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Ausstellung zu Rainer Werner Fassbinder : Nachwirkung eines Giganten

Inspiration bis heute: „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, 1972 (Setfoto). Bild: Deutsches Filminstitut, Peter Gauhe

Das reiche Werk Rainer Werner Fassbinders und aktuelle Videokunst verbindet das Deutsche Filmmuseum in seiner neuen Ausstellung.

          „Fassbinder jetzt!“ – der offensive Titel hat nicht nur damit zu tun, dass sechs aktuelle Positionen der internationalen Videokunst zu Rainer Werner Fassbinder (1945 bis 1982) in Bezug gesetzt werden. Auch das filmische Werk Fassbinders ist gute sieben Monate lang im ganzen Haus des Deutschen Filmmuseums Frankfurt wieder oder gar neu zu entdecken, wird in ein Jetzt geholt. Kuratorin Anna Fricke hat damit für das Haus gewissermaßen eine neue Position bezogen. Die zum Teil sehr langen Arbeiten von Jesper Just („A Fine Romance“, 2004), Jeroen de Rijke und Willem de Rooij („Mandarin Ducks“, 2005) und Maryam Jafri („Costume Party“, 2005) verwandeln das Filmmuseum gewissermaßen in eine Kunstgalerie – aber in eine, die „black box“ und „white cube“ verbindet und damit Kinofilm und Kunstvideo aus ihren herkömmlichen Präsentationsformen in eine neue, gemeinsame überführt.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für den Betrachter offensichtlich ist die Auseinandersetzung mit Fassbinder bei Runa Islam („Tuin“, 1998), wo die legendäre Kamerafahrt aus „Martha“ nachgestellt und quasi entkernt wird, oder in den Arbeiten Ming Wongs, die den Zuschauer in der Eingangshalle empfangen. Der Künstler aus Singapur schlüpft in die Rollen der Petra von Kant oder Emmis und Alis aus „Angst essen Seele“ auf und radebrecht sich durch den Originaltext – eine ebenso komische wie ernste Hommage. Wo Charakteristika der Fassbinderschen Filmsprache wie Bildausschnitte, Melodramatik, Gewalt in Beziehungen und in der Gesellschaft oder Licht und Farben von der bildenden Kunst wieder aufgenommen werden, ist in den anderen Arbeiten nicht ganz so offensichtlich; konfrontiert mit Zitaten und Ausschnitten aus Fassbinders Werken aber gewinnt etwa Tom Geens’ in seiner Drastik eindrucksvolles „You’re The Stranger Here“ (2009) eine weitere Bedeutungsebene hinzu.

          Mit Leidenschaft und Zärtlichkeit

          Dass heute mancher Film aus Fassbinders zwischen 1966 und seinem frühen Tod im Jahr 1982 entstandenem Werk verstörender wirkt als in einem Programmkino der siebziger Jahre, stellte die Direktorin des Deutschen Filminstituts und des Filmmuseums, Claudia Dillmann, gestern bei der Präsentation der Ausstellung fest. Warum das so ist, können die Zuschauer in einer Werkreihe des Kinos entdecken. Die Anstrengungen, die von der Fassbinder Foundation zusammen mit dem Filmmuseum unternommen wurden, zahlen sich unter anderem im ersten Teil der Ausstellung aus. Dort sind faksimilierte Manuskripte zum Durchblättern für die Besucher ausgelegt, die sich selbst von Fassbinders Talent überzeugen können.

          In Schulheften und Kladden zeichnete er Storyboards mit Kugelschreiber, errechnete auf Hotelbriefpapier die erstaunlich niedrigen Kosten eines seiner Projekte oder verfasste für die Dreharbeiten zu „Warnung vor einer heiligen Nutte“ 1971 einen Aufruf an die „Freunde oder Genossen oder so“, mit Leidenschaft und Zärtlichkeit an das Projekt zu gehen. Die kleine Schau mit zahlreichen Interviewausschnitten gibt einen Eindruck davon, wie gut organisiert und reflektiert Fassbinder vorging, um in kürzester Zeit 44 Filme zu schaffen. Ihre Nachwirkung ist nun zu erproben.

          Die Ausstellung „Fassbinder jetzt!“ ist bis 1.Juni im Deutschen Filmmuseum Frankfurt zu sehen. Die Videoarbeiten im dritten Obergeschoss sind nur für Zuschauer von 14 Jahren an freigegeben. Der Katalog kostet 25 Euro. Begleitend zur Schau, gibt es im Kino des Filmmuseums eine Filmreihe, die am 2.November um 19.30 Uhr mit „Welt am Draht“ beginnt. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.deutsches-filmmuseum.de.

          Quelle: F.A.Z.

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