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Aschaffenburg Fokus auf verfemte Künstler

Ein Kunstsammler bietet Aschaffenburg die Gründung einer Stiftung an. In sie könnte er mehr als 2000 Werke von Malern der „verschollenen Generation“ einbringen.

Der westfälische Kunstsammler Gerhard Schneider ist bereit, große Teile seiner Sammlung „verfemter Kunst“ in eine Stiftung mit der Stadt Aschaffenburg einzubringen und die Werke von Malern der sogenannten verschollenen Generation dort zu präsentieren. Die Sammlung umfasst mehr als 2000 Gemälde, Grafiken und Aquarelle von Künstlern, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt, mit Malverbot belegt und mit dem Urteil „entartet“ gebrandmarkt worden waren. Der Stadtrat befasste sich am Montag in einer nichtöffentlichen Sitzung mit dem Angebot Schneiders, der gemeinsam mit seiner Ehefrau fast drei Stunden warten musste, bis er kurz vor 22 Uhr endlich die Gelegenheit erhielt, seine Projektidee den Kommunalpolitikern vorzustellen. Eine Diskussion gab es dem Vernehmen nach nicht. Eine Entscheidung wurde nicht getroffen. Sie soll in der Plenumssitzung am 17.Dezember fallen.

Museumsleiter Thomas Richter lobte gestern den „Riesen-Fundus“, den Schneider in den vergangenen 30 Jahren zusammengetragen habe. Er sprach von einem „guten Angebot“. Die Frage, ob er selbst eine Präsentation der Gemälde und Grafiken der „verfemten Künstler“ in Aschaffenburg befürworte oder eher Bedenken hege, wollte er unter Hinweis auf die „politische Willensbildung“ und die Entscheidung des Stadtrats nicht beantworten. In der Öffentlichkeit ist das Angebot des Kunstsammlers bislang nicht bekannt. Auch am 17.Dezember soll der Stadtrat nach Angaben Richters nichtöffentlich beraten. Begründet wird dies mit vertraglichen Details zum Wert der Sammlung und der finanziellen Entschädigung des Ehepaars, das seine auf mehrere Millionen Euro geschätzten Kunstwerke in eine Stiftung mit der Stadt einbringen will.

Erforschung und Würdigung verfolgter Maler

Aus der Beschlussvorlage, die dieser Zeitung vorliegt, geht hervor, dass der Kunstsammler im März Vertretern der Stadt und der städtischen Museen seine Idee für ein Museum des 20.Jahrhunderts und zur Errichtung einer Stiftung vorgestellt hatte. Schneider will nach eigenen Angaben in die Stiftung 2000 bis 2500 Arbeiten deutscher Künstler aus der Zeit um 1900 bis gegen 1945 einbringen. Stiftungsziel sollen die Erforschung und die Würdigung der im Nationalsozialismus verfolgten Maler sein. Ein kleiner Teil der Sammlung befindet sich im Kunstmuseum Solingen. Diese Bilder sollen nach dem Willen Schneiders auch dort bleiben.

Der Kontakt zu dem 73 Jahre alten Sammler aus Olpe verdankt sich zwei Ausstellungen in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche über die „verschollene“ Künstler-Generation im Jahr 2010 und in diesem Sommer, die beide mit Werken aus der Sammlung Schneiders bestückt waren. Präsentieren möchte das Ehepaar die Bilder und Grafiken im künftigen Museumsquartier der Stadt Aschaffenburg und dafür 500 Quadratmeter der insgesamt 650 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche im geplanten Erweiterungsbau neben der Jesuitenkirche beanspruchen. Bislang waren die Räume für eine umfassende Schad-Ausstellung vorgesehen.

Fraktionsvorsitzende äußern Skepsis

Die Witwe des Malers hatte der Stadt den Nachlass ihres Mannes vermacht, die damit über mehr als 3200 Arbeiten aus allen Schaffensperioden des Künstlers verfügt. Die Regierung von Unterfranken hält ein finanzielles Engagement der Stadt im Rahmen der Stiftung grundsätzlich für möglich. Sie hat allerdings verlangt, es müsse durch Gutachten nachgewiesen werden, dass der Wert der Bilder auch den finanziellen Verpflichtungen der Stadt entspreche. Positiv wird in der Verwaltungsvorlage hervorgehoben, dass Aschaffenburg mit der Sammlung Schneider „überregional wahrgenommen“ würde und zu einem Forschungszentrum über verfolgte Künstler während der NS-Herrschaft werden könnte.

Die Fraktionsvorsitzenden von CSU, SPD und Grünen äußerten gestern zwar großen Respekt vor der beachtlichen Sammlung und der Leistung Schneiders, der als einer der Ersten auf das Dilemma der verfemten Künstler hingewiesen hatte, die nach 1945 ein zweites Mal ins Abseits gedrängt worden waren. Doch es überwog die Skepsis vor allem mit Blick auf das geplante Schad-Museum. Peter Schweickard (CSU) meinte zwar, die Stadt dürfe auf keinen Fall noch einmal wie bei Ernst Ludwig Kirchner Chancen verstreichen lassen. Aber er äußerte auch die Befürchtung, Schad könne möglicherweise an den Rand gedrängt werden. Wolfgang Giegerich (SPD) warnte vor den Kosten in Millionenhöhe und fragte, ob sich Aschaffenburg das leisten können. Stefan Wagener (Grüne) erinnerte an das Museumskonzept, „das wir über den Haufen werfen müssten, wenn wir das Angebot annähmen“. Er wies auf die Stellungnahme der Regierung hin, wonach die Zahlungen der Stadt an den Kunstsammler nicht zu einer Einschränkung der finanziellen Leistungsfähigkeit Aschaffenburgs führen dürfen.

Quelle: F.A.Z.

 
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