Home
http://www.faz.net/-gzg-6vaoa
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ausstellung über „Zigeunerbilder“ Hausbesetzung als Begleitmusik

23.11.2011 ·  Eine Darmstädter Ausstellung über „Zigeunerbilder“ in Geschichte und Gegenwart bekommt einen unerwarteten Rahmen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Udo Engbring-Romang muss selbst schmunzeln. Da ist in großer Schrift auf einer Stellwand „Typisch Zigeuner“ zu lesen, und direkt davor liegen zwei junge Leute im Foyer des Justus-Liebig-Hauses dösend im Schlafsack. Eine andere Frau schlummert in einer Hängematte, und drum herum herrscht die Unordnung eines Heerlagers: Flaschen, Proviant, Kleidungsstücke - alles breit verstreut. Wer die Ausstellung des Landesverbandes der Sinti und Roma über „Zigeunerbilder“ in Darmstadt besucht, kommt an dieser Szenerie derzeit nicht vorbei, und er entgeht vermutlich auch nicht dem irritierenden Gedanken, hier handele es sich um eine Kunstaktion, die das klassische Zigeunerbild inszeniert - das vom fahrenden Volk, das keiner festen Arbeit nachgeht, sondern „herumlungert“.

Aber die Assoziation ist falsch. Nur wenige Tage nachdem Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) zusammen mit Vertretern des Landesverbands die Ausstellung im Justus-Liebig-Hauses eröffnete hatte, haben 50 bis 60 Schüler und Studenten das Foyer besetzt. Die Stadt duldet die Aktion seitdem, da das „Komitee für freie Bildung“ sich erkennbar bemüht, weder Besucher der Ausstellung noch Gäste der im Haus befindlichen Stadtbibliothek zu stören. „Bitte achtet die Ausstellung“ haben die Aktivisten sogar auf einen Zettel geschrieben. Der Historiker Engbring-Romang, der die Schau federführend mitkonzipiert hat, konnte gestern über diese friedliche Koexistenz nicht klagen. Er ist vielmehr auf die Idee gekommen, die Studenten zu fragen, ob sie noch ein Plakat mit der Aufschrift „Wir sind hier nicht bei Zigeunern“ schreiben wollten.

Klischees haben sich seit Jahrhunderten erhalten

Ein solcher Hinweis würde gut in das Ausstellungskonzept passen, das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger arbeitet, sondern mit Spiegelbildern spielt. Besucher müssen sich darauf einstellen, mit ihren Vorstellungen über „die Zigeuner“ konfrontiert zu werden. Etwa indem sie die Schubladen einer Kommode aufziehen, die Aufschriften tragen wie „Müßiggang“, „Betrug“, „nicht ausrottbar“ oder „Der wahre Zigeuner“. Aber Vorsicht: Wer den „wahren Zigeuner“ in der Schublade sucht, blickt in einen Spiegel - verspielter Hinweis darauf, sich doch bitte die eigenen Bilder vor Augen zu führen.

Engbring-Romang hat jüngst auf einer Tagung zum Thema „Zigeunerbilder im Film“ darauf hingewiesen, dass sich die klassischen Klischees seit Jahrhunderten erhalten haben. Seit der Basler Humanist Sebastian Münster in seiner Kosmographie von 1550 den Zigeuner als kriminell und betrügerisch beschrieben habe und als jemand, der Wahrsagerei praktiziere und unstet durch die Lande ziehe, sei das Bild „eigentlich immer nur verfeinert worden“. Dabei scheint die Figur des Zigeuners in der westlichen Kulturgeschichte unersetzlich. Von 1907 bis 2010 sind, erzählt Engbring-Romang, rund 4000 Filme entstanden, „in denen ein Zigeuner in irgendeiner Nebenrolle vorkommt, von James Bond bis Dracula“. Dass die Frauenfiguren dabei immer wieder sexistisch aufgeladen und als dämonisch-verführerische Gestalt gezeigt wurden, demonstriert die Ausstellung ebenso an zahlreichen Beispielen wie die Folgen von Diskriminierung und Verfolgung - vor allem in der Zeit des Nationalsozialismus.

Negative Erfahrungen in der Schule

Diese Folgen sind bis heute nicht überwunden, wie im dritten Teil der Schau zu sehen ist. Er basiert auf einer Umfrage zur Bildungssituation der Sinti und Roma, als die sich zwischen 70.000 und 100.000 Menschen in Deutschland verstehen. Von den Befragten haben 82 Prozent angegeben, negative Erfahrungen in der Schule gemacht zu haben. Noch neun Prozent der zwischen 14 und 20 Jahre alten Sinti und Roma gaben an, nicht die Schule besucht zu haben, nur zwei Prozent waren auf dem Gymnasium. Als wesentlichen Grund für diese Entwicklung nennt Engbring-Romang die in der Nazi-Zeit gewachsene und bis heute noch nicht überwundene negative Assoziationskette „Staat, Behörde, Schule“. Auch wenn die Umfrage nicht beanspruchen kann, repräsentativ zu sein, so zeigt sie für den Historiker doch, dass die Zugehörigkeit vieler Sinti und Roma zu „bildungsfernen Schichten“ in Diskriminierung und weiterbestehenden Vorurteilen ihre Wurzeln hat.

Die Geschäftsstelle des Landesverbandes, die ihren Sitz in Darmstadt hat, knüpft Hoffnung an die grün-schwarze Stadtregierung. Schon der frühere Oberbürgermeister Peter Benz (SPD) hatte 2005 das „Zentrum für Demokratie und Menschlichkeit“ mitbegründet, dessen Vorsitzender Engbring-Romang ist. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, eine Dauerausstellung zum Thema „Antiziganismus“ in Darmstadt einzurichten. Im Koalitionsvertrag von Grünen und CDU wurde das Projekt als Element der „Erinnerungskultur“ festgeschrieben. Man wolle „die Schaffung eines Raumes für die Ausstellung ‚Verfolgung der Sinti und Roma‘“ prüfen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Blockiert

Von Matthias Alexander

Die Polizei zeigt derzeit in Frankfurt massive Präsenz. Manchem mag das übertrieben vorkommen. Doch am Ende haben jene, die auf den schlimmsten Fall vorbereitet sein wollten, die besseren Argumente. Mehr 1 4