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Veröffentlicht: 10.05.2014, 14:34 Uhr

Auschwitz-Überlebender Leslie Schwartz „Die Liebe besiegt den Hass“

Das wichtigste Datum für den Auschwitz-Überlebenden Leslie Schwartz ist nicht etwa die Befreiung aus dem Vernichtungslager. Er nennt das Jahr 1965 - in dem er seine deutsche Frau kennenlernte.

von , Hattersheim
© Gilli, Franziska Geschichte aus erster Hand: Leslie Schwartz spricht mit Schülern.

Wenn er von den Konzentrationslagern spricht, in die er als Knabe verschleppt wurde, verwendet Leslie Schwartz oft deutsche Wörter: Mit „Hölle“ umschreibt der in New York lebende Jude ungarischer Herkunft Auschwitz und Dachau. Und als Beispiele für täglich erlebte Drangsal nennt er Beschimpfungen wie „Drecksjude“ und „Schweinejude“. Wer tagein, tagaus menschenverachtend behandelt werde, der akzeptiere diese Situation irgendwann: „Mit der Zeit fühlst du dich tatsächlich dreckig.“ Er habe viele Jahre gebraucht, um wieder anders zu empfinden. Der heute 84 Jahre alte Mann erzählte lange nicht gerne über seine Holocaust-Erlebnisse, berichtete er Oberstufenschülern der Hattersheimer Heinrich-Böll-Schule.

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Von dem Grauen der Nazi-Herrschaft wollte in seiner amerikanischen Familie, deren berühmtester Spross der amerikanische Schauspieler Tony Curtis war, keiner etwas hören. Längst aber sieht es der ältere Herr mit dem verschmitzten Lächeln als seine Pflicht an, die jüngere Generation aufzuklären. Auf Einladung des Vereins „Gegen das Vergessen - Für Demokratie“ reist der New Yorker, der 2007 sein Buch „Durch die Hölle von Auschwitz und Dachau“ veröffentlichte, derzeit durch Süddeutschland.

1972 Rückkehr nach Deutschland

Ob er die Deutschen nicht hasse, wollen die Schüler von dem Auschwitz-Überlebenden wissen? Schwartz schüttelt bedächtig den Kopf. Wenn er die Deutschen hassen würde, wäre dies ganz allein ein Problem, das er sich nur selbst antue. Er empfinde für das heutige Deutschland „nichts als Respekt“. Weitaus zwiespältiger stehe er dagegen seinem Geburtsland Ungarn gegenüber, wo heute eine nationale Partei regiere. Er wisse nicht, ob er die Einladung nach Ungarn, die er erhalten habe, annehmen werde.

Mit weitaus düsteren Empfindungen als heute, gesteht Schwartz, habe er bei seiner ersten Deutschland-Rückkehr nach dem Holocaust 1972 zu kämpfen gehabt. Er sei sich bei Passanten nie sicher gewesen, ob sich dahinter nicht ein Nazi verberge. Die Schüler verstehen nicht, warum er ausgerechnet eine Deutsche geheiratet habe. Annette, die zehn Jahre jüngere Katholikin aus München, lernte er 1965 kennen. Es habe gedauert, bis die Verwandtschaft diese Beziehung akzeptiert habe, gesteht er. Und auch seine heutige Frau habe damals nicht geglaubt, dass es zwischen ihnen klappen könne. Doch das „beautiful girl“ umsorge ihn bis heute sehr. Täglich rufe sie ihn aus New York an, um nachzufragen, ob er auf seiner Lesereise auch genug Wasser trinke. „Ihr seht - die Liebe besiegt jeden Hass.“ Es gebe auch aus der Zeit seiner größten Not Begegnungen mit Deutschen, die er nie vergessen werde: Die dralle Münchnerin zum Beispiel, die ihm immer Brot zugesteckt habe und der er nach dem Krieg innig verbunden geblieben sei. Aber auch „echte Tiere“ wie den kommunistischen Mithäftling Knoll aus Nürnberg habe er erlebt: „Der war so schrecklich - sogar die SS hatte Angst vor ihm“, berichtet Schwartz. Obwohl selbst inhaftiert, habe dieser die jüdischen Mitgefangenen gezwungen, die eigenen Fußabdrücke auf dem Boden mit der Zunge abzulecken.

Trotz aller erlittenen Pein reichte Schwartz den Deutschen die Hand zur Versöhnung. Als Brückenbauer gerade zu den jungen Menschen, der grundlegende Werte vermittle, würdigte sogar schon Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Holocaust-Überlebenden. Überhaupt werde er mit Ehrungen überhäuft, seitdem er das Buch geschrieben habe. Sein schönster Moment aber liegt lange zurück. Schwartz nennt den Schülern nicht seine Befreiung durch die Amerikaner, morgens um 10 Uhr des 30. April 1945, sondern präsentiert ein anderes Datum - seine erste Begegnung mit Ehefrau Annette - „what a beautiful girl“, schwärmt er.

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