Noch müde sitzen sie alle auf den kleinen Sitzkissen vor dem Vier-Personen-Zelt. Gerade ist Familie Olsen aus den Schlafsäcken gekrochen. Die Dresdener machen Urlaub auf dem Frankfurter Campingplatz „Mainkur“. Kühler Wind weht durch die Birken auf dem Platz, im Hintergrund sieht man die Hochhäuser. Auf der noch etwas feuchten Wiese oberhalb des Mains bereiten die Kinder Ole-Magnus, Liv-Grete, Peer-Ansgar sowie Mutter Anne auf einer Isomatte das Frühstück vor: Blaue Weintrauben und aufgeschnittene Äpfel legen sie in Schälchen. Dazu stellen sie Joghurtbecher, eine Packung Schokomüsli und Brot.
„Sommerurlaub, das heißt für mich Zelten, schon immer“, sagt die 38 Jahre alte, braungebrannte Frau, die mit den sieben, elf und 13 Jahre alten Kindern für sechs Nächte das Zelt aufgeschlagen hat. Nach Frankfurt sollte es gehen, und - wie jedes Jahr - auf einen Zeltplatz. Im Internet hatten sie die „Mainkur“ gefunden. Nur hier und in Heddernheim hält Frankfurt Campingplätze bereit.
Ein Gaskocher ist natürlich mit dabei
Der Platz liegt etwa einen Kilometer hinter der Stadtgrenze mainaufwärts, nah am Wasser. Er grenzt an einen Fahrradweg, ein Maisfeld und an die Bundesstraße 8/40. „Die Straße ist zwar nicht leise, dafür ist die Straßenbahnlinie nur 800 Meter entfernt und in einer halben Stunde sind die Urlauber in der Innenstadt“, sagt Heike Borgstedt, die den Platz in der dritten Generation seit 1937 mit ihren Eltern führt. Von Anfang April bis Ende September ist er geöffnet. 44 Plätze hält er für Dauercamper bereit, und 40 weitere sind „Durchgangsplätze“ für Urlauber, die mit Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil nur einige Tage bleiben.
Das laubgrüne Iglu-Zelt von Familie Olsen ist das einzige Zelt neben den Fahrzeugen und steht abseits der hohen Birken. Die Camping-erfahrenen Olsens haben den Inhalt von fünf Rucksäcken, darunter einen Gaskocher und die Verpflegung platzsparend verteilt. Es ist der letzte Tag in Frankfurt, bevor sie mit dem Zug zurück nach Dresden fahren.
„Erst spät am Abend kommen wir zurück“
Den Campingurlaub mit einer Städtereise verbinden, das ist für die Olsens ist die Möglichkeit, urbanen Trubel und gleichzeitig bodennaher Erholung zu haben. „Auf dem Platz geht es legerer zu als in einem Hotel“, äußert Olsen, die, barfuß in den Sandalen hockend, einen frisch aufgebrühten Tee trinkt. Wie sie tragen auch die Kinder warme Fleecejacken und Jeans. Um sich für die Stadt ein „bisschen schick“ zu machen, wie die Mutter schmunzelt, gibt es auf dem Platz, den der Tourismusverband mit vier Sternen ausgezeichnet hat, zehn geräumige Duschen und sieben Toiletten, ferner einen Raum mit zwei Spülbecken, wo auch die Familie das Geschirr spült.
Nach dem Frühstück legt die Mutter benutze Tassen und Löffel in eine Plastikwanne. Gleich will die Familie in die Stadt, wie jeden Tag. „Erst spät am Abend kommen wir zurück“, sagt Olsen. Als sie an einem der Tage nicht aufbrechen konnten, weil es stark regnete, machten sie es sich im Zelt gemütlich und lasen eines der vielen Bücher. Auf dem Gelände gibt es außerdem einen Aufenthaltsraum, der bei Gewitter sicheren Unterschlupf bietet.
Seit 20 Jahren zelterprobt
Ohnehin seien sie in Frankfurt an vielen überdachten Orten gewesen, sagt Peer-Ansgar. Am besten habe ihr das Dialog-Museum gefallen, flüstert die sieben Jahre alte Liv-Grete noch etwas verschlafen. Neben dem Dom und der Paulskirche stand auch Einkaufen auf dem Ausflugsplan. „Kleinigkeiten wie ein Eis oder eine Bratwurst gehören zum Stadtausflug“, weiß die Mutter. Der Gaskocher, der neben dem Zelt auf einem Stein steht, erfülle jedoch auch seinen Zweck. Fast jeden Abend kocht die Sozialarbeiterin etwas Schnelles wie Nudeln oder Eierkuchen. Am meisten schätze sie am Campen das flexible An- und Abreisen. Selten sei ein Zeltplatz ausgebucht, und spontanes Weiterziehen sei immer unproblematischer als in einem Hotel. „Es ist mehr Freiheit“, beschreibt sie das Gefühl. Für die Kinder gehöre das Zelten ohnehin zum Urlaub.
Nicht nur aus idealistischen Motiven hat die Mutter, seit 20 Jahren zelterprobt, sich für die „Mainkur“ entschieden. „Natürlich ist es auch eine finanzielle Frage, ob ich mit den drei Kindern in ein Drei-Sterne-Hotel gehe oder auf den Zeltplatz. 120 Euro zahlt die Familie für die sechs Tage auf dem Campingplatz, inklusive Müllpfand und Duschmarken. Das ist etwa ein Viertel der Übernachtungskosten in einem Drei-Sterne-Hotel im Bankenviertel. Dazu haben sie 80 Euro für Eintritte in Museen und 100 Euro für Fahrtkosten in der Stadt ausgegeben.
Gut besucht
Neben dem Zelt der Olsens steht das Wohnmobil der Schäfers. Auf einer Leine zwischen der Vorzeltstange und dem Kofferraum hängen zwei Handtücher. Ingeborg Schäfer kommt gerade mit einer rosa Plastikwanne voll sauberen Geschirrs zum Wagen und setzt sich auf den roten Klappstuhl unter dem Vordach des Caravans. Das Rentnerehepaar aus Kassel gibt für drei Tage insgesamt 65 Euro aus. Für beide stehen weniger die Kosten, sondern das Gefühl des Campens im Vordergrund. Seit 50 Jahren machen sie so Urlaub. „Im Winter gehen wir in Hotels, aber nur, weil weniger Zeltplätze geöffnet sind“, sagt Bernd Schäfer. Er schätze das Zusammenleben auf dem Platz, da sich die Urlauber - anders als in Hotels - mehr als nur „hallo“ sagten. Ein Städtetrip sei es dennoch nicht. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn lebten und arbeiteten in Frankfurt, und ihre beiden Enkel bräuchten Aufpasser, da die Kita gerade geschlossen sei. Schon mehrere Male hätten sie in Frankfurt auf dem Campingplatz einige Tage verbracht und auf die Enkel aufgepasst. Sie genießen es, mit den Kindern auf der Wiese zu sitzen und am Main spazieren zu gehen. „Dann sehen die Kinder auch mal etwas anderes als die Stadt“, sagt der Rentner, als die Tochter gerade die beiden Enkel vorbeibringt.
Der Campingplatz „Mainkur“ registriert auch in diesem eher kühlen Sommer guten Besuch. „Zwei Drittel des Platzes sind immer belegt“, beobachtet Platzbesitzerin Borgstedt. Die Urlauber hätten viele Gründe in der Stadt zu campen. Monteure machten hier Station, um billig zu wohnen, viele Touristen liehen sich Wohnmobile für eine Europareise, andere kämen für einen Konzertbesuch. Sie vermutet, dass der Standard von Campingplätzen immer höher werde, da für viele Kurzurlauber Hotels in der Innenstadt zu teuer seien.
Auch Ole-Magnus Olsen würde gerne wieder auf einem Campingplatz Urlaub machen. Er lächelt und sagt: „Vielleicht nächstes Jahr dann in München.“

