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Veröffentlicht: 11.07.2016, 11:39 Uhr

„Los der Kybernetik“ Roboter im Liebestaumel

Schöne neue Welt: Seine Sommerschau zum „Los der Kybernetik“ zeigt der Neue Kunstverein Aschaffenburg im steten Wandel.

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© Neuer Kunstverein Aschaffenburg Götterspeise unter dem Scanner: Installation von Markus Wirthmann in Aschaffenburg

Vielleicht ist es mit der schönen neuen Welt ja doch nicht so weit her. Und all die kleinen Helferlein, die uns das Leben wie die Heinzelmännchen längst vergangener Zeiten zu erleichtern trachten, machen auf einmal, was sie wollen. Saugen nicht mehr unseren Teppich, schalten nicht das Licht an oder aus und füllen mit ihren Algorithmen noch nicht mal unseren Kühlschrank auf.

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Jedenfalls, wenn man Paul Granjons Roboterpärchen glauben will, das jetzt im Neuen Kunstverein Aschaffenburg nicht etwa den Boden wischt, Kaffee kocht oder die Korrespondenz erledigt, sondern blinkend, piepsend, glucksend vor den Augen des Betrachters das älteste Paarspiel überhaupt zu spielen anhebt. Und sich nach dem kurzen Höhepunkt gleich wieder trennt.

Als eine „Ausstellung mit vielen Fragezeichen“, so hat die Leiterin des Kunstvereins, Elisabeth Claus, die Sommerschau in ihrem „Kunstlanding“ charakterisiert. Doch das ist „Los der Kybernetik“ freilich weniger aufgrund einer, nun ja, gewissen Freizügigkeit des blechernen, wie in einem Zoo sein Gehege erkundenden Liebespärchens geworden. Vielmehr verstehen die von Nanna Hirsch und Lex Rijkers eingeladenen Positionen Kunst und die Kunstpräsentation selbst als Experiment mit keineswegs in jedem Fall gewissen Ausgang. Das liegt an der Natur der kybernetischen Sache: Dem Titel der Schau konsequent entsprechend erscheint „Los der Kybernetik“ als eine Ausstellung im permanenten Wandel.

Das sollte sich schon bei der Eröffnung zeigen. So stellte der im walisischen Cardiff lebende Franzose Granjon nicht nur sein sich gelegentlich für einen Quickie zusammenfindendes Roboterpärchen vor. Er lud auch gleich das Publikum in sein mit ausrangierten Druckern, Telefonen und Verstärkern, mit elektronischen Zahnbürsten und Babyphones, Bildschirmen und Anrufbeantwortern reich bestücktes Materiallager zu einem „Wrekshop“ ein, um aus allerlei Elektroschrott eigene Roboter zu erschaffen. Derweil zeigt sich Markus Wirthmann in seinem Werk vor allem am künstlerischen Prozess selbst interessiert. Und führte zur Vernissage auch gleich vor, was das heißt, wenn heutzutage alle Kuratorenwelt vom Künstler als dem Forscher des 21. Jahrhundert fabuliert. Live und in Farbe.

Ob der 1963 in Aschaffenburg geborene Künstler rote, gelbe, grüne oder blaue Götterspeise aus dem Supermarkt auf den Scanner legt wie für die ein wenig kalauernden „Applied Kitchen Sciences“ oder ob er alle paar Tage einen Zentner Sand auskippt und von seinen Windmaschinen in eine Dünenlandschaft verwirbeln lässt wie für die „Äolischen Prozesse“: Am Ende der künstlerischen Experimentierlust stehen doch vor allem Bilder. Das gilt für die Kunst Wirthmanns wie für die Roboter Granjons, und für die Arbeiten des jüngsten der vertretenen Künstler, Philip Topolovac, gilt das in vielleicht noch verstärktem Maße.

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Dabei ist sein Medium vor allem die Skulptur, sind es mit „Modulit“ eine ganze Serie von seltsam beschädigt sich ausnehmenden Raumstationen aus Wellpappe oder ein wucherndes „Aggregat“, die an die „Star Trek“-Begeisterung der eigenen Kindheit ebenso erinnern mag, wie an düstere Phantasien vom Zeitalter entfesselter Maschinen. Und doch tauchen die meisten der zahlreichen, präzise gesetzten Fragezeichen in dieser Ausstellung vor jenen Exponaten auf, die nicht Science-Fiction, sondern die urbanen Landschaften der Gegenwart zum Thema haben.

Dabei sind die Motive ganz und gar banal. Doch wenn Topolovac „Bodenproben“ nimmt und die im Berliner Stadtraum aufgelesenen Brocken auf schlanken weißen Sockeln präsentiert; wenn er Sand- und Geröllhaufen fotografiert und die vorgefundenen Situationen derart als Hochgebirge oder Gletscherlandschaft inszeniert, dann lässt er selbst das Naheliegende, Vertraute, kaum überhaupt Wahrgenommene fremd und geheimnisvoll erscheinen. Die schöne neue Welt aber, es ist die unsere. Und erst der Blick des Künstlers erfindet sie mit jedem Tag noch einmal neu.

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Von Jochen Remmert

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