18.10.2011 · Fotografien der Schweizer Künstler Nico Krebs und Taiyo Onorato in der Kunsthalle Mainz.
Von Katharina Deschka-HoeckEs ist die alte, wohlbekannte und immer wieder atemberaubende Ansicht auf die Gesteinsformationen des Grand Canyon. Und es ist sie doch nicht. Denn im Vordergrund der Fotografie, im Sand, stecken eine Handvoll Pommes frites aufrecht wie seltsame Gewächse. Ein komischer Verweis auf den American Way of Life, auf die touristisch nahezu vollkommene Erschlossenheit solcher Orte, die einmal der Wilde Westen waren. Aber auch ein überzeugender und witziger Einfall, wie Motive, die immer und überall zu sehen sind, noch einmal frisch und anders gezeigt werden können.
Für ihre Fotoserie „The Great Unreal“ haben die beiden Schweizer Künstler Nico Krebs und Taiyo Onorato mehrere Reisen durch die Vereinigten Staaten von Amerika unternommen. Dabei haben sie Sehenswürdigkeiten genauso aufgesucht, wie sie den Blick frei hatten für skurrile, ungewöhnliche Erscheinungen. Auf jeden Fall aber ist ihnen gelungen, noch einmal eine ganz überraschend neue Sicht auf dieses weite Land, die Träume, die sich mit ihm verbinden, und die Eigenarten seiner Bewohner zu werfen.
In der Kunsthalle Mainz sind jetzt Fotografien, aber auch einige Installationen und Objekte des Künstlerduos zu sehen - zum ersten Mal in Deutschland werden ihre Arbeiten in einer derart umfangreichen Präsentation vorgestellt. Das ermöglicht dem Besucher der Ausstellung, den einen oder anderen Querverweis in den Werken zu entdecken, der mitunter auch Auskunft über die Arbeitsweise von Nico Krebs und Taiyo Onorato gibt. Die beiden, - Onorato wurde 1979 in Zürich, Krebs 1979 in Winterthur geboren -, die an der Hochschule der Künste in Zürich studierten und seit 2003 zusammen arbeiten, sind nämlich der Manipulation nicht abgeneigt.
Im Gegenteil: In ihren analogen, meist nur als Unikate existierenden Fotografien erschaffen sie einen „verführerischen Illusionismus“. Die Orte, an denen sie fotografieren, verwandeln sie hierzu in eine Art Filmset. Zum Beispiel haben sie eine Landschaft fotografiert, eine Ebene mit fernen Bergen im Hintergrund, auf die ein Highway zuläuft. Nur wirkt der Highway etwas seltsam. Was daran liegen könnte, dass er eine Attrappe ist, und für die Aufnahme einfach auf ein Stativ geklemmt vor die Landschaft gehalten wurde. Das verrät eine andere Fotografie, die eben jene Arbeitsweise festhält.
Noch viele andere Irritationen halten Krebs und Onorato mit Hilfe von Collagetechniken und Verfremdungen für den Betrachter ihrer Bilder bereit. So zeigen sie ein Motelzimmer mit einfacher Einrichtung, dann dasselbe Motelzimmer noch einmal, nur ohne Wand. Hinter biederen Möbeln erstreckt sich plötzlich nächtliche Vegetation. Oder sie zeigen einen Baum im dunklen Wald, der in einem Loch in seinem Stamm Chipstüten und Cornflakes-Schachteln beherbergt, alle ordentlich aufgereiht wie in einem Supermarktregal. Ein anderes Foto im Großformat präsentiert eine amerikanische Siedlung, eine Art Campingplatz mit Autos vor den Häuschen, Briefkästen, Topfpflanzen, Vordächern. Und dann, in der Bildmitte, gibt es einen furchtbaren Bruch: Hier füllt dunkle Erde den unteren Teil des Fotos. Abgründe tun sich auf. Die Natur, so demonstrieren diese Bilder, wird zwar von den Menschen bezwungen. Doch sie könnte sich jederzeit alles wieder zurückholen. Und auch die Fotografie selbst und ihre Möglichkeiten werden auf spielerische, nicht aber belehrende Weise zum Thema gemacht: Offenbar ist diesem Medium nicht zu trauen. Denn was es zeigt, bildet keinesfalls nur die Wirklichkeit ab, wie uns die beiden Künstler ja auch immer wieder demonstrieren.
In ihren schwarz-weißen Arbeiten mit dem Titel „Light Of Other Days“ entwerfen sie ins Surreale reichende Bildwelten, die mit Hilfe von Spezialeffekten Rätselhaftes zeigen, wie eine Plastikhand mit abgeschnittenen Fingern, aus deren Spitzen seltsame Sprossen treiben und die Rose, die scheinbar Zigarette raucht. Oder wie ihre „Papierlandschaften“, Aufnahmen beispielsweise von Häusern aus der Vogelperspektive und dann von Wolken und nochmal Wolken, die auf je eigenen Papieren übereinandergelegt noch einmal die räumliche Anordnung des Abgebildeten nachvollziehen. Mit den „Schattentischen“ schließlich, Objekten, deren „Schatten“ sich - meist irritierend verfremdet - als Fotogramme auf Tischen wiederfinden und mit der Installation „Grow Homes“ - mit Fotografien beklebte Häuschen auf vier hohen Beinen, die kümmerlichen Pflanzen als Topf dienen - dehnen sie ihre Bildwelten in den Raum aus.
Katharina Deschka-Hoeck Jahrgang 1970, Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.
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