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Aulhausen : Die Dreifaltigkeit macht den Anfang

Eindrucksvoll: Das Dreifaltigkeitsfenster von Andreas Skorupa Bild: Cornelia Sick

Künstler aus dem Frankfurter Atelier Goldstein gestalten die Kirche Marienhausen des Sankt Vincenzstifts in Aulhausen. Die ersten Fenster wurden vor kurzem eingebaut.

          Christiane Cuticchio wählt ein Gleichnis, um die Arbeit ihres Ateliers in der alten Zisterzienserinnenkirche von Aulhausen zu beschreiben: „Wir sind wie Krankenschwestern“, sagt die Gründerin und Leiterin des in Frankfurt ansässigen Ateliers Goldstein, in dem seit 2001 Künstler mit Behinderung arbeiten. Das im Jahr 1219 errichtete Gotteshaus mit dem Namen Marienhausen gehört zum Sankt Vincenzstift, einer großen Einrichtung der katholischen Kirche für geistig behinderte Menschen in dem Rüdesheimer Ortsteil.

          Stefan Toepfer

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Cuticchios Vergleich passt, denn die Kirche, Keimzelle des Ende des 19. Jahrhunderts gegründeten Stifts, war in einem schlechten Zustand. Dank der „Krankenschwestern“ aus dem von der Lebenshilfe getragenen Atelier und der Hilfe des Stifts präsentiert sie sich nun in einem neuen, gleichsam gesunden Zustand.

          „Es geht um Kunst, nicht um Mitleid“

          Wesentlich trägt dazu außer den grundlegenden Sanierungsarbeiten die künstlerische Arbeit bei, die Cuticchio, Stiftsleiter Caspar Söling und der Limburger Altbischof Franz Kamphaus am Donnerstagabend geladenen Gästen vorstellten: Die ersten drei Kirchenfenster sind eingebaut. Gestaltet wurden sie von Andreas Skorupa, angefertigt von der Firma Derix in Taunusstein. Dass behinderte Künstler eine Kirche gestalteten, habe es in dieser Form noch nicht gegeben und zeige deren große Begabung, hebt Cuticchio hervor. „Es geht um Kunst, nicht um Mitleid.“

          Skorupa, 45 Jahre alt, hat die drei Fenster am Eingang der Kirche gestaltet: Das große trägt den Titel „Unbegreiflichkeit Gottes“ und zeigt die Dreifaltigkeit, die beiden kleineren zu seiner Seite greifen die biblische Schöpfungsgeschichte auf. „Beglückend“ sei die Arbeit gewesen, sagt der autistische Künstler, der von seiner Mutter begleitet wird. „Es ist eine große Ehre für ihn, in dieser Kirche zu arbeiten“, sagt Rita Skorupa, und er nickt.

          Den Menschen den Weg zeigen

          Die drei Fenster sind nicht die einzigen, die von Skorupa stammen. Für fünf Fenster auf der gegenüberliegenden Seite, in der Apsis, hat er schon die Entwürfe gemacht. Das zentrale Fenster wird den auferstandenen Christus zeigen. Der Zyklus heißt „Hoffnung auf Vollendung“. Gemeinsam mit Skorupa sind unter anderen Birgit Ziegert, Julius Bockelt, Julia Krause-Harder und Markus Schmitz in der Kirche tätig. Von Ziegert stammt ein großer Engelsflügel, der auf dem Boden des Gotteshauses nachgebildet wurde. Schmitz wird mit einem Mosaik einen Marienaltar anfertigen. Zurzeit erprobt er im Atelier Goldstein, welches Material am besten dafür geeignet ist. Das Besondere an der Arbeit ist für Schmitz nicht zuletzt, dass sie ein Gemeinschaftswerk ist.

          Bockelt wird aus einem Eichenstamm eine Christusfigur schnitzen, und Krause-Harder will einen Vorhang anfertigen, der die Seitenkapelle vom Hauptschiff trennen soll. Alle Künstler sind in die Gestaltung der Kirchenfenster an den Seitenwänden einbezogen, die abstrakt gestaltet werden. „Sie sollen den Weg des Menschen zeigen“, so Söling.

          „Diese Kirche zu gestalten ist ein Geschenk“

          Er hatte Skorupa bei einem Besuch des Ateliers in Frankfurt kennengelernt. Aufgefallen war ihm die Art, mit der der Künstler die christliche Ikonographie interpretiert. So entstand vor vier Jahren die Zusammenarbeit zwischen dem Vincenzstift und dem Atelier, in der sehr intensiv über die theologischen Aussagen der Fenster und deren künstlerische Gestaltung diskutiert wurde. Für das theologische Konzept sind Altbischof Kamphaus, der seit seinem Ruhestand im Jahr 2007 in dem Stift wohnt, und Söling verantwortlich. „Diese Kirche zu gestalten ist für uns wie ein Geschenk“, sagt Cuticchio. „Wir definieren diesen Ort neu, geben der Kirche eine neue Wahrhaftigkeit und Tiefe.“

          Söling weiß sich zu Dank verpflichtet - den Künstlern gegenüber, aber auch den Förderern des Projekts, dem Bistum Limburg, der Aktion Mensch, dem Rotary Club Wiesbaden-Rheingau und Privatleuten. Für die fünf Fenster, die als Nächstes fertig werden sollen, sucht er aber noch Spender. Ein Fenster kostet 7000 Euro. Das große mit der Dreifaltigkeitsdarstellung hat 17 000 Euro gekostet, wie Cuticchio sagt. Für Söling gibt es „keinen besseren Ausdruck für die Unbegreiflichkeit Gottes als die Trinität“. Kamphaus warnt in seiner Meditation über das Fenster davor, zu meinen, der Mensch könne Gott fassen, wenn er von ihm als Vater, Sohn und Heiligem Geist spreche. „Gott bleibt unbegreiflich, ein Geheimnis, in dem wir daheim sein können.“ Für Cuticchio passt das Fenster dazu: „Es hat eine Ästhetik, die nicht schwafelt.“

          Im nächsten Jahr soll die Ausstattung der Kirche fertig sein - zur 795-Jahr-Feier des Gotteshauses und zum 125. Jahrestag der Gründung des Vincenzstifts. Wunsch der Atelierleiterin ist, dass die Kirche ein lebendiges Zentrum für religiöse wie für kulturelle Feiern wird: „Es soll Strahlkraft entwickeln.“ Wer die ersten Fenster sieht, wird nicht daran zweifeln, dass dieses Ziel erreicht wird.

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