Die Losung des Tages war auch schnell gefunden. Mit „Spitzenreiter“-Sprechchören wurden die Profis der Eintracht nach getaner Arbeit zum Feierabend in der Fankurve begrüßt - und die Spieler stimmten gerne in den Chor mit ein. Bei den Frankfurtern könnte die Stimmung nach dem zweiten Bundesliga-Spieltag kaum besser sein. Durch das 4:0 bei der TSG Hoffenheim glückte dem Aufsteiger der zweite spektakuläre Sieg der noch jungen Saison. Als nach dem Abpfiff die Tabelle auf die Videoleinwand der Arena in Sinsheim projiziert wurde, war der Eintracht-Anhang vor Freude endgültig aus dem Häuschen: Die Hessen standen da an erster Stelle, und ihre lautstarken Gefolgsleute sangen dazu völlig treffend: „Die SGE ist wieder da.“ In der Tat.
Alles zu Eintracht Frankfurt auf der FAZ.NET-Sonderseite
Die neue Eintracht ist ein Team, das Spaß macht und dem aktuell auch wieder Freunde des gepflegten Kombinationsfußballs mit größtem Vergnügen zuschauen können. Mit zwei Erstligaerfolgen in Serie starteten die Frankfurter zuletzt 1999. Der Erfolg am Samstag war kein vom Glück begünstigter Zufall, sondern Resultat einer nahezu fehlerfreien Darbietung der gesamten Mannschaft und alles in allem eine ausgesprochen reife Leistung, die dem vermeintlichen Abstiegskandidaten in dieser Form niemand zugetraut hätte. Wohl nicht einmal die Spieler sich selbst. „Hochzufrieden“ sei er, sagte Trainer Armin Veh, wie seine Leute die Aufgabe in der Fremde gelöst hätten, der sich dank der Unterstützung von 5000 Eintracht-Sympathisanten wie ein Heimauftritt anfühlte. Mit einem süffisanten Lächeln auf den Lippen fügte er bei der Frage nach den Perspektiven für seine Überraschungs-Elf an, dass er „jetzt schon enttäuscht wäre, wenn wir nicht Meister würden“. Frei von jeglicher Ironie war danach seine Feststellung, dass die erreichten sechs Punkte für ihn lediglich ein Schritt auf dem Weg in Richtung Klassenverbleib seien. „Aber Begeisterung und Euphorie werde ich bestimmt nicht bremsen“, sagte der Einundfünfzigjährige. „Mit Selbstvertrauen geht doch vieles leichter.“ Spätestens von der zwanzigsten Minute an kontrollierte Vehs Auswahl das Geschehen, ließ Ball und Gegner gleichermaßen laufen und drängte die TSG, gegen die sie zuvor in der ersten Liga noch nie hatte gewinnen können, immer weiter zurück. Das Frankfurter Spiel war von einer Konsequenz, die die Hoffenheimer schlichtweg überforderte.
„Jeder ist für jeden da, kämpferisch ist das einwandfrei“
Pirmin Schwegler organisierte mit Ruhe und gutem Auge die Vorstöße, die besonders über die Außenbahnen mit einem Tempo vorgetragen wurden, dem die Viererkette der TSG nicht gewachsen war. Sebastian Jung sowie Stefan Aigner über den rechten Flügel und Bastian Oczipka auf der gegenüberliegenden Seite waren mit Takashi Inui treibende Kräfte einer Eintracht-Elf, die mit Torwart Kevin Trapp zudem einen aufmerksamen Aufpasser zwischen den Pfosten besaß. Der Schlussmann musste nur einmal ernsthaft eingreifen, doch das gelang ihm bei einem Duell gegen Eren Derdiyok überzeugend (13. Minute), indem er den frei auf ihn zulaufenden Stürmer mit einem Schritt zur Seite entscheidend irritierte. Die beruhigende Zwei-Tore-Führung noch vor dem Seitenwechsel entstand aus einem Doppelschlag binnen vier Minuten, nachdem sich die Frankfurter fast permanent in der gegnerischen Hälfte festgesetzt und mit ihrem Dauerdruck Fehler provoziert hatten. Einen Schuss von Alexander Meier lenkte so TSG-Verteidiger Marvin Compper ins eigene Netz (39.). Kapitän Schwegler baute den Vorsprung mit einem Schlenzer aus mehr als zwanzig Metern aus, bei dem sich die Kugel unhaltbar über den ungünstig postierten Torwart Tim Wiese hinweg senkte (43.). „Hut ab, was wir hier heute gezeigt haben“, sprach Aigner sich und den Seinen ein Lob aus: „Jeder ist für jeden da, kämpferisch ist das einwandfrei.“ Den Frankfurtern spielte in die Karten, dass die TSG dem Offensivschwung der Männer in Weiß mit legalen Mitteln zu wenig entgegenzusetzen hatte und stattdessen mit Fouls versuchte, den Wirbel zu unterbinden. Doch mit dieser Vorgehensweise war Referee Michael Weiner konsequenterweise nicht einverstanden. Er verwies sowohl den eingewechselten Sejad Salihovic (70.) als auch Stephan Schröck (74.) für ihre Fehltritte gegen Aigner und Inui mit Gelb-Rot des Feldes; Meier per Strafstoß (83.) und Martin Lanig mit einem exakt plazierten Kopfball (90.) sorgten danach für den Endstand. „Sehr stolz“, so Meier, könne nun jeder, der zu diesem Ergebnis beigetragen habe, das Wochenende ausklingen lassen und die Trainingsarbeit in der folgenden zweiwöchigen Länderspielpause fortsetzen. Er sei sich sicher, meinte der Routinier, dass niemand in den eigenen Reihen nach dem eindrucksvoll gelungenen Auftakt nun überheblich werde und sich ausruhe, „denn uns ist klar: Wir wollen nachlegen.“ Die Tabelle, sagte Meier, habe in dieser Phase einer Runde „gar keine Aussagekraft“. Die Spielweise der Eintracht aber schon.
Beim Schuss zum 2:0 ist Ihnen der Ball wunderbar abgerutscht. Was war passiert?
Das „wunderbar“ lasse ich stehen. Der Ball ist schön hinten rein gegangen. Ja, er ist ein bisschen abgerutscht. Aber Tor ist Tor. Ich schieße ja sonst nicht so oft ein Tor. Vergangenes Jahr habe ich kein einziges Mal getroffen.
Sie stehen jetzt tatsächlich an der Spitze der Fußball-Bundesliga. Müssen Sie jetzt die Begeisterung bremsen?
Ich kenne den Charakter der Mannschaft und weiß, dass wir uns auf diesen beiden Erfolgen nicht ausruhen. Wir wissen, dass diese beiden Leistungen durch harte Arbeit zustande gekommen sind - und nicht irgendwie von alleine. Die Harmonie in der Mannschaft ist gut. Das haben wir schon nach dem Dämpfer in Aue gespürt.
Sie sind jetzt im doppelten Sinne erstklassig. Was bedeutet das für die Schweizer Nationalmannschaft?
Gar nichts. Ich mache ja nicht das Aufgebot. Ich will einfach nur meine Leistung bei der Eintracht bringen.
Ist dies die beste Eintracht, seitdem Sie in Frankfurt sind?
Das ist schon guter Fußball. Es ist nahe dran an dem, was wir uns alle erhofft und ersehnt haben. Dennoch sind wir so früh in der Meisterschaft, dass wir jetzt nicht davon sprechen können, es ist eine Mannschaft, die noch nie so da gewesen ist. Wir haben unser Ziel Klassenerhalt, und da tun uns die sechs Punkte richtig gut.
Waaaaaaaahnsinn! Schade, dass die Saison jetzt nicht schon vorbei ist.
Karl Lietsch (Lietsch)
- 02.09.2012, 09:53 Uhr