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Märklin-Schau in Frankfurt : Die Dampflok umfährt Klein-Gütenbach

Traum vieler Modellbahnfreunde: die Villa in Tessin aus dem Angebot der Firma Faller Bild: Gebr. FALLER GmbH

Das Deutsche Architekturmuseum zeigt die „Märklin Moderne“ und stellt Bungalows, Postämter, Kirchen ihren Modellen gegenüber. Das zeugt von der Faszination, sich die Welt im Hobbykeller nachzubauen.

          Von einer Villa im Tessin träumten viele in Wirtschaftswunder-Deutschland. Und etliche erfüllten sich diesen Wunsch auch. Indem sie nämlich eine in ihre Modelleisenbahn-Landschaft stellten, neben Bahnhöfe und Kirchlein auf grünen Bergen, Hochhäuser und Straßen mit Miniaturautos, in unmittelbarer Nähe zu den Schienen, auf denen Dampfloks mitsamt Kohlewägelchen paradoxerweise mit Strom angetrieben wurden, endlos ihre Runden drehten und gelegentlich per Weichenstellung die Route änderten.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist nicht die einzige Ungereimtheit, mit der die Freunde der verkleinerten Zug-Welt gut und gerne lebten. Die Maßstäbe stimmen hinten und vorne nicht: Die Modelle von Dorfhäusern und Wolkenkratzern unterscheiden sich in der Größe kaum. Und die Konstrukteure der Minigebäude scherten sich auch nicht um die Statik. In der Realität hätte mancher Geschäftshausblock nicht gebaut werden können, der im Kleinen eine glänzende Figur machte. Oder wäre bald nach Fertigstellung in sich zusammengefallen.

          Auf der Suche nach den Originalen

          Die Ausstellung „Märklin Moderne“ im Deutschen Architekturmuseum zeigt seit Samstag aus Bausätzen von Firmen wie Faller, Vollmer, Kibri oder dem DDR-Spielzeugunternehmen Vero hergestellte Modellbauten, die vornehmlich als Zubehör für Modellbahnen gedacht waren. Daniel Bartetzko und Karin Berkemann, die Kuratoren der Schau, hatten sich auf die Suche nach den Originalen gemacht, die den Modellentwerfern als Vorbilder dienten.

          Sie fanden erstaunlich viele davon in Gütenbach im Schwarzwald, wo Faller seinen Firmensitz hat. Den wenigsten Bastlern dürfte bewusst sein, dass sie sich zu Hause ein Klein-Gütenbach zusammenklebten, wenn sie ihrem Hobby nachgingen. Und womöglich bei Hochhäusern an die große weite Welt dachten. Oder an Metropolen.

          Das Original: die reale Villa in Tessin nahe dem Gotthardtunnel

          Dabei war es der 1959 errichtete Firmensitz von Faller, der im Modellbausatz „Hochhaus“ verewigt wurde – mit ein paar zusätzlichen Stockwerken. Der Eindruck einer schlichten Nachkriegsmoderne blieb freilich erhalten. Auch die 1965 geweihte katholische Kirche des Schwarzwaldortes schaffte es, ein Modellbausatz zu werden und zahlreiche Bahnlandschaften zu zieren: als Prototyp eines modernen Sakralbaus. Die Villa im Tessin hat ihr reales Pendant in einem Einfamilienhaus nahe dem Gotthardtunnel. Den Brüdern Faller gefiel es so gut, dass sie eine ähnliche Villa in Gütenbach bauen ließen. Als Bausatz wurde sie eines der erfolgreichsten Modelle der Firmengeschichte.

          Entspanntes Verhältnis zum modernen Bauen

          Die Ergebnisse der kuratorischen Recherche wird an den Wänden in der dritten Etage des Museums präsentiert. Hagen Stiers Aufnahmen der noch real existierenden Bungalows, Postämter, Kirchen, Autobahn-Raststätten, Hochhäuser, Bahnhöfe, Ferienhäuser, Geschäftsgebäude sind den Werbefotos von einst, die für einzelne Modelle Reklame machten, gegenübergestellt. Auch fröhlich bunte ostdeutsche Plattenbauten lachen die Besucher an.

          Erstaunlich ist das entspannte Verhältnis zum modernen Bauen, das sich in dieser Ausstellung offenbart und so gar nicht zum Bild der fünfziger und frühen sechziger Jahre als restaurativer Epoche passt. Die architektonische Moderne steht auch in der Märklin-Eisenbahnlandschaft, die Teil der Ausstellung ist, friedlich neben Fachwerkhäusern und historisierenden Fassaden.

          Panoptikum der ersten beiden Jahrzehnte der alten Bundesrepublik

          Die Lok kann in Bewegung gesetzt werden, aber nicht – wie einst üblich - mit einem Trafo, sondern über eine digitale Schaltung, die auch für Zwangspausen sorgt. Denn andernfalls drohte der Elektrik des Bähnchens das baldige Durchschmoren. Erinnerungen werden wach. An die Zeit, als man die Lokomotive gerne auf Güterwaggons auffahren ließ. An Entgleisungen. An die Macht am Trafo, die der Knabe ungern mit der Schwester teilte, wie an fotografischen Dokumenten aus jenen Jahren ersichtlich ist. Damit und mit Katalogen, Verpackungen und anderen Objekten wird die Ausstellung zu einem Panoptikum der ersten beiden Jahrzehnte der alten Bundesrepublik. Sie zeugt aber vor allem von der Faszination, sich die Welt anzueignen, indem man sie im Hobbykellerformat nachbaut.

          Im Zuge ihrer Recherchen sind die Ausstellungsmacher auf Gerald Fuchs gestoßen, der auf der Grundlage von Faller-Bausätzen eine Vielzahl von Modellbauten schuf, die er in vielerlei Hinsicht veränderte: So stellte er eine Reihenhaussiedlung aus lauter Tessiner Villen her. Und Hochhauskomplexe mit phantastischen Auf- und Anbauten. Fuchs’ Modelle sind bis jetzt noch nie ausgestellt gewesen, sie verraten große Leidenschaft und feinmotorische Geschicklichkeit – Fuchs ist Zahntechniker von Beruf. Die Installation ist von erstaunlichem Umfang: Was immer Faller auf den Markt brachte, der Hobbymodellbauer hat es verarbeitet.

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