen auseinanderzusetzen. In seiner Doktorarbeit hingegen untersucht er, wie in zeitgenössischen lateinamerikanischen Science-Fiction-Romanen Zukunftsvisionen ausgerechnet durch den Rückgriff auf das alte Wissen der Indios formuliert werden. Wie sich Identitäten auf diese Weise unvermutet vermischen, überprüft er auch um seiner selbst willen: „Es geht darum, mich selbst zu schreiben, mein Leben zu schreiben.“

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