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Armutsmigranten in Frankfurt „Die sind völlig ohne Boden“

Mit Sorge beobachtet der Deutsche Städtetag die Armutsmigration aus Rumänien und Bulgarien. Sie stellt auch Frankfurts soziale Einrichtungen vor Probleme.

© von Siebenthal, Jakob Vergrößern Armutsmigranten aus Osteuropa nutzen zunehmend das karitative Angebot der Weißfrauenkirche in Frankfurt, wo es warme Mahlzeiten gibt

Eine Tasche und das, was sie am Körper trug - mehr hatte Eva Dumitru nicht bei sich, als sie in Frankfurt ankam. Dumitru, 38 Jahre alt, stammt aus Sibiu, einer Stadt im Zentrum Rumäniens. Dort, wie sie in gebrochenem Deutsch erzählt, lebt sie von 150 Euro im Monat und teilt sich mit ihren Eltern ein Zimmer. Jetzt übernachtet sie manchmal in der B-Ebene an der Hauptwache. Vor sechs Monaten wurde sie am Hals operiert, davon zeugt die Narbe oberhalb des Schlüsselbeins. Das Sprechen fällt ihr noch schwer, aber fragt man Dumitru, warum sie nach Frankfurt gekommen ist, sagt sie nur ein Wort: „Criza“ - die Krise in ihrem Heimatland.

Dumitru, mit Dutt und schwarzer Jacke, ist in die Weißfrauenkirche im Frankfurter Bahnhofsviertel gekommen, wo Bedürftige derzeit einmal am Tag eine warme Mahlzeit erhalten. Wegen Armutsmigranten wie Dumitru hat der Deutsche Städtetag kürzlich Alarm geschlagen. Zwischen 2007 und 2011 hat sich die Zahl der jährlichen Armutseinwanderer aus Bulgarien und Rumänien von 64 000 auf etwa 147 000 mehr als verdoppelt. Der soziale Frieden sei in Gefahr, warnte der Städtetag. Da die Kommunen den Ansturm allein nicht mehr bewältigen könnten, forderte er Hilfe von Ländern, Bund und der Europäischen Union.

Mit Hilflosigkeit konfrontiert

Für Jutta Jekel, Pfarrerin in der Hoffnungsgemeinde, ist die Lage der Migranten aus Südosteuropa eine „Katastrophe“: „Wir sind hier mit einer Hilflosigkeit konfrontiert, die wir so noch nicht erlebt haben.“ Spanier und Italiener, die zur Winterspeisung kämen, hätten in ihrer Heimat eine Schule besucht oder eine Ausbildung beendet, sagt sie. Die Bulgaren und Rumänen seien dagegen deutlich ärmer und hätten keinerlei Abschluss: „Die sind völlig ohne Boden.“ Wegen der neuen Migranten habe die Gemeinde dieses Jahr ein Drittel mehr Essen kaufen müssen.

Steigt man die Treppen der Weißfrauenkirche hinab und biegt nach rechts, erreicht man „Weser 5“, das Diakoniezentrum, in dem sich Wohnungslose tagsüber aufhalten können. Matthias Roth ist dort seit 1997 Sozialarbeiter. Er hat miterlebt, wie sich die Zusammensetzung der Flüchtlingsströme mit der Osterweiterung der Europäischen Union veränderte: zunächst Polen, seit ein paar Jahren Bulgaren und Rumänen. 130 Männer und Frauen kämen im Winter täglich in das Diakoniezentrum, und inzwischen, sagt Roth, bildeten die Südosteuropäer mit etwa 70 Prozent die Mehrheit.

Geld verdienen per Akkordeon

Im Diakoniezentrum gibt es auch eine Kleiderkammer, und gerade steht ein junger Bulgare vor ihrer Tür, mit schwarzer Lederjacke und silbernem Ohrring. Er ist 21 Jahre alt und lebt seit fünf Jahren in Frankfurt. Er kommt aus Warna im Osten Bulgariens, direkt am Schwarzen Meer. Sein Deutsch ist gut, er hat eine deutsche Freundin. Sein Geld verdient der Einundzwanzigjährige als Akkordeonspieler oder Sänger. In seiner Heimat habe er keine Lust gehabt zu lernen, sagt er, aber letztlich gebe es dort ohnehin keine Arbeit - und wenn, dann verdiene man an einem Zwölf-Stunden-Tag fünf Euro. Seiner Mutter, die noch in Warna lebe und zu krank sei, um zu arbeiten, schicke er jeden Monat etwa 200 Euro. Sein älterer Bruder sei zuerst nach Frankfurt gekommen, erzählt er, dann habe er sich selbst auf den Weg gemacht und dabei auch seinen jüngeren Bruder mitgenommen. Heute ist er im Diakoniezentrum, um einem anderen Bulgaren zu helfen, der auf der Durchreise in die Niederlande ist.

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Für Matthias Roth, den Sozialarbeiter, unterscheidet sich die Migration aus Südosteuropa von der aus anderen Ländern vor allem durch zwei Merkmale: eine bessere Organisation und die Anreise in Gruppen. Deutsche und polnische Wohnungslose seien zu achtzig Prozent alleinstehende Männer, erzählt er. Aus Bulgarien und Rumänien kämen dagegen ganze Familien, die sich gegenseitig unterstützten. Das verschaffe ihnen einen Vorteil gegenüber Alleinstehenden; soziale Einrichtungen stelle das dagegen vor neue Herausforderungen, da sie nun auch Kinder zu versorgen hätten. Nach Meinung Roths hat Frankfurt den Höhepunkt der Zuwanderung noch nicht erreicht: Dafür sei das Wohlstandsgefälle zwischen Deutschland und Südosteuropa noch zu groß. „Wir“, sagt er über das Diakoniezentrum, „haben aber im Moment die Grenzen unserer Kapazität erreicht.“

Quelle: F.A.Z.

 
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