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Schau zur Operation Entebbe : In schlechter deutscher Tradition

Gerettet: Der am Mittwoch verstorbene Verteidigungsminister Israels Schimon Peres bedankt sich bei den Befreierin von Entebbe. Bild: Getty

Linksterroristische Entführer aus Frankfurt haben 1976 in Entebbe israelische Geiseln ausgesondert. Eine Ausstellung beschäftigt sich nun noch einmal mit dieser „Juden-Selektion“.

          Unter den vier Terroristen, die am 27. Juni 1976 eine Air-France-Maschine auf dem Weg von Tel Aviv nach Paris entführten, waren zwei Deutsche. Genauer gesagt: zwei Frankfurter, denn Winfried Böse und Brigitte Kuhlmann hatten sich beim damaligen Frankfurter Verlag Roter Stern radikalisiert und sich den „Revolutionäre Zellen“ angeschlossen. Der aus Bad Cannstatt stammende Böse soll diese Organisation für „Feierabend-Terroristen“, die sich später eng mit militanten Palästinensern verband, zusammen mit seinem Genossen Johannes Weinrich gegründet haben.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zusammen mit zwei palästinensischen Terroristen stiegen Böse und Kuhlmann an jenem schicksalhaften Junitag bei der Zwischenlandung in Athen in die Air-France-Maschine. Als das Flugzeug wieder in der Luft war, übernahmen die Entführer das Kommando und leiteten die Maschine mit seinen rund 250 Passagieren, darunter viele Juden, in die ugandische Hauptstadt Entebbe um. Dort wurden die Geiseln im alten Flughafenterminal festgehalten und von Böse und Kuhlmann in zwei Gruppen getrennt: jene Passagiere mit einem israelischen Pass und jene mit einer anderen Nationalität. Oder haben die beiden Terroristen nach Juden und Nichtjuden unterschieden? Viele Geiseln empfanden diese Trennung der Passagiere durch zwei Deutsche auf jeden Fall als „Selektion“, so wie sie einst auf der Rampe in Auschwitz betrieben worden war.

          Nur die Geiseln können Auskunft geben

          Frankfurter Geschichtsstudenten haben sich mit dem Fall jetzt noch einmal beschäftigt und eine kleine Ausstellung mit dem Titel „Die Selektion von Entebbe?“ erarbeitet. Sie ist in der Bildungsstätte Anne Frank im Westend bis zum 21. Dezember zu sehen.

          Das Fragezeichen im Titel ist für die Ausstellungsmacher entscheidend. Es geht ihnen um die Frage, ob die Aufteilung der Passagiere eine antisemitische Selektion war oder eine rein politische Aktion im Kampf der Palästinenser gegen Israel. Schriftliche Quellen gibt es keine, Auskunft können nur die Geiseln selbst geben. Einige von ihnen kommen in der Ausstellung zu Wort.

          Schon während des Fluges nach Entebbe ahnten manche, dass es um die jüdischen Passagiere ging. Einige hätten sich ihre Ketten mit Judenstern vom Hals gerissen und auf den Boden geworfen, erinnert sich die Biochemikerin Emma Rosenkovict, die einen israelischen und französischen Pass besaß und nicht vorzeitig freigelassen wurde, sondern bis zur gewaltsamen Befreiung durch ein israelisches Kommando Geisel blieb. Sie sprach, wie sie später zu Protokoll gab, den Entführer Böse an und fragte ihn, wie er als Deutscher Juden selektieren könne. Böse habe drauf keine Antwort gewusst, erinnert sie sich im Interview.

          Was für eine gezielte Juden-Selektion spricht

          Auch Yitzhak David, ein Auschwitz-Überlebender, versuchte, auf den Frankfurter Terroristen einzuwirken, indem er ihm seine auf den Unterarm tätowierte KZ-Nummer zeigte. Doch Böse ließ sich selbst davon nicht beeindrucken. „Ich sehe, dass sich nichts in Deutschland geändert hat“, sagte David daraufhin zu ihm.

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