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Veröffentlicht: 05.04.2016, 11:37 Uhr

Ausstellung über NSU-Opfer Zehn Tote und viele offene Fragen

Über die Täter ist vieles bekannt. Eine Schau zeigt nun die andere Seite der Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“.

von , Frankfurt
© dpa Zehn Namen: In Kassel erinnert eine Gedenkplatte an die Toten.

Die Namen der NSU-Mörder haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die beiden Uwes, wie sie manchmal nur noch heißen. Auch Beate Zschäpe, die zurzeit vor Gericht steht, ist längst eine Person der Zeitgeschichte. Jeder kennt die 41 Jahre alte Frau, die beschuldigt wird, von den Morden an zehn Menschen gewusst, sie sogar mitgeplant zu haben. Aber die Opfer kennt fast niemand.

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Deshalb beginnt die Ausstellung „Es sind noch zu viele Fragen offen ...“ in der Bildungsstätte Anne Frank mit einem Zitat eines Teilnehmers einer Veranstaltung, in der es um die NSU-Morde ging: „Wenn ich jetzt in den Raum frage, wer die Namen aller Opfer nennen kann, würden die meisten schweigen. Aber alle kennen die Namen der Täter.“ Die Wanderausstellung des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung, die bis zum 1.Juni zu sehen ist, kehrt die Perspektive um. In ihr stehen die Ermordeten im Vordergrund.

Opfer wurden jahrelang als Kriminelle dargestellt

Zum Beispiel Halit Yozgat, der heute vor zehn Jahren in seinem Tele-Internet-Café in Kassel von Böhnhardt und Mundlos erschossen wurde. Sein Vater Ismail fand ihn kurz vor 17 Uhr dort vor. „Ich nahm ihn in den Arm, seine Augen verfärbten sich violett“, erinnerte er sich später. Mittlerweile erinnert Kassel mit einem Halit-Platz an den jungen Mann, der damals eine Abendschule besuchte. Die Straße, in der er wohnte und in der sich sein Internetcafé befand, wollte die Stadt nicht nach ihm benennen, anders als sich das die Familie Yozgat wünschte und immer noch wünscht. Die Bildungsstätte Anne Frank schließt sich ihrem Begehren an.

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Yozgat, der Gemüsehändler Enver Simsek und die anderen acht hinterrücks Getöteten werden in der Ausstellung allesamt kurz vorgestellt. Auch der Hergang ihrer Ermordung wird kurz geschildert. „Es geht uns zunächst darum, das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen anzuerkennen“, sagt Oliver Fassing von der Bildungsstätte, der die Ausstellung kuratiert hat.

„Es sind noch zu viele Fragen offen“

Die Schau erinnert in ihrem zweiten Teil, in dem die Geschichte des NSU und die Aufklärung des Komplexes abgehandelt wird, daran, dass die Angehörigen der Toten bei den Ermittlungen jahrelang damit gequält wurden, dass ihre Väter, Ehemänner, Söhne und Brüder von den Ermittlern für Kriminelle gehalten wurden. Als „Döner-Morde“ wurde die Tötungsserie von der Polizei bezeichnet, den Ermordeten wurde Verstrickung in Bandenkriminalität und andere Verbrechen unterstellt. Niemand kam auf den Gedanken, dass rechtsradikale Terroristen hinter den Morden stehen könnten.

In der Ausstellung wird als Poster eine unscharfe Aufnahme einer Demonstration in Kassel gezeigt, in der unter anderem Angehörige von Getöteten dabei waren. Das war noch bevor sich die beiden Uwes selbst richteten und Zschäpe das Haus, in dem das Mord-Trio wohnte, in Brand setzte. Niemand hat sich damals groß für diesen Protest interessiert. Er kam nicht in der Presse vor, und es gibt keine Fotos davon. Nur ein Video, aus dem besagte Aufnahme stammt.

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Ein Sohn des kaltblütig hingerichteten Simsek wird mit dem Satz zitiert: „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die fünf, die da jetzt auf der Anklagebank sitzen, das alles allein gemacht haben.“ Liest man das Faksimile eines Flugblatts der rechtsradikalen Gruppe „Der weiße Wolf“, das bald nach dem ersten Mord in Nürnberg auftauchte, bekommt man auch Zweifel an der Theorie, das Trio um Zschäpe habe keine Mitwisser gehabt. „Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen“, stand auf diesem Flugblatt schon 2002, zu einem Zeitpunkt also, da weder Polizei noch Öffentlichkeit etwas vom NSU ahnten. Deshalb heißt die Ausstellung zu Recht: „Es sind noch zu viele Fragen offen.“

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