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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Atomkraft Der lange Weg zurück

 ·  Das Kernkraftwerk in Biblis soll „direkt“ abgebaut werden. Was mindestens bis zum Jahr 2025 dauert.

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Die Kommune muss sich aber schon jetzt dringend Gedanken über ihre Zukunft machen.

Die Mitteilung fällt so knapp und präzise aus, als hätte sie jemand mit zusammengepressten Zähnen diktiert. Um 22.21 Uhr sei Block A vom Netz genommen worden, informiert der Betreiber, der Energiekonzern RWE, am Abend des 18. März 2011. Das Atommoratorium beginnt eine Woche nach der Katastrophe von Fukushima. Als dreimonatige Denkpause gedacht, bringt es für die Anlagen in Biblis und sechs weitere Kernkraftwerke in Deutschland das Aus.

Auch wenn gerade in diesen Tagen wieder Zweifel wachsen, ob Strom aus regenerativen Quellen so schnell wie geplant die Produktion aus Kohle, Gas und eben Atom ersetzen könne, ob die Wende überhaupt bezahlbar sei, und ob man es sich tatsächlich wird leisten können, alle Kernkraftwerke bis 2022 abzuschalten - die beiden Meiler in Biblis werden nicht mehr ans Netz gehen.

Von bis zu zwei Milliarden Euro Schadensersatz ist die Rede

Nicht, weil das rein technisch betrachtet ausgeschlossen wäre. Gegen die Wiederbelebung spricht vor allem die starke negative Symbolkraft der Anlage in der fast ein halbes Jahrhundert währenden Auseinandersetzung um die Atomenergie. Die älteste Anlage Deutschlands, die „Pannenreaktoren“, in denen laut Kritikern angeblich nur mit Glück ein GAU verhindert wurde: Die beiden Blöcke am Rheinufer mit einer Gesamtleistung von 2500 Megawatt noch einmal anfahren zu lassen, das hätte sich nach der Katastrophe in Fukushima keine Bundes- oder Landesregierung mehr leisten können. Der Schrecken saß bei allen tief, vor allem bei der Kanzlerin. Die fatalen Folgen des Erdbebens vor der japanischen Küste hätten ihr gezeigt, das Restrisiko der Nukleartechnik sei eben doch nicht beherrschbar. Das sagte Angela Merkel als promovierte Physikerin. So entschlossen, wie sie Monate zuvor eine Verlängerung der Laufzeiten in Vertrauen auf das deutsche Knowhow durchgesetzt hatte, so kategorisch korrigierte sie sich, Widerspruch zwecklos. Noch nicht einmal als sogenannte Kaltreserve, ein Überdauern im Stand-by-Modus, um im Notfall Kapazitätsengpässe im Stromnetz schnell ausgleichen zu können, war für Biblis noch vorstellbar.

Die Energiekonzerne haben die Begründung für den deutschen Atom-Ausstieg längst noch nicht akzeptiert. Die Schlussfolgerung, wenn in einem hochtechnisierten Land wie Japan das Undenkbare eintreten könne, müsse man es auch in Deutschland einkalkulieren, sei falsch. Die Sicherheitsstandards seien hierzulande ausreichend hoch. Man sei auch für den Fall eines Erdbebens in der rheinischen Tiefebene gewappnet, in der Biblis liegt. RWE hat daher ebenso wie Konkurrent Eon Verfassungsbeschwerde gegen die Neufassung des Atomgesetzes eingelegt, die unter anderem die Stilllegung in Biblis erzwang. Von bis zu zwei Milliarden Euro Schadensersatz ist die Rede, die RWE für das vorzeitige Aus für Biblis einmal fordern werde, sollte man in Karlsruhe recht bekommen.

Fünfzehn Jahre kann es bis zur Entlassung aus dem Atomgesetz dauern

Umso überraschender hat der Konzern im Mai angekündigt, die Anlagen „direkt“ abbauen zu wollen. Die mögliche Variante wäre der sogenannte sichere Einschluss gewesen. Auch dabei wären die Brennelemente, die derzeit schon in Becken abklingen, Ende 2014 (Block A) und 2016 (Block B) aus den Meilern geholt und in Castor-Behälter verladen worden. Während nun anschließend relativ zügig die Demontage der Anlagen und später der Gebäude beginnen soll, hätte man beim „Einschluss“ den Komplex 20 bis 30 Jahre ruhen lassen, die Radioaktivität in den Gebäudeteilen und den Bauteilen wäre allmählich zurückgegangen.

Der Vorteil des direkten Abbaus, der rund 1,5 Milliarden Euro kosten wird, liegt vor allem darin, Mitarbeiter einsetzen zu können, die mit der Anlage noch vertraut sind. In den vergangenen Monaten, während des „Nichtleistungsbetriebs“, ist die Belegschaft schon deutlich reduziert worden. Von ehemals 700 eigenen und 300 Mitarbeitern aus Fremdfirmen werden bis Ende des Jahres noch 470 in Biblis beschäftigt sein. Dieser Stamm müsse aber bleiben, schließlich gelte es, eine sehr sensible Riesenbaustelle zu planen. Die Berichte und Gutachten zur Sicherheit und Umweltverträglichkeit für den Abrissantrag zusammenzustellen, dauert nach Schätzung des Unternehmens bis Ende 2013. Voraussichtlich Mitte 2015 sei mit der Genehmigung zur Stilllegung und Abbau der Blöcke zu rechnen, teilt das hessische Umweltministerium mit. Mindestens zehn bis 15 Jahre werde es schließlich noch dauern, bis die Anlage aus dem Atomgesetz „entlassen“ werden könne.

Wahrscheinlich müssen die Kapazitäten in Biblis noch erweitert werden

Der Begriff macht zum einen deutlich, wie bürokratisiert der Umgang mit der Kernenergie in Deutschland ist. Er führt aber auch vor Augen, wie sich die einstige Vorstellung, die Nutzung der Kernkraft lasse sich als Jahrhundertprojekt von langer Hand sicher steuern, überholt hat. Auch nach dem Entschluss, aus der Technik auszusteigen, bleiben die Unwägbarkeiten und Risiken groß. Vor allem ist nach wie vor nicht geklärt., wo das noch eine halbe Ewigkeit strahlende Material bleiben soll. Für schwach- und mittelradioaktive Überreste ist der Schacht Konrad bei Salzgitter vorgesehen. Er soll von 2019 an zur Verfügung stehen. Aber es wäre nicht der erste Termin, der noch einmal verschoben würde. Und als völlig offen erscheint inzwischen wieder, ob das Endlager in Gorleben für starkradioaktive Stoffe realisiert wird. Das Zwischenlager auf dem Gelände des Kernkraftwerks in Biblis ist bis 2046 genehmigt, die neue zehn Meter hohe Sicherheitsmauer bleibt eine langfristige Investition. Womöglich müssen sogar angesichts der offenen Fragen der Endlagerung die Kapazitäten in Biblis noch erweitert werden.

Wenige Kilometer entfernt hat im Rathaus der südhessischen Gemeinde ein neues, ungewisses Zeitalter schon begonnen. Seit Anfang der siebziger Jahre galt die Kommune als Synonym für eine inbrünstig geführte Auseinandersetzung um Wohl und Wehe einer Technik, die die einen für die wundersame Lösung aller Energiesorgen, die andern für Teufelszeug hielten. Im Ried marschierten Tausende Atomkraftgegner auf. Vor den Meilern formierten sich außerparlamentarische Bewegungen zu politischen Kräften. Die Grünen haben hier gleichsam Gründungsversammlungen abgehalten, noch ohne zu ahnen, dass sie eine Partei würden.

Nistende Vögel stehen unter Artenschutz

In der Gemeindevertretung von Biblis sind sie nicht vertreten. Im Rathaus hat die CDU zwei Sitze mehr als die SPD. Die Bürgermeisterin heißt seit zehn Jahren Hildegard Cornelius-Gaus, sie gehört keiner Partei an. Die Standorte der Kernkraftwerke seien „Spielball der Politik“, sagte sie vor Jahren einmal. Sie hat einen Brief ans Kanzleramt geschrieben. Der Ort mit seinen rund 9000 Einwohnern bittet darin um Hilfe, weil das Aus für das Kernkraftwerk, das jährlich mehrere Millionen Euro Gewerbesteuer einbrachte, so unerwartet schnell gekommen sei. Auf fünf, sechs weitere finanziell sehr gute Jahre hatte man sich in Biblis nach der Laufzeitverlängerung eingestellt. Berlin hat freundlich geantwortet und darauf verwiesen, Strukturförderung sei Sache der Bundesländer. Nun haben Hessen und die EU 150.000 Euro für ein Standortkonzept zur Verfügung gestellt. Wohin diese Konversion Biblis führen wird, dazu sollen auch die Bürger Vorschläge einreichen.

RWE hat vor einigen Wochen, als es um die Zukunft des etwa 40 Hektar großen Areals ging, ein Bild gezeigt, wie ein Acker eingesät wird. Rückbau in Reinkultur sozusagen. Ob tatsächlich dort wie im 19. Jahrhundert Gurken sprießen werden, ist freilich nur eine Option unter mehreren. Womöglich wird der Energiekonzern aber auch am Standort festhalten und dort ein Gaskraftwerk errichten. Dann könnten zumindest die Kühltürme stehen bleiben. Ein Unternehmenssprecher wollte sich nicht dazu äußern. RWE werde an der Energiewende mitarbeiten, lautet die Formel. Ob Biblis dabei eine Rolle spielen werde, sei offen.

Wie lange die Türme bleiben, das ist aber auch noch unter einem anderen Aspekt zu entscheiden. Dort nisten Falken und andere seltene Vögel. Sie stehen unter Artenschutz.

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Jahrgang 1956, Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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