Home
http://www.faz.net/-gzg-6yrp7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung Was das kleine Karo sagt

 ·  Moden-Schau: In Frankfurt zeigt das Museum für Kommunikation die Ausstellung „Fashion talks“.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Wie soll ich entscheiden, was ich heute anziehen will, wenn ich noch nicht weiß, wie ich mich fühle? Wer glaubt, das sei eine Frauenfrage, kennt seinen Werther nicht, nicht den Byron-Chic und nicht Marschall Murat, den Schwager Napoleon Bonapartes, dessen größte militärische Errungenschaften in der Erfindung juwelenbestickter Phantasieuniformen bestand. Ganz zu schweigen von den Crinkle-Schal-Trägern unserer Tage, die wissen, dass die falsche Jeans in gewissen Kreisen als nimmermehr wiedergutzumachendes Fashion-Nogo registriert wird.

Was also soll ich anziehen? Die Frage empfängt den Besucher jetzt in der neuen Ausstellung des Frankfurter Museums für Kommunikation. Zwischen zwei Spiegelwänden, umzingelt von weißen, mit internationalen Designernamen und -Objekten versehenen Modepuppen, darf er sich ihr stellen - und es sind nicht nur die Frauen, die da kritisch ihr Spiegelbild mustern, während eine Audioinstallation auf sie einprasselt.

Die Uniform nimmt einen großen Raum ein

Dass Mode ein Form der Kommunikation ist, mag eine Binsenweisheit sein. Sie ist eine, mit der man sich sehr fruchtbar auseinandersetzen kann. „Fashion talks“ lautet der Titel der üppigen Ausstellung, die mit einem ebenso üppigen Begleitprogramm vom ambitionierten Katalog über ein Designstudio bis zum Kleidertausch nun bis zum 2.September zu sehen ist. Das Gerede allerdings, das den Besucher als Soundcollage mit der Anzugsfrage und anderen Philosophierereien zu „Mode im Spannungsfeld von Wirtschaft und Gesellschaft“ empfängt, ist Indiz zumal für den ersten Teil des Konzepts, in dem „Fashion talks“ dafür steht, nicht die Mode selbst sprechen zu lassen, sondern, in unterschiedlichen Themenfeldern und untermalt von wummernder Techno-Musik, Wesensmerkmale von Mode darzustellen.

Die Uniform nimmt einen großen Raum ein: Von der aus den Beständen des Museums stammenden Postuniform des 19.Jahrhunderts bis zu den Husarenjäckchen heutiger Designer reichen die Objekte, anhand deren Abgrenzung und Zugehörigkeit als Spannungsfeld von Mode illustriert wird. Kunstwerke wie ein aus Designerlabels genähter Mantel von Silke Wawro mit dem Titel „759.987,20 Euro Cent“ begleiten die Texte und Fotografien zu Einheitslooks von Ministranten, Trachtenvereinen oder Müllwerkern. Von dort ist es nicht weit zu den verschiedenen Jugend-Subkulturen, den symbolischen Kleidungsstücken ihrer Angehörigen und der Frage, wie die Mods, Punks und Gothics in die Allerweltsmode gefunden haben, während im nächsten Themenfeld, „Strategien des Modemarketings“, Schaukästen Phänomene wie Öko-Mode, Tradition als Verkaufstaktik oder „Do it yourself“ anhand von Objekten zeigen.

Denim, Tartan und Camouflage

Warum allerdings diese bisweilen temporären Phänomene so stark sind, weshalb Kunst, Musik, Mode sich immer wieder befruchten; wie es kommt, dass bestimmte politische Haltungen sich in Bekleidungsstilen äußern, dafür gibt auch ein riesiges, als Netzwerk gestaltetes Diagramm keine wirkliche Auskunft, das „Popkultur“, „Schönheit“ oder „Events“ mit reichlich Pfeilen in Beziehung setzt. Und eine Videowand mit Ausschnitten von Modenschauen von Vivienne Westwood über Alexander McQueen bis Louis Vuitton weiß trotz des opulenten Bildmaterials nicht einleuchtend darzustellen, warum Militärlook, Subkulturen oder Tabubrüche für Designer so anziehend sind. Ob „Zitieren, Übertreiben, Zuspitzen, Provozieren“ wirklich die Strategie der Mode schlechthin ist - oder nur derjenigen unserer Tage? „Modemacher stehen unter dem Druck, stets Neues erfinden zu müssen“, heißt es dort, als sei das schon Erklärung genug. Auf der schönen Plattform „Das Neueste vom Neuen“ immerhin stellen in vierwöchigem Wechsel junge deutsche Modedesigner Kreationen zwischen Mode und Installationskunst vor, den Anfang macht das Frankfurter Label leonid matthias mit einem kunstvollen „Wahlzettelkleid“.

Auf wesentlich einleuchtenderem Terrain bewegt sich der zweite Teil der Schau, nicht nur, weil er als befühl- und benutzbare Installation gestaltet ist. Er geht den Spuren von drei Stoffen und Mustern durch die Bekleidungsgeschichte nach, Denim, Tartan und Camouflage. Oder vielmehr: Die Jeans als Uniform des globalen Alltags, das Karomuster als Phänomen der Zugehörigkeit und der Weg des Fleckenmusters von der Tarnung zur modischen Auffälligkeit. Eine kulturgeschichtliche Studie, illustriert mit schönen Wandskizzen im hölzernen Aufbau, mit Mitmachstationen, an denen man unter anderem sein eigenes Tartan-Muster am Computer erstellen kann, und Objekten der Mode- und Designgeschichte, die weit besser verdeutlicht, was die Schau sich vorgenommen hat: zu zeigen, was Mode mit Kommunikation zu tun hat.

Die Ausstellung ist bis zum 2.September zu sehen und dienstags bis freitags von 9 bis 18 sowie samstags und sonntags von 11 bis 19 Uhr geöffnet. Informationen zum Begleitprogramm gibt es im Internet unter www.mfk-frankfurt.de. Der Katalog „Fashiontalks“ kostet 19,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

Jüngste Beiträge

Geben und nehmen

Von Matthias Alexander

Wer immer nach der Landtagswahl im September Finanzminister wird, steht mit Blick auf den kommunalen Finanzausgleich vor einer undankbaren Aufgabe. Schon bis Ende 2015 muss ein neues Modell gefunden sein. Mehr 1