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Ausstellung „Phantastische Welten“ Fliegende Schweine am Frühstückstisch

Die Ausstellung „Phantastische Welten. Vom Surrealismus zum Neosymbolismus“ in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche suggeriert zwar in neun ausgewählten Positionen die Allmacht der Träume, doch ein tieferer thematischer Zusammenhang zwischen den Exponaten lässt sich nur schwer ausmachen.

Was André Breton wohl dazu sagen würde? Schließlich war der gestrenge Gründervater des Surrealismus nicht gerade zimperlich mit den Abweichlern der reinen Lehre und exkommunizierte im Zweifelsfall selbst enge Weggefährten wie Georges Bataille, Salvador Dalí oder auch Max Ernst. Insofern hätte man es denn auch vielleicht lieber lassen sollen, ihn gleichsam als Referenz dieser Ausstellung ausgiebig zu zitieren. Denn „Phantastische Welten. Vom Surrealismus zum Neosymbolismus“, so der Titel der Schau in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche, präsentiert zwar in der Tat auch ausgewiesene Künstler des Surrealismus wie Edgar Ende (1901-1965) oder den heute freilich weniger bekannten Georges Spiro (1909-1984).

Christoph Schütte Folgen:

Aber eben auch sonst so allerlei, was man phantastisch nennen könnte. Was aber die neun malerischen, vorwiegend mit Arbeiten nach 1945 vertretenen und sämtlich aus der Sammlung Axel Hinrich Murken ausgewählten Positionen dreier Generationen zusammenhält jenseits irgendwie traumhafter, absurder oder hübsch abgedrehter Phantasien, erschließt sich keineswegs von selbst. In der Ausstellung aber wird man es nicht erfahren. Dabei erscheint es keineswegs gänzlich abwegig, etwa die märchenhaft durch die Luft fliegenden Schweine und Chimären des 1970 geborenen Frank Jakob Esser mit Endes schwebenden „Waagen“ oder mit Spiros „Les riveaux galoux“ in Beziehung zu setzen.

Alles bleibt ein Traum

Doch was will die Ausstellung damit zeigen? Warum machen diese Künstler das in den sechziger oder siebziger Jahren und mithin zu einer Zeit, als die surrealistische Bewegung längst Kunstgeschichte ist? Oder gar, wie Esser, noch einmal 30 Jahre später? Keine Ahnung. Und die Ausstellung weiß es offensichtlich auch nicht. Der Kontext, in dem die Arbeiten jeweils entstanden sind, bleibt gänzlich außen vor und mithin so etwas wie eine Haltung, die wenigstens manche dieser Künstler durchaus verbinden könnte. So aber bleibt alles irgendwie Traum. Ob existenzielle Ängste oder heiteres Spiel, die Launen des Unbewussten oder neoromantische Kompositionen, wie sie Edi Brancolini vorführt: Phantastisch ist es sowieso.

Ähnlich verhält es sich auch mit Uwe Lausen oder Peter Bömmels, deren vorwiegend grafische Arbeiten hinterm Horizont von Traum und Albtraum fast ein wenig untergehen. Dass beide - Lausen, der sich 1970 das Leben nahm, in den bewegten sechziger Jahren, Bömmels als einer der neuwilden Protagonisten der Mülheimer Freiheit - in ihrer Malerei geradeso wie Edgar Ende die gesellschaftliche Bedingungen ihrer Zeit reflektieren, lässt sich in der Schau allenfalls erahnen. Und auch die Position Christine Webers, die sich vorwiegend von Filmszenen inspirieren lässt, nimmt sich in der Jesuitenkirche etwas verloren aus. Und so fragt man sich allmählich, was das alles soll. Freilich, hat man sich mit alldem erst einmal abgefunden, kann man sich hinter dem alles glatt bügelnden Schlagwort der Phantastik durchaus mit einigem Gewinn den Bildern widmen: Endes existentielle Themen verrätselnden Bildfindungen etwa, Spiros „Le joueur de viole“ oder „La femme renversée“; der neusachlichen Malerei des in Hanau geborenen Karl Heidelbach auch, der mit seiner 1968/69 entstandenen „Madame Rivière“ nach Ingres schon einmal vorausweist auf die postmoderne Strategie Roland Delcols, ikonische Werke der Kunstgeschichte wie Manets „Déjeuner“ oder Rembrandts „Anatomie des Dr. Tulp“ vor nachtschwarzem Hintergrund ein wenig zu „aktualisieren“. Die nackten Frauen jedenfalls, die nun hier auf dem Seziertisch liegen, dort sich am Frühstückstisch erschrecken, sind zweifellos der Gegenwart abgeschaut. Und Breton? Er würde derlei weniger surreal oder phantastisch, sondern, bei aller handwerklichen Perfektion, womöglich eher albern, angesichts der harmlosen Respektlosigkeit im besten Falle witzig finden.

Es fehlt die Überzeugungskraft

Eingedenk der Radikalität des frühen Surrealismus, wie sie etwa in den zwanziger Jahren in „La révolution surréaliste“ zum Ausdruck kam, wären ihm die Kunst Bömmels’ oder auch Lausens Blätter vermutlich ungleich näher. Surreal mag man zwar selbst Bömmels’ Radierfolge aus dem Jahr 1985 nicht vorbehaltlos nennen. Doch während etwa Ende quantitativ wie qualitativ stark, Heidelbach zumindest ordentlich vertreten ist, Christine Weber eher nichtssagend und man von Esser stärkere Arbeiten kennt, hätte man von diesen Künstlern durchaus gern mehr gesehen. Der“Allmacht des Traumes“ aber, wie es im Surrealistischen Manifest heißt, fehlt es in Aschaffenburg dann doch deutlich an Überzeugungskraft.

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Die Ausstellung in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche, Pfaffengasse 26, ist bis 3. März Dienstag von 14 bis 20 Uhr und Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Am 31. Dezember, 1. Januar und 12. Februar bleibt die Ausstellung geschlossen.

Quelle: F.A.Z.

 
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