Orangen zu pflücken und Ölbäume zu beschneiden, war nicht der Lebenstraum des Ernst Loewy. Landwirtschaft hat er auf einem jüdischen Versuchsgut nur deshalb gelernt, weil eine solche Ausbildung ihm die Einreise ins englische Mandatsgebiet Palästina ermöglichte. Mit 16 Jahren ist der Junge aus Krefeld dort gelandet, in der Gemeinschaftssiedlung Kirjat Avarim wartete harte Feldarbeit auf ihn. In seinem ersten Brief an die Eltern in Krefeld zeigte er sich „äußerst enttäuscht“. Seine Mitbewohner seien reine Proletarier, für die es nur ihre Arbeit, das Essen und das Schlafen gebe, beklagte er sich. An geistigen Dingen hätte sie nicht das geringste Interesse.
Loewy ist nicht als begeisterter Pionier nach Palästina gegangen. Er wolle lediglich der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime entgehen. Der Schufterei im Kibbuz ist er schnell entflohen. Als Lehrling beim Liberty Bookstore in Tel Aviv konnte er seiner wahren Bestimmung folgen, nämlich sich mit Kultur und Büchern auseinanderzusetzen. 1956 kehrte Loewy nach Deutschland zurück und leitete fast zehn Jahre lang die Judaica-Abteilung der Frankfurter Stadt- und Universitätsbibliothek. Bei Adorno machte er das Begabten-Abitur und studierte danach in Mainz Germanistik. Er wurde zu einem hochangesehenen Fachmann im Deutschen Rundfunkarchiv und galt als Kapazität auf dem Feld der Exilforschung.
Verschiedene Schicksale
Wie Loewy sind während der nationalsozialistischen Diktatur eine halbe Million Deutsche und Österreicher ins Exil gegangen. Großschriftsteller wie Thomas Mann oder Stefan Zweig, aber auch viele Namenlose, die wegen ihrer politischen Arbeit oder einfach nur, weil sie jüdischer Abstammung waren, sich in ihrem Heimatland nicht mehr sicher fühlen konnten. Ihr Weg führte die Emigranten zuerst in die Nachbarländer Frankreich, Italien, England oder Tschechoslowakei, später, als die deutschen Armeen Europa überrollten, in die Vereinigten Staaten, nach Südamerika oder zuweilen auch nach Asien.
Die Schicksale dieser Vertriebenen waren so verschieden wie ihre Berufe oder ihre Aufnahmeländer. Ob sie sich im Exil zurechtfanden, ob sie weiter ihrem alten Beruf nachgehen konnten, ob sie in ihrem Gastland blieben oder nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrten, hing von vielen Faktoren ab: von den Sprachkenntnissen etwa oder der Bereitschaft zur Anpassung an eine neue Welt.
Gedichte in Englisch
In der Ausstellung „Fremd bin ich den Menschen dort“ in der Deutschen Nationalbibliothek werden 16 Schicksale vorgestellt. Nicht nur Schicksale von Schriftstellern wie Leo Perutz, sondern auch von politischen Aktivisten wie Margarete Buber-Neumann oder Wissenschaftlern wie Fritz Neumark, der später zwei Mal Rektor der Frankfurter Universität war und als einer der Väter der D-Mark gilt. Die Objekte der Ausstellung stammen alle aus dem Deutschen Exilarchiv der Nationalbibliothek, deren Leiterin Sylvia Asmus hat sie geschickt zum Sprechen gebracht. Sein Leben im Exil hat Loewy einmal mit dem Satz charakterisiert: „Wir saßen sozusagen zwischen den Stühlen.“ In Deutschland nicht mehr zu Hause, in Palästina noch nicht. Die in Frankfurt geborene Lyrikerin Emma Kann hat ihr Exilschicksal in ihrem Gedicht „Heimatlos“ beschrieben. In der Zeile „Fremd bin ich den Menschen dort“ haben die Kuratoren ihren Ausstellungstitel gefunden.
Kann ist als junge Frau von Frankfurt nach England, Belgien, Frankreich und Kuba geflüchtet und schließlich in den Vereinigten Staaten gelandet. Dort hat sie sich die Landessprache so perfekt angeeignet, dass sie ihre Gedichte in Englisch verfassen konnte. 1981 kehrte sie nach Deutschland zurück und siedelte sich in Konstanz an. Nun schrieb sie wieder in Deutsch. Sie steht für jene glücklichen Exilanten, die den Sprachwechsel gemeistert haben.
Margarete Buber-Neumann hat im Exil in der Sowjetunion ihren Mann Heinz Neumann während der stalinistischen Säuberungen verloren, sie selbst wurde im Zuge des Hitler-Stalin-Pakts an Nazideutschland ausgeliefert und dort im Frauenlager Ravensbrück inhaftiert. Den Kampf gegen jede Art von Totalitarismus machte sie sich nach dem Krieg zur Lebensaufgabe. Sie führte ihn von ihrer Wohnung in der Frankfurter Fahrgasse aus, 150 Vorträge im Jahr waren keine Seltenheit. Doch politisch heimisch geworden ist sie nirgendwo mehr. Die Rechte wollte nichts von Ravensbrück hören und die Linke nichts von der Gulag-Stadt Karaganda, wohin die Sowjetmacht sie während ihres Exils verbannt hatte.