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Kunsthalle Schirn : Explosionen und Gitterstäbe

Die Ausstellung „The Schirn Ring“ gibt einen Einblick in die Ästhetik von Peter Halley. Und feiert das Licht der frühsommerlichen Sonne.

          Künstler arbeiten assoziativ. Auf eine Gemeinsamkeit von „Schirn“ und „Cern“ zu kommen darf freilich als besonders kreativ gelten. Eine Verbindung, die auf der Ähnlichkeit der Aussprache im Englischen beruht. Aber wo es Klanggleichheit gibt, stellen schöpferische Menschen gern auch inhaltliche Zusammenhänge her. In Genf werden Teilchen durch ringförmige Beschleuniger gejagt, der 2008 eröffnete „Large Hadron Collider“ fördert Kleinstbausteine oder vielmehr: Miniaturenergiezustände der Materie zutage, von denen sich die klassische Atomtheorie nichts hat träumen lassen.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          In Frankfurt, so ungefähr sieht es Peter Halley, bildet die Rotunde der Schirn-Kunsthalle ein Kraftfeld, ein innerstädtisches Energiezentrum, wo mittels Kunst und Architektur Ideen beschleunigt werden. Der amerikanische Künstler erkennt Parallelen zwischen zwei Institutionen, die auf den ersten Blick doch ganz unterschiedliche Aufgaben haben. Bei genauerem Hinsehen aber geht es beiden um ein besseres Verständnis der Wirklichkeit, um die Auflösung simpler Erklärungsmuster, um die Erzeugung neuer Realitäten. Und die äußere formale Übereinstimmung, das Ringförmige, leuchtet einem ohnehin sofort ein.

          Ein Labyrinth mit Sogwirkung

          „The Schirn Ring“ heißt denn auch das komplexe Werk, das der 1953 geborene Grenzgänger zwischen Malerei, Naturwissenschaften, Kommunikationsforschung und anderen Disziplinen für einen Ort geschaffen hat, der mittlerweile ästhetisch deutlich von den teilweise schon wiederaufgebauten Altstadt-Häusern bestimmt wird. Der scheidende Schirn-Direktor Max Hollein selbst hat die Schau kuratiert. Die Installation beschränkt sich aber nicht auf den Außenbereich der hoch aufragenden Rotunde, sondern erstreckt sich auch über zwei Etagen im Inneren des Gebäudes, im Wesentlichen auf die beiden Umgänge des Rundbaus.

          Grenzgänger zwischen Malerei, Naturwissenschaften und Kommunikationsforschung: Peter Halley in einer Ausstellung in Genf
          Grenzgänger zwischen Malerei, Naturwissenschaften und Kommunikationsforschung: Peter Halley in einer Ausstellung in Genf : Bild: Guillaume Collignon

          Trotz der eigentlich klaren baulichen Situation fühlt sich der Besucher in eine Art Labyrinth versetzt oder vielmehr: in Kreisen gefangen, die eine so starke Sogwirkung entfalten, dass man glaubt, sich ihnen nicht mehr entziehen zu können. Und ständig im Kreis laufen zu müssen. Vor allem der Einsatz des Lichtes verursacht einen hypnotischen Eindruck. Ein leuchtendes Gelb dominiert. Halley war aufgefallen, wie hell es an den allmählich sommerlich werdenden Tagen in der Rotunde ist, deshalb hat er dem Licht eine tragende Rolle gegeben, indem er das Rund in eine Farbe tauchte, die gemeinhin mit der Sonne identifiziert wird.

          Starker Auftritt von Halley

          An die Eruptionen auf der Oberfläche des Gestirns erinnert die Explosion, die sich auf einem riesigen Digitaldruck, der auf zwei Ebenen die Rotunde umspannt, 28 Mal wiederholt. Eine malerische Äußerung, ein trotz gegenständlicher Anmutung abstraktes Statement, das an eine Kunstrichtung anzuknüpfen scheint, mit der Halley im Grund nicht allzu viel zu tun hat - den abstrakten Expressionismus. Die ureigene Ästhetik des 1953 geborenen Amerikaners lässt sich in der ersten Galerie erleben, wo zahllose Gitterstrukturen, von ihm „prisons“ genannt, die runde Wandfläche füllen.

          Endlose kleine Rechtecke mit Stäben, lauter Boxen, Zellen in Vereinzelung, die allerdings dennoch mit anderen in Austausch stehen. Im Hintergrund sind schemenhafte große Gebilde zu erkennen, die irgendwie mit „Cern“ und „Schirn“ zu tun haben. Da ist etwa die Gestalt des Hindugottes Shiva, einer Statue nachempfunden, die das Genfer Forschungszentrum als Geschenk bekam, was zu allerlei Verschwörungstheorien führte: Schließlich steht Shiva für das Prinzip der Zerstörung. In diesem Teil der Ausstellung ist Schwarzlicht für die Effekte zuständig, das die Formen deutlich und scharf, in einer gleichsam transzendenten Helligkeit hervortreten lässt.

          In der zweiten Galerie dagegen sind wir offenbar wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen, der ausgemessen wird von den diversen Abteilungen der Physik. Formen und Formeln im Überfluss, vergrößerte Skizzen Halleys aus den achtziger Jahren, die vom Gedankenkosmos dieses Künstlers zeugen. In der Schirn legt er einen starken Auftritt hin.

          Quelle: F.A.Z.

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