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Auszubildender bei Bestattungsunternehmen Der Tod begleitet ihn jeden Tag

 ·  Er wäscht Leichen und kleidet sie an, er schmückt Särge und legt in der Trauerhalle Kondolenzbücher aus: Daniel Sutter ist Auszubildender bei einem Bestattungsunternehmens.

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Aus dem Kühlraum schiebt Daniel Sutter einen hellbraunen Holzsarg auf einem grauen Rollgestell heraus. Er stellt ihn in einem Vorraum des Hauptfriedhofs ab. Ein Aufkleber, auf dem „Pietät am Dornbusch“ steht, klebt an dem Sarg. Das sei wichtig, sagt Sutter, damit man die Särge im Kühlraum voneinander unterscheiden könne. Eine Frau hastet zur Tür herein, in den Händen hält sie ein Sargbouquet für den Deckel. Sie wuchtet das Blumengebinde aus gelben Rosen und Grün auf den Sarg. „Du bist immer in unseren Herzen“, steht auf einer Schleife, die an den Blumen befestigt ist. Darunter findet sich das Geburtsdatum des Toten. Er kam 1937 zur Welt und starb im Mai dieses Jahres.

Daniel Sutter hat einen ungewöhnlichen Beruf. Der 22 Jahre alte Mann ist Auszubildender in einem Bestattungsunternehmen. Nach seinem Realschulabschluss hat er zunächst zwei Jahre lang eine Ausbildung als Maler und Lackierer gemacht, die er wegen einer Allergie abgebrochen hat. Während seines Zivildienstes bei den Johannitern fuhr er dann Kranke und sah im Krankenhaus immer wieder Bestatter, die Verstorbene abholten. Das brachte ihn auf die Idee, ein Praktikum bei einem Bestatter zu machen. Seit August vergangenen Jahres ist er Auszubildender in der Pietät am Dornbusch.

Ein letztes Andenken

Draußen vor der Trauerhalle holt Sutters Kollege Janis Okon die Dekoration für die bevorstehende Trauerfeier aus dem schwarzen Firmenwagen: gelbe, grüne und weiße Tülltücher, Kerzen, einen schwarzen Notenständer, den die beiden Auszubildenden als Kerzenhalter nutzen, ein Kondolenzbuch aus schwarzem Wildleder, zwei Kugelschreiber und ein eingerahmtes Schwarzweißfoto des Toten. Sutter und Okon befestigen ein dunkelgrünes Tülltuch an dem grauen Rollgestell, auf dem der Sarg ruht. Dann schieben sie das Gestell einen langen Gang bis zur Hintertür der großen Trauerhalle entlang.

Die Hintertür öffnet sich. Ein anderer Sarg mit roten Rosen auf dem Deckel wird herausgeschoben. Sutter rollt den Sarg seines Bestattungsunternehmens in die dunkle Halle. Zwei Friedhofsmitarbeiter kehren die Blüten und die Erde der Vorgänger weg. Sutter schiebt zwei kleine, mit schwarzem Stoff überzogene Balken zur Seite und plaziert den Sarg dahinter. Auf beiden Seiten des Sargs stehen zwei Kerzenständer mit Flüssigwachs, die immer brennen. Außerdem entzünden Sutter und Okon drei mitgebrachte weiße Kerzen vor dem Sarg. Sutter postiert den Notenständer rechts vor den Sarg, bindet ein schwarzes Tuch darum und knotet es in der Mitte. An der linken und rechten Ecke des Notenständers befestigt er eine weitere Kerze. In die Mitte stellt er das schwarz-weiße Bild des Toten - dunkle Locken, Sonnenbrille, Schnurrbart, weißes Hemd. Schließlich macht Sutter drei Fotos vom Sarg. Als letztes Andenken.

Alle kommen auf die Ausbildung zu sprechen

Er legt das Kondolenzbuch auf ein Stehpult aus Holz in der Mitte des Foyers der Trauerhalle. Links und rechts plaziert er zwei schwarze Kugelschreiber. Die zwei Auszubildenden stellen sich neben das Pult und warten auf die Trauergäste. „Es ist wichtig, dass jemand präsent ist“, sagt Sutter. Am Eingang zur Trauerhalle verharrt ein professioneller Trauerredner. Vierzehn schwarz gekleidete Angehörige betreten die Vorhalle. Die Frau des Verstorbenen sitzt im Rollstuhl und wird von ihrem Sohn geschoben. Sie tragen sich nacheinander in das Kondolenzbuch ein.

Egal, ob sich Sutter mit Freunden trifft oder mit der Familie zusammensitzt, alle kommen immer wieder auf seine Ausbildung zu sprechen. Die meisten sind interessiert und haben keine Scheu ihn nach seiner Arbeit als Bestatter zu fragen. Besonders seine Freunde wollen oft mit ihm über den Tod sprechen. Und wenn er neue Leute kennenlernt, sind die oft erstaunt, wenn sie hören, dass er sich zum Bestatter ausbilden lässt. Von Montag bis Freitag trägt er Schwarz. Den schwarzen Anzug, mit gleichfarbiger Weste, Krawatte und Schuhen trägt er auch privat. Sein Handschlag ist fest, er grüßt die Friedhofsmitarbeiter herzlich.

Die Angehörigen verlassen die Halle, der Sarg bleibt stehen

Sobald der letzte Trauergast Platz genommen hat, schließt sich die Tür der großen Trauerhalle auf dem Hauptfriedhof. Sutter bleibt draußen. Vor der Tür drückt er mit dem Fuß auf einen Knopf links neben der Pforte. Damit löst er ein Klingeln aus. So wird den Friedhofsmitarbeitern signalisiert, dass sie den CD-Spieler anstellen können. „Hot Mexican Night“ von Cielito Lindo erklingt. Dann nimmt Sutter das Kondolenzbuch wieder in die Hand. Später wird er es den Angehörigen überreichen. Sofort legt die Mitarbeiterin eines anderen Bestattungsunternehmens das Kondolenzbuch ihrer Pietät auf das Pult.

Nach 20 Minuten ist die Trauerfeier zu Ende. Eine Seitentür der Trauerhalle öffnet sich. Zum Ausmarsch spielen sie Gloria Estefans „No te olvidare“ („Ich vergesse dich nicht“). Die Angehörigen verlassen die Halle, der Sarg bleibt stehen. Sutter und sein Kollege bauen die Dekoration wieder ab: Tüll, Kerzen, Notenständer. Die Frau des anderen Bestattungshauses streut währenddessen Blütenblätter auf den Boden und breitet ihre eigene Dekoration aus. Am Ende schiebt Sutter den Sarg zurück in den Kühlraum.

Sutters Arbeitstag beginnt um 8 Uhr

Die meisten Toten werden beerdigt oder verbrannt. Mindestens fünfmal im Jahr hat Sutters Pietät eine Seebestattung. Die Urne wird dann zum Beispiel an einen Ort an der Nordsee verschickt. Sutter organisiert ein Motorschiff, das die Angehörigen hinaus aufs Meer fährt; dort wird die Asche dann verstreut. Außerdem gibt es Baumbestattungen im Friedwald, bei denen die Asche Verstorbener in einer biologisch abbaubaren Urne unter einem Baum vergraben wird. Eine weitere Möglichkeit ist die Diamantenbestattung. Angehörige können die Asche des Toten in ein Juwel einschließen lassen und als Schmuck bei sich tragen. Außerdem bietet die Pietät als Erinnerung an den Verstorbenen dessen Fingerabdruck auf einem Ring oder einer Kette an.

Sutters Arbeitstag beginnt um 8 Uhr. Oft sitzt er im Büro: Termine machen, Blumenlieferungen prüfen, Musik organisieren, mit Pfarrern und Organisten sprechen. Auch an persönliche Gegenstände des Verstorbenen muss er denken. Diesmal war es das Bild des Toten. Auf Wunsch der Angehörigen legen sie auch Dinge in den Sarg, die dem Verstorbenen lieb waren - Kaffee zum Beispiel und Zigaretten. Sutter sagt: „Jeder Tag, jeder Sterbefall ist anders.“

Auch für Behördengänge zuständig

An seinen ersten Arbeitstag erinnert er sich noch gut. Sie fuhren nach Höchst. Dort sah Sutter zum ersten Mal in seinem Leben einen Toten; den musste er ankleiden. „Das hat mir nix ausgemacht“, sagt er. Etwas komisch war es am Anfang schon, aber nach ein paar Tagen war es ganz normal für ihn. Mittlerweile habe er Routine in seinem Beruf bekommen. „Ich mache die Leichen so zurecht, wie man sich morgens selbst zurechtmacht“, sagt Sutter. Er wäscht die Toten, kleidet sie an und kämmt ihnen die Haare. Schminken darf er sie erst im dritten Ausbildungsjahr.

Abgesehen von der Trauerfeier, ist er auch für Behördengänge zuständig. Wegen einer toten Frau aus Oberursel muss Sutter zum Standesamt fahren und den Sterbefall dort melden. In einer Klarsichtfolie liegen die blauen Leichenschaupapiere, die der Arzt am Sterbeort ausstellt, nachdem er die Todesursache festgestellt hat. Zu den Dokumenten gehört auch das in hellbraunes Leder gebundene Stammbuch der Familie und der Personalausweis; außerdem ein Brief in einem braunen Umschlag, der vertraulich ist und in dem die Todesursache steht.

Er geht nicht immer in die Kirche

Im Oktober und November sterben die meisten Leute, erzählt Sutter. In Frankfurt gibt es mehr als 40 Bestattungsunternehmen. Davon übernimmt nur eines die nicht natürlichen und ungeklärten Todesfälle. Die Pietät am Dornbusch kümmert sich ausschließlich um natürliche Todesfälle. Durchschnittlich haben sie zwei Bestattungen in der Woche, manchmal bis zu sechs. Seit dem Beginn der Ausbildung hat Sutter die Bestattung für mehr als hundertLeute mitorganisiert.

Mittrauern möchte Sutter nicht, er will sich nicht emotional verstricken. Nach der Arbeit versucht er abzuschalten. „Emotional bin ich stark. Ich kann mich kontrollieren.“ An einen Trauerfall erinnert er sich dennoch besonders: Angehörige eines Mannes, der mit Anfang40 starb, wollten, dass bei der Trauerfeier auch das Motorrad und das Surfbrett des Toten zur Dekoration gehören sollten. Beides stand dann während der Feier neben dem Sarg - dank einer Ausnahmegenehmigung. „Da haben wir dann nicht so übertrieben dekoriert, sondern eben männlich.“

Sutter sagt, er habe keine Angst mehr zu sterben, seit er die Ausbildung mache. Er denke mehr über den Tod nach, frage sich, was passiere, wenn er alt werde. „Man sollte das Leben genießen, weil man nie weiß, wann es zu Ende ist“, sagt er. Ihn berühren Trauerfeiern für junge Leute besonders. Dann kommen immer viele Leute, weil der Tod so überraschend kam. Er selbst will sich nicht verbrennen lassen, wenn er tot ist. Er hätte gerne eine Erdbestattung mit Pfarrer. „Also ganz christlich“, sagt er verlegen. Die Trauerfeier kann er sich in einer Kirche vorstellen. „Ich gehe nicht immer in die Kirche, aber ich bin auf jeden Fall gläubig“, sagt Sutter. Gott gibt es für ihn. Und ein Leben nach dem Tod auch.

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Von Matthias Alexander

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