Wenn es sich um das Thema „Schule“ handelt, können bildende Künstler eigentlich nur selten mit Schriftstellern konkurrieren. Zu zahlreich sind die meist beklemmenden literarischen Schilderungen des schulischen Alltags, wie Thomas und Heinrich Mann, Thomas Bernhard und andere sie mit hoher Anschaulichkeit verfasst haben - die Liste ließe sich fortsetzen bis in die unmittelbare Gegenwart. Ein vergleichbares Unbehagen, aber auch positive Eindrücke, die sich mit dem Sujet verbinden, werden auf Gemälden oder Zeichnungen in der Regel nur mittelbar deutlich. Das gilt auch für die jetzt unter dem Titel „Kunsthalle Darmstadt macht Schule - Motive von Erziehung und Autonomie“ präsentierten Bilder, von denen in dieser Schau gleichwohl nicht wenige sehenswert sind.
So nimmt im Ausstellungskapitel „Bühnen der Autorität“ Candida Höfers großformatige Farbaufnahme eines prächtigen, das Motto „Wissen ist Macht“ schon in der herrschaftlichen Architektur verkörpernden, jedoch völlig menschenleeren Saals im Girard College in Philadelphia eine zentrale Rolle ein. Ironisch wirkt das Bild einer offenbar frommen Schülerin aus vergangenen Zeiten, die Sigmar Polke unter dem Kruzifix in seiner „Klassenzimmer“ genannten Offsetlithographie aus dem Jahr 1995 dargestellt hat. Brave Schulkinder in altmodischer Kleidung, die sich mit Linealen und Geodreiecken gerade einen Überblick über verrätselte Zeichen auf einer riesigen Tafel verschaffen wollen, sind auf dem großen Gemälde „Messung“ der 1973 geborenen Malerin Simone Lucas zu sehen.
Auf eine völlig andere Weise
Beim Kapitel „Massen und Klassen“ ist das von Michael Fieseler stammende, überaus charakteristische Porträt eines Erstklässlers mit Schultüte zu sehen, mit einem Gesichtsausdruck, der eine Mischung aus Erwartung, Zweifel und Angst sichtbar macht. Hier treten auch mehrere Jugendliche in Justine Ottos überdimensionalen Porträts auf, in T-Shirts mit Sprüchen wie „Auch wenn Sie’s nicht vermuten, wir sind die Guten“. Mitten in einem Saal steht das betagte Schülerpult des 2003 verstorbenen argentinischen Künstlers Jack Vanarsky, das magische Eigenschaften besitzt, denn auf der Holzplatte liegt ein Buch, das von unbekannter Hand ständig umgeblättert wird: „La tour du monde à la rame“ heißt das Werk. „Ich bin Türke, bin ehrlich und fleißig“ hat Esra Ersen, die 1970 in Ankara geborene, heute in Berlin lebende Künstlerin ihre aufwendige Installation im ersten Stockwerk der Darmstädter Kunsthalle genannt: Sie zeigt dort Dutzende von hübschen türkischen Schuluniformen, dunkelblauen Blusen mit runden weißen Krägen und dazu Filme mit Interviews westeuropäischer und asiatischer Kinder, die für kurze Zeit diese Uniformen trugen.
Die berühmte Schultafel von Joseph Beuys aus seinem Düsseldorfer „Büro für direkte Demokratie“, auf der er im Jahr 1971 die Prinzipien und Vorgehensweisen einer basisdemokratischen Willensbildung aufgezeichnet hatte, steht im Mittelpunkt des Ausstellungskapitels „Schulmeister Kunst“. Beuys’ Schüler und Mitstreiter Johannes Stüttgen ist mit abstrakten Zeichnungen zum Thema präsent. Auf völlig andere Weise hat sich Anselm Kiefer mit dem Thema Bildung auseinandergesetzt: Auf seinem großformatigen Gemälde „Wege II“ sind wie auf einer Schultafel deutsche Geistesgrößen wie Immanuel Kant, Friedrich Hölderlin oder Martin Heidegger zu erkennen. Und als eine Art Nachtisch werden schließlich Zeichnungen, Druckgrafiken und Fotografien von Heinrich Zille präsentiert, der einerseits freche und vergnügte Kinder und andrerseits brave Schüler zeichnete und für das Thema der Ausstellung „Erziehung und Autonomie“ als Inspirationsquelle gedient habe, wie es heißt.