„Städte“, heißt es am Anfang von „Der Mann ohne Eigenschaften“, „Städte lassen sich am Gang erkennen wie Menschen“. An Rhythmus, Tönen und Geräuschen. 1913, als die Handlung des Romans einsetzt, mochte das in der Tat noch selbstverständlich scheinen, für London oder Rom mag es womöglich noch immer gelten. Allein, Musil war nie in den Megacities unserer Tage, von Kassel, Darmstadt oder Ludwigshafen ganz zu schweigen. Städten mithin, die im Vergleich zu Musils Wien, schlösse man die Augen, vermutlich nicht nur gänzlich andere, sondern mit ihren seit den siebziger Jahren ins Zentrum gewürfelten Kauf-, Park- und Rathäusern wohl auch furchtbar ähnliche Vorstellungen hervorrufen würden.
Ungefähr so wie Essen vielleicht, wie es Joachim Schumacher in seinen Schwarzweißaufnahmen zeigt, die derzeit in der Frankfurter L.A. Galerie an der Domstraße6 zu sehen sind. Nur dass die Zeit in diesen Bildern aus der Ruhrstadt offenbar schon lange stehengeblieben ist, während sie in Peter Bialobrzeskis Fotoserie „Neon Tigers“ zu rasen scheint. Und genau hier, zwischen Bild- und Realitätserfahrung, vertrauten und nie gehörten Klängen und dem bodenlosen Raum dazwischen, schwingt die „Informal City - Summer of Architecture“ überschriebene Gruppenausstellung leise hin und her. Sie zeigt anhand der sieben vorgestellten Positionen eine höchst anregende Auswahl lichtbildnerischer Möglichkeiten, sich dem Thema Stadt und Architektur zu nähern.
Ungefiltert und modellhaft
Während etwa der an der Folkwangschule ausgebildete, bislang freilich im Kunstkontext kaum rezipierte Schumacher für einen wesentlich dokumentarisch inspirierten Ansatz steht, mag man Bialobrzeski seine im Sinne des Wortes phantastischen, mit der Plattenkamera eingefangenen Panoramen südostasiatischer Megacities kaum abnehmen und stattdessen an eine digitale Inszenierung glauben. Und so geht es dem Betrachter allenthalben. Von den digitalen Collagen Gosbert Gottmanns über die Konzeptfotografie Susa Templins und Oliver Bobergs „Rohbauten“ bis zu Julian Faulhabers Architekturen misst die von Seiten der Galerie bescheiden als „kleine Skizze“ eingeordnete Themenschau ein weites Spektrum aus. Und stellt vor allem Fragen.
Nach der Wirklichkeit etwa oder dem Bild, das wir uns von ihr machen. Denn während Bobergs Baustellen und urbane Unorte als vom Künstler gebaute potemkinsche Realitäten nur in seinen Bildern und in seinem Fürther Atelier existieren, erscheint bei Faulhaber die Wirklichkeit, die seine Arbeiten allem Augenschein zum Trotz ganz ungefiltert zeigen, modellhaft, clean, makellos und im gewählten Ausschnitt nahezu abstrakt. Michael Neubürger inszeniert seine Motive wie den Frankfurter Europaturm oder den New Yorker „Apple Cube“ dagegen hyperrealistisch. Doch als auratisch in die Nacht leuchtende Solitäre wirken sie zugleich wie von einem anderen Stern.
Utopisches Versprechen
Derweil markiert Susa Templin die vielleicht komplexeste Position der Schau, die mit klassisch analogen Mitteln die Parameter des eigenen Mediums immer wieder neu vermisst und ineinander spiegelt, als gelte es, das Paradoxon der Fotografie mit fotografischen Mitteln aufzuheben: das Verhältnis von Raum und Fläche. Stets sind der Künstlerin dabei die eigenen Aufnahmen von Architekturen oder Innenräumen wiederum selbst Material, sei es für weitere, genau betrachtet nichts als Bilder zeigende Aufnahmen, sei es als Bausteine skulpturaler Räume, die ihr potentiell wiederum zu Motiven neuer Fotografien werden.
Das Ergebnis freilich sind nicht genauere, gleichsam der Realitätserfahrung nähere Bilder; keine Städte, die wir im Sinne Musils am Gang und ihrem Klang erkennen könnten. Im Prozess der permanenten Verschiebung - von der dreidimensionalen zur zweidimensionalen Wahrnehmung, von der Fläche wieder in den Raum und zurück - erweist sich die Unterscheidung von Real- und Bildraum vielmehr als zunehmend prekär.
Genau dazwischen aber haben Templins Architekturen ihren Ort: als utopisches Versprechen. Als eigene, in Bild und Objekt sich manifestierende Wirklichkeiten, wie wir sie allein der Kunst noch glauben.