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Ausstellung : Der Traum schaut durch die Linse

Martin Engler, Städel-Sammlungsleiter für die Gegenwartskunst, hat „Dark Sights“ in der DZ Bank kuratiert.

          Da ist noch mehr. Viel mehr. Denn dem Städel wurde nur ein Teil der Sammlung überlassen. Aus dem umfangreichen Restbestand mit nicht minder bedeutsamen Arbeiten der internationalen Fotokunst hat jetzt Martin Engler eine Auswahl getroffen und die Ausstellung „Dark Sights“ zusammengestellt. So steht die Schau im „Art Foyer“ des Frankfurter DZ-Bank-Hochhauses in unmittelbarem Zusammenhang zum kulturellen Großereignis dieses Winters: der Eröffnung des Städel-Erweiterungsbaus, wo der Sammlungsleiter fürs Zeitgenössische derzeit damit beschäftigt ist, unter anderen die dem Museum überlassenen Werke aus der Kollektion des Finanzinstituts zu hängen. Die Fotokunst ist dank der Kooperation mit dem Geldhaus eine tragende Säule im neuen Städel-Konzept. Neben der Pflicht, die großzügigen musealen Räume im Untergrund zu gestalten, hatte der Kunsthistoriker noch Zeit für die Kür. Oder musste sie sich nehmen, nachdem er leichtsinnigerweise zugesagt hatte, seine kuratorische Hand für eine Präsentation zu rühren, die noch vor dem Eröffnungsspektakel am Mainufer von der fruchtbaren Verbindung von öffentlicher Einrichtung und privatem Engagement zeugt.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Entgegen dem landläufigen Vorurteil, die Kamera lichte die reinen Fakten ab, zeigt die Ausstellung im weiten und lichten Kunstraum der DZ Bank, wie die Fotografie der Wirklichkeit ihre Wahrheit und Klarheit nimmt. Der Traum schaut durch die Linse, der Albtraum wabert durch das scheinbar Festgefügte, der Wahnsinn dräut, wo sich das Selbstverständliche offenbart. 14 Künstler sind in der Schau versammelt, die sich Menschen und Dingen widmen, von denen nichts mehr mit Sicherheit ausgesagt werden kann. Die Brüchigkeit, der Rand der Realität sollen in diesen Bildern sichtbar werden, dunklen Ansichten im wörtlichen wie im metaphorischen Sinn.

          Inspiriert von den Fernsehbildern des ersten Golfkriegs

          In Robert Longos konzeptueller Serie von Schwarzweißfotografien mit dem Titel „The Freud Cycle“ aus den Jahren 2002/2003 ist das Unheimliche sofort spürbar, obwohl hier doch etwas ganz Konkretes zu sehen ist. Vor etwa zwölf Jahren war Longo auf die Fotografien von Edmund Engelmann gestoßen, die dieser 1938 in der Berggasse 19 zu Wien unmittelbar nach der Abreise des Vaters der Psychoanalyse ins Londoner Exil machen konnte. Verlassen sind die Räume, in denen Freud lebte und arbeitete. Longo hat die Aufnahmen Engelmanns akribisch ins Medium der Kohlezeichnung transformiert und die so entstandenen Blätter abermals abgelichtet. Dadurch entsteht eine Atmosphäre des Abgründigen und Doppelbödigen, die Versuche, sich der Wirklichkeit fotografisch und zeichnerisch zu bemächtigen, führen offenbar zu deren Auflösung. Tatsächlich ist ja damals in Wien eine Kulturepoche zu Ende gegangen, für die auch der von den Nationalsozialisten im hohen Alter zur Flucht gezwungene Nervenarzt stand. Diese Bilder sind historische Dokumente, aber auch Beschwörungen einer Atmosphäre, in der sich wissenschaftlicher Geist und politischer Ungeist durchdringen. Die Tiefenpsychologie, die mit der Traumdeutung begann, wird selbst zu einer Art Traumgeschehen, auch wenn Freud auf diesen Bildern noch in seiner Abwesenheit präsent ist.

          Von dem 1970 geborenen Andreas Gefeller ist eine abstrakt anmutende Fotografie mit modulartigen Rechtecken zu sehen. Bei genauerer Betrachtung stellt sich allerdings heraus, dass es sich hier um das Berliner Holocaust-Denkmal von Peter Eisenman handelt, ein Werk aus der Reihe „Supervisions“, für die der Künstler eine auf einer zwei Meter hohen Teleskopstange befestigte Kamera benutzt. Die Ergebnisse setzen sich jeweils aus vielen Einzelaufnahmen zusammen. Während sich hier eine Geometrie des Schreckens offenbart, sind Paul Grahams Fotografien einer einsamen Tankstelle in North Dakota während der Abenddämmerung eher anheimelnd, was nichts mit dem Sujet, aber viel mit dem Licht, das auf es fällt, zu tun hat. Lucinda Devlin dagegen setzt das ganz normale Grauen der Todesstrafe in Amerika ins Bild, indem sie mit nüchternem Blick die Tötungsanlagen vorführt.

          Thomas Ruffs grünliche Nachtbilder sind inspiriert von den Fernsehbildern des ersten Golfkriegs, Tobias Zielony hat mit seiner Serie „Quartiers Nord“ ein Gesamtbild der globalen jugendkulturellen Entdifferenzierung entworfen: Die Gruppen junger Männer, die er an unterschiedlichen Orten fotografiert hat, ähneln sich überall auf der Welt, sie haben das gleiche Outfit, die gleichen Gesten, und sie bilden allüberall die gleichen Ornamente. Ob sie jedoch jemals ihre jeweiligen Siedlungen verlassen werden, ist fraglich.

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