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„Ausstattung nicht gut genug“ : Berufsschulen fehlt die Lobby

„Uns fehlen die Eltern“: Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt Bild: Wolfgang Eilmes

Der Arbeitgeberverband Hessen-Chemie bemängelt die technische Ausstattung vieler Berufsschulen. Er fordert mehr öffentliche Gelder. Eine Schulleiterin sagt: Uns fehlen die Eltern.

          Der Arbeitgeberverband Hessen-Chemie macht sich für eine Aufwertung der Berufsschulen in Rhein-Main und andernorts in Hessen stark. Das Land müsse mehr Geld für die Berufsschulen ausgeben und sie technisch wie personell zeitgemäß ausstatten. In so mancher dieser Einrichtungen mangele es trotz tatkräftiger Hilfe von Firmen an modernen Geräten für den Unterricht, sagte Dirk Meyer, Hauptgeschäftsführer von Hessen-Chemie, im Gespräch mit dieser Zeitung. Nach seinen Worten fehle es Berufsschulen an einer Lobby. Sie seien aber neben den Betrieben die zweite Säule der dualen Ausbildung und sorgten für unverzichtbare Fachkräfte.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Allein in der chemischen Industrie in Hessen haben vier von fünf Mitarbeitern die duale Ausbildung durchlaufen, wie er sagte. Hessen-Chemie vertritt 308 Firmen mit 107.000 Beschäftigten. Die besonders im Großraum Frankfurt starke Chemie- und Pharmabranche erzielt im Jahr einen Umsatz von 26 Milliarden Euro, mehr als jeder andere Industriezweig in Hessen. Die Branche verfügt derzeit über 4250 Lehrstellen und bietet jedes Jahr gut 1500 neue Ausbildungsplätze an. Davon sind nur drei bis vier Prozent nicht besetzt, wie Meyer sagt. Dies sei ein „sensationeller Wert“, könnten doch in anderen Wirtschaftszweigen die Firmen teilweise für ein Drittel der Lehrstellen keine geeigneten Bewerber finden. Längst gehen nach seinen Worten auch Mittelständler in die Schulen. Wenn aber die Hälfte eines Jahrgangs Abitur mache und die meisten an die Hochschule strebten, sei das für die Betriebe ein Anlass zur Sorge. Außerdem klemme es bei den Rahmenbedingungen für berufliche Schulen.

          „Wir wollen eine Lobby für Berufsschulen sein“

          Regelmäßig füllten Schulthemen zum Schuljahresbeginn die Schlagzeilen in den Zeitungen. Berufsschulen würden aber höchst selten genannt. Berufliche Schulen werden aus Sicht der Chemie-Arbeitgeber in den Hintergrund gedrängt. Für sie machten sich, anders als für Grundschulen oder Gymnasien, keine Eltern stark. Dies spiegele sich vielerorts in der technischen Ausstattung wider. Auch deshalb melde sich Hessen-Chemie nun zu Wort: „Wir wollen eine Lobby für Berufsschulen sein.“ Dem Verband gehe es darum, diese Schulen landesweit in der Breite zu stärken. Die Initiative habe Hessen-Chemie mit Ausbildungsleitern von Betrieben abgestimmt. Auch Arbeitnehmervertreter sehen Nachholbedarf. Kai-Uwe Hemmerich, Betriebsratsvorsitzender des Chemieunternehmens Clariant in Frankfurt, stuft viele Berufsschulen als marode ein. Bisher setzen sich nur die Schulleiter und Gewerkschafter für sie ein.

          So beginnt der Tag in Frankfurt und Rhein-Main: das Wichtigste in Kürze, mit Hinweisen auf mobile Blitzer, Straßensperrungen, Gaststätten.

          Die größte berufliche Schule für die Chemiebranche ist mit rund 1850 Schülern die Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt-Höchst. Leiterin Eva Kaufmann weiß die Fürsprache des Arbeitgeberverbands zu schätzen, denn im Übrigen verfügten die beruflichen Schulen über keine große Lobby. „Uns fehlen die Eltern und damit auch die öffentliche Wahrnehmung.“ Die Forderung, Gebäude und technische Ausstattung zu modernisieren, richte sich in erster Linie an die kommunalen Schulträger, also Städte und Kreise.

          Auch ihre eigene Schule leide unter veralteten und teils maroden baulichen Verhältnissen, sagt Kaufmann. Viele Fenster seien defekt, die Heizung funktioniere nur eingeschränkt, das Dach sei undicht, außerdem fehlten Verdunkelungsmöglichkeiten, um Präsentationen zu zeigen. „Der zum Teil leider wirklich desolate Gebäudezustand hat einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung, die die Auszubildenden und damit auch die Ausbildungsbetriebe von der Schule haben.“

          „Please bring your own device“

          Gut sei inzwischen die Ausstattung mit Computern, sowohl hinsichtlich der Hard- als auch der Software, in jedem Unterrichtsraum seien mindestens ein PC und ein Beamer vorhanden. Wünschenswert wäre aber noch die Ausstattung mit W-Lan und einer darüber erreichbaren „Schulcloud“, so dass mit den häufig und zunehmend vorhandenen schülereigenen Endgeräten gearbeitet werden könnte: „Stichwort: bring your own device“.

          Besonders wichtig für die Ausbildung in den Chemieberufen sei die Laborausstattung, sagt Kaufmann. Die aus den siebziger Jahren stammenden Labore an der Ehrlich-Schule seien zwar funktionsfähig, aber nicht mehr zeitgemäß. Die Schule spare immer wieder über mehrere Jahre Rücklagen an, um die oft sehr teuren Geräte und Ausstattungsgegenstände zum Beispiel in der instrumentellen Analytik und im chemisch-verfahrenstechnischen Technikum sukzessive zu ersetzen. „Das gelingt nur nach und nach und sehr langsam, so dass auch hier der Nachholbedarf immer größer wird.“

          Wie Hessen-Chemie fordert, müssen sich die Digitalisierung und der Wandel in der Arbeitswelt („Arbeiten 4.0“) an den beruflichen Schulen niederschlagen. Um im Unterricht zeitgemäß über Automatisierung reden zu können, bedürfe es moderner Geräte. Die gebe es aber längst nicht an jeder Berufsschule. „Viele Berufsschullehrer sagen uns, ohne die Kooperation von Firmen, die ihnen Geräte überlassen, wäre vieles im Unterricht gar nicht möglich“, sagt Jürgen Funk, für Bildungsfragen zuständiger Geschäftsführer von Hessen-Chemie. Deshalb müsse die öffentliche Hand mehr in diese Einrichtungen investieren, damit sie ihren Bildungsauftrag besser wahrnehmen könnten.

          Die Chemie-Arbeitgeber wollen zudem die Berufsorientierung an den allgemeinbildenden Schulen verbessert sehen. Sie belassen es allerdings nicht bei dieser Forderung. Vielmehr wollen sie gemeinsam mit der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände branchenübergreifend Lehrern ermöglichen, Betriebe einen Tag lang zu erkunden – von der Bäckerei bis hin zum Chemieunternehmen. Ziel sei es, Lehrern ein besseres Bild von der Arbeitswelt und der Vielfalt der Lehrberufe zu vermitteln. Dazu werde es bald eine Broschüre geben.

          Quelle: F.A.Z.

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