21.11.2011 · Eine bislang unbekannte Serie des Fotografen Rudolf Holtappel zeigt im Museum Wiesbaden die Welt der Warenhäuser.
Von Christoph SchütteDas waren noch Zeiten! Man trug bevorzugt Anzug und als Herr wie als Dame ganz selbstverständlich einen Hut, beim Frisör ließ man sich eine Wasserwelle legen, und als Kind mochte man kaum größere Wünsche hegen, als für einen Groschen wenigstens ein paar glückselige Minuten auf einem Schaukelpferd durch die Prärie zu reiten. Das war das Wirtschaftswunder, mag man sich vor diesen Bildern denken. Und: Lang ist’s her. Doch „Menschen im Warenhaus“, so der Titel der Ausstellung mit Fotografien Rudolf Holtappels, derzeit im Museum Wiesbaden zu sehen, ist weit mehr als eine nostalgisch stimmende fotografische Reise in die sechziger und siebziger Jahre.
Der 1923 geborene Holtappel, der vor allem mit seinen Aufnahmen des Ruhrgebiets, aber auch als Theaterfotograf bekannt geworden ist, hat mit diesen über 30 Jahre hinweg im Auftrag des Karstadt-Konzerns entstandenen Bildern nicht weniger als ein Stück Kulturgeschichte geschrieben. Denn all das gibt es längst nicht mehr. Nicht so, wie es diese Bilder zeigen. Nicht die livrierten Türsteher, die im Winterschlussverkauf den Einlass regeln, nicht die Stürmung einer neu eröffneten Filiale, wie sie das 1971 in Saarbrücken aufgenommene Foto dokumentiert, und auch nicht solche Menschenmassen, die sich an den Wühltischen um Schnäppchen, um Nachthemden oder Pullover für fünf oder sechs Mark streiten.
Schlussverkauf ist heute ja doch das ganze Jahr. Und im Zeitalter von Malls und Entertainment-Centern hat sich das Warenhaus auch seltsam überlebt. Das Besondere an diesem bislang unbekannten Konvolut aus 120 Schwarzweißaufnahmen aber ist, dass es als Auftragsarbeit nicht nur das Kaufhaus selbst, die funkelnde Modernität des Gebäudes, die Vielfalt des Angebots oder die verführerisch drapierten Auslagen fokussiert. Holtappels Interesse gilt stets den Menschen. Den staunenden, ungeduldigen, erschöpften Kunden, die hier versonnen, dort entschlossen Preise oder Qualität vergleichen.
Den brav gescheitelten Buben, die mit glänzenden Augen eine Spielzeugkutsche oder ein Modellflugzeug betrachten; oder auch den dreisten Dieben, die klammheimlich Schmuck, hier ein Parfum und dort buchstäblich silberne Löffel klauen. Und keineswegs zuletzt den Verkäufern und Kassiererinnen, die den überforderten Kunden seinerzeit noch überaus freundlich und nicht minder kompetent mit Rat und Tat zur Seite standen. Während Holtappel bei den Massenszenen meist einen leicht erhöhten Standpunkt einnimmt, bewegt er sich hier mit seiner Leica stets auf Augenhöhe. So gelingen ihm spannungsvoll komponierte Aufnahmen von äußerster Intimität, denen jeder obszöne Voyeurismus fremd ist.
Nicht einer der Protagonisten, scheint es, nimmt den Fotografen und seine Kamera überhaupt wahr. Damen, Herren, Kinder, alle bleiben im größten Trubel ungestört und sind hier ganz bei sich in ihrer eigenen Welt, die sich im Kosmos Warenhaus im Grunde bloß gespiegelt findet. In die Stadt fahren, einkaufen, ein Kleid anprobieren oder einen Hut und zum Abschluss dieses Feiertages ein Stück Torte essen: Konsum, das war einmal Notwendigkeit und besonderes Ereignis zugleich. Mag sein, das Glücksversprechen des Kaufhauses war schon immer, wo nicht billig, so doch zumindest preiswert zu erwerben. Und dass Konsum und Bedarf auf diesen Fotos beinahe noch als Synonyme erscheinen, ist eine blanke Illusion.
Vielleicht auch sind es nichts als die verklärten Bilder der eigenen Erinnerung, die den Betrachter beim Anblick dieser Szenen fast ein wenig melancholisch stimmen. Ist doch das einstige Erlebnis längst schon keines mehr. Gleichwohl scheint die Welt des Warenhauses in Holtappels Aufnahmen der unseren merkwürdig fremd geworden. Und auch das Wort Konsum hat in der Lifestyle-Gesellschaft unserer Tage einen anderen Klang. Heute erledigt man gestresst den Einkauf. Und geht in seiner Freizeit gerne shoppen.