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Astronomie : Jäger der verborgenen Mini-Planeten

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Teamarbeit auf dem Kleinen Feldberg: Stefan Karge (links) und Erwin Schwab haben „Skywalker“ entdeckt. Bild: Cornelia Sick

Zwei Amateurastronomen aus Frankfurt haben einen unbekannten Asteroiden entdeckt - und waren damit schneller als automatische Suchsysteme.

          Mehr als vier Stunden Schlaf bleiben Erwin Schwab und Stefan Karge für gewöhnlich nicht, wenn der Himmel klar ist. In solchen Nächten treffen sie sich auf dem Kleinen Feldberg, um stundenlang nichts anderes zu tun, als auf ihre Laptops zu starren und mit der Maus winzige weiße Punkte zu verfolgen. „Für unsere Arbeit braucht es wirklich eine Menge Leidenschaft, besonders wenn um drei Uhr morgens das warme Bett lockt“, sagt der 51 Jahre alte Karge.

          Nicht die erste Entdeckung

          Immer wieder schauen sie sich auf den Computern die Bilderfolgen an, die das Spiegelteleskop in der Kuppel nebenan aufgenommen hat. Wo Laien nur graues Rauschen sehen, entdecken die beiden Männer im September 2007 einen unscharfen Fleck, der sich Bild für Bild ein kleines Stück nach unten bewegt. Es ist ein bis dahin unbekannter Kleinplanet, der sich wie die Erde um die Sonne bewegt, aber einen viel geringeren Durchmesser hat. An letzten Dienstag wurde die Existenz des Kleinplaneten „Skywalker“ - benannt nach dem „Krieg der Sterne“-Helden Luke Skywalker - durch die Deutsche Astronomische Gesellschaft offiziell bestätigt.

          Es ist nicht die erste Entdeckung von Schwab und Karge. Seit neun Jahren suchen die beiden von der Sternwarte auf dem Kleinen Feldberg aus nach Mini-Planeten, knapp 100 Stück haben sie und ihre Kollegen vom Physikalischen Verein Frankfurt schon aufgespürt. Beide sind seit ihrer Kindheit von der Weite des Universums begeistert. Allein die Möglichkeit, selbst etwas zu entdecken und so das Wissen über den Kosmos zu mehren, sei Ansporn genug, sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, erzählt Schwab.

          Hauptberuflich ist er Ingenieur, Karge arbeitet in der Logistik. Mit dem Himmel beschäftigen sie sich in ihrer Freizeit - wie weltweit Tausende andere. „Es ist einfach faszinierend, auch als Amateur einen Beitrag zur Wissenschaft leisten zu können“, sagt Jost Jahn von der Vereinigung der Sternfreunde, dem größten Verband von Amateurastronomen in Deutschland. Kleinplaneten, auch Asteroiden genannt, können nicht nur Hinweise liefern, wie das Sonnensystem entstanden ist - ihre Erfassung kann überlebenswichtig sein. Einige kreuzen nämlich die Umlaufbahn der Erde. Wenn sie groß und schwer genug sind, kann die Atmosphäre einen Einschlag nicht verhindern.

          Ein schwacher weißer Punkt

          Nach Worten Olivier Hainauts von der europäischen Forschungseinrichtung ESO könnte schon ein Asteroid mit einem Durchmesser von einem Kilometer das Leben auf einem ganzen Kontinent gefährden. Etwa einmal in 100 Jahren fliege solch ein Himmelskörper auf die Erde zu. Werde er früh genug bemerkt, könnten Forscher versuchen, ihn mit Hilfe von Raketen von der Erde wegzulenken.

          Daher suchen längst auch professionelle Astronomieinstitute nach den fliegenden Gesteinsbrocken. Ihre Technik entwickeln sie immer weiter. Das Grundprinzip ist aber immer noch das gleiche wie 2007, als Schwab und Karge „Skywalker“ entdeckten.

          In der Sternwarte auf dem Kleinen Feldberg stellten sie das große Spiegelteleskop und eine daran befestigte Kamera so ein, dass im Abstand einiger Minuten drei Bilder vom Nachthimmel entstanden. Diese Bilder fügten die beiden Freizeitforscher auf ihren Computern zu einem kleinen Film zusammen und entdeckten einen schwachen weißen Punkt, dessen Flugbahn in keiner Datenbank vermerkt war.

          Strategische Jagd

          Die Positionsdaten des Körpers schickten sie an das internationale Kleinplaneten-Zentrum in den Vereinigten Staaten, das Informationen über Asteroiden sammelt. Erst acht Jahre später wurde ihre Entdeckung bestätigt. Das dauerte deshalb so lange, weil über viele Jahre noch Daten von anderen Observatorien fehlten, um die genaue Flugbahn des Objekts zu bestimmen.

          Schneller geht es oft bei professionellen astronomischen Instituten. Deren Teleskope sind zumeist lichtempfindlicher und haben ein größeres Gesichtsfeld. Dadurch können sie auch weiter entfernte Planeten sichtbar machen und die Bahn genauer bestimmen. Seit einigen Jahren nutzen Observatorien wie die der ESO zudem computergesteuerte Suchsysteme, die innerhalb von einer Woche den gesamten Himmel absuchen und Kleinplaneten automatisch erfassen. Hunderte neue werden so nach Angaben der ESO jede Nacht registriert.

          Den Spaß lassen sich die Amateure durch den technischen Rückstand nicht nehmen - im Gegenteil. „Die Suche ist zu einer Art strategischen Jagd geworden“, sagt Schwab. Die Freizeitastronomen müssten schlichtweg schneller sein als die automatischen Suchsysteme, also an solchen Stellen nach Gesteinsbrocken fahnden, die automatische Systeme erst später erfassten. Außerdem ließen diese häufig Lücken oder hätten Schwierigkeiten, wenn ein Kleinplanet zwischenzeitlich durch einen Stern verdeckt werde. Das sei ihre Chance.

          Größter Gegner: Der Flughafen

          Aus Sicht der beruflichen Astronomen ist es wichtig, dass die Amateure auch weiterhin den Himmel absuchen. Olivier Hainaut zufolge steigen dadurch die Chancen, Körper und Phänomene im Universum zu entdecken, die sonst unbemerkt blieben. Schließlich könnten selbst die besten Geräte nicht gleichzeitig jeden einzelnen Punkt erfassen.

          Schwab und Karge werden daher nach wie vor auf Kleinplaneten-Jagd gehen - solange das noch möglich ist. Ihr größter Gegner sei nämlich kein automatisches Suchsystem, sondern der Frankfurter Flughafen. Nehme die Lichtverschmutzung durch den Flugverkehr weiter zu, müssten sie ihr Hobby schon bald an einem anderen Ort ausüben.

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