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Ausstellung : Die Schöpfungsgeschichte neu erzählt

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Elementar: Michael Kalmbachs „Erzengel“. Bild: Kunsthalle Mainz

Der Städel-Schüler Michael Kalmbach stellt Skulpturen und Aquarelle in der Kunsthalle Mainz aus.

          Seinem bei einem Motorradunfall verunglückten Onkel hat Michael Kalmbach ein Denkmal gesetzt: Mit heraushängender Zunge schwebt eine Gliederpuppe aus Pappmaché über dem irdischen Überbleibsel seines zerbeulten Gefährts. Der 1962 im pfälzischen Landau geborene, an der Frankfurter Städelschule ausgebildete und heute in Berlin beheimatete Künstler schuf diese Himmelfahrtsszene 2011, als der Unfall schon Jahrzehnte zurücklag. Aus der Distanz, die die Zeit schafft, konnte er das klassische Motiv, das zugleich ein Memento Mori ist, um eine heitere Facette erweitern. Der Galgenhumor und die im doppelten Sinne zu verstehende Leichtigkeit dieser Arbeit verraten den Maler und Bildhauer als geistigen Bruder des Schweizer Künstlerduos Fischli/Weiß und erinnern jetzt unversehens auch an den Tod des kürzlich gestorbenen David Weiß. Gut zwei Meter hoch ist Kalmbachs bleiche Figur und gehört zu einer Überblicksschau in der Kunsthalle Mainz, die die vergangenen 20 Jahre in Kalmbachs so umfangreichem wie vielschichtigem Schaffen illustriert. Zugleich verabschiedet sich Natalie de Ligt damit nach fünf Jahren von ihrem Amt als Leiterin des Ausstellungshauses.

          Dass Michael Kalmbach erst Bildhauer war, bevor er seine heute vielleicht bekannteren, teilweise kaum heftblattgroßen, teilweise monumentalen Aquarelle schuf, zeigt ein noch ganz anders als die gen Himmel steigende Motorradfahrerseele geartete Arbeit von 1992: Von einer Brüstung aus blickt man nach unten in das Video-Kabinett der Kunsthalle auf ein Wimmelbild aus vielen kleinen wurstförmigen Gipsfiguren. Geschaffen aus abgeformten Puppengliedern, sind sie zugleich Schauspieler des Animationsfilmes, der parallel dazu läuft. Auf der Leinwand wachsen aus allen Teilen ihrer surrealen Körper neue Wesen, verschwinden wieder in Löchern und machen Kalmbachs Leitmotiv vom Werden und Vergehen schon sichtbar. Mit seinen späteren, giacomettihaft abstrahierten, rauh-fragilen Skulpturen, die einen Rest Verspieltheit aber bewahren, hat er in Mainz eine ganze große Halle gefüllt. Einzeln oder als Mobiles baumeln sie an Drähten von der Decke. Die zentrale und größte „Christopheruspuppe“ gibt der Ausstellung den Titel. Dem biblischen Bild entsprechend, wonach der Heilige das Jesuskind auf den Schultern über einen Fluss trug und dabei das Gewicht der ganzen Welt auf sich lasten fühlte, sitzt auf der ebenfalls - wenn auch nur wenige Zentimeter über dem Boden - schwebenden und fast raumhohen Skulptur eine zweite, vergleichsweise winzige Figur. So vereint Kalmbach das Kleine und das Große, das Leichte und das Schwere. In seiner Kunst versöhnen sich auch Gegensätze.

          Mit Esoterik hat all das überhaupt nichts zu tun

          Obwohl Michael Kalmbach sich häufig im biblischen Motiv-Pool bedient, scheint ihn an Christopherus, dem „Erzengel“ oder anderen „Gottwesen“ weniger das Religiöse als der elementare, universell gültige Kern dieser Gestalten zu interessieren. Und was wäre elementarer als die Schöpfung und der ewige Lebenskreislauf? So variiert Kalmbach immer wieder Stammbäume nicht nur in Form seiner von Puppen sich zu Püppchen exponentiell verjüngenden Figuren, die im Nichts oder durchs Universum schweben, die Weltkugel als Bürde tragen wie Sisyphus oder sie halten wie einen Schatz. Auch die Aquarelle, in denen sich transparente, eruptiv hingekleckste braunrote Farbe gleichwohl zu differenzierten, bewegten Figuren fügt, sind voll davon und gehen ebenfalls dem Wunder nach, dass ein einzelner Mensch die Summe aus unendlich vielen anderen Menschen und deren Geschichten ist. Eine große semantische Schnittmenge teilen sie sich mit Kopfgeburten, Fruchtbarkeitsexplosionen und Milchströmen, die von Brüsten in Münder durch die Generationen fließen. Eine aus 50 kleinen Aquarellen bestehende Bilderreihe erzählt vom „großen und dem kleinen Paul“ und damit die Schöpfungsgeschichte neu. Im - installierten - Kinderzimmer schließlich beginnt der Kreislauf dann wieder von vorn.

          Mit Esoterik hat all das überhaupt nichts zu tun. Davor bewahrt eine Verbindung aus Zartheit und Humor, eine hier und da drastische, im leichten Gewand des Aquarells umso unvermitteltere, sexuell motivierte Bildsprache und die Erkenntnis, dass Leichtigkeit und Substanz auch keine Gegensätze sind.

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