Home
http://www.faz.net/-gzg-76ytk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Armut trotz Arbeit Zum Leben zu wenig

Für die meisten Menschen ist der Winter kein Problem: Sie ziehen sich warm an und müssen dem Ende des Monats nicht entgegen bangen, ihr Kühlschrank ist immer gefüllt. Doch was, wenn trotz Arbeit das Geld nicht reicht? Zwei Frauen berichten, worauf sie verzichten.

© Sick, Cornelia Vergrößern Mehr als Kaffee und Kuchen: Im Lisbethtreff der Caritas bekommen bedürftige Frauen zweimal in der Woche zu essen und zu trinken, können in den Räumen aber auch Wäsche waschen, duschen – und mit anderen über ihre Probleme und Schwierigkeiten sprechen.

Nimm immer die Tasche mit, die darf nicht unbeaufsichtigt sein.“ Elgathan Saida presst einen rosafarbenen Plastikbeutel mit dem Ellenbogen fest an ihren Körper und eilt auf die Toilette. Im eisigen Schneeregen hat sie schon seit einer Viertelstunde vor der Tür gewartet, ist im Kampf gegen die Kälte von einem auf den anderen Fuß getrippelt. Es ist 13.30 Uhr, der Lisbethtreff der Caritas öffnet.

Nachdem Saida sich die Hände gewaschen hat, reiht sie sich ein in die Schlange der vierzehn wartenden Frauen, die von Ehrenamtlichen selbstgebackenen Kuchen und belegte Brote erhalten - die Tasche hat sie fest umklammert. Der Raum ist gut beheizt, die Wände sind in warmem Gelb gestrichen, die Tische jeweils mit grünen Decken, einem Teelicht und einer Blume geschmückt. Saida zieht sich in eine der hinteren Ecken zurück, dorthin, wo noch niemand sitzt. Sie ist 44 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Marokko, aus einem kleinen Dorf bei Marrakesch im Zentrum des Landes; ihre Haut ist dunkel, Haare und Augenbrauen pechschwarz.

Auf ihrem Kuchenteller balanciert sie ein Stück Kirschstreusel, ein Stück Apfelstreusel, darauf zwei Käsebrote, mit der anderen Hand hält sie zwei Äpfel. Noch stehend, schenkt sie sich eine halbe Tasse Kaffee ein, füllt den Rest mit Milch auf und trinkt das Ganze, ohne abzusetzen aus. Dann füllt sie die nächste Tasse bis fast an den Rand, diesmal nur mit Kaffee.

Warme Mahlzeit und Kleidung im Lisbethtreff der Caritas

Zum Lisbethtreff - benannt nach der heiligen Elisabeth, der Schutzpatronin der Caritas - können seit 1997 zwei Mal in der Woche Frauen kommen, die wohnungslos, arm oder einsam sind. In den Räumen am Affentorplatz in Sachsenhausen gibt es etwas zu essen und warme Getränke, die Frauen können duschen, ihre mitgebrachte Wäsche waschen oder gebrauchte Kleider kaufen.

Mit 15 Jahren ist Saida zusammen mit ihrer älteren Cousine nach Italien ausgewandert, dort hat sie ihren zukünftigen Mann kennengelernt. 1999 haben die beiden sich dann entschieden, nach Frankfurt zu ziehen - der Arbeit wegen. Er war als Kraftfahrer in ganz Europa unterwegs, sie hat als Putzfrau ein Zubrot verdient. Mittlerweile ist sie geschieden, nur ihr Beruf ist noch der gleiche. Fragt man sie nach ihrem Ex-Mann, schüttelt sie nur den Kopf, sagt „Macho.“ Mehr nicht. Abrupt wechselt sie das Thema, beginnt von ihrer Tochter zu erzählen, die 19 Jahre alt ist, gerade ein Praktikum als Arzthelferin macht und noch nie in Marokko war.

Elgathan Saida erzählt, dass sie gerne liest, manchmal bekommt sie von Freunden gebrauchte Bücher geschenkt, und im Lisbethtreff steht ein ganzes Regal mit Romanen zum Ausleihen. Manche davon habe sie schon gelesen, sagt sie. Sonst liest sie Zeitung, interessiert sich für das, was in der „Bild“-Zeitung steht, die oft in der U-Bahn liegt, schaut auf die Magazine, die am Kiosk ausliegen. Kaufen kann Saidi solche Hefte nicht. Die „Bunte“ kostet fast drei Euro, das ist ein Mittagessen. Wenn ihre Tochter ein kleines Taschengeld bekommen hat, wenn Miete und Strom bezahlt sind, dann bleiben ihr mit der Aufstockung vom Amt im Monat 370 Euro. Das sind etwas mehr als zwölf Euro am Tag.

Einen symbolischen Euro für Kleidung

Noch immer sitzt sie allein am Tisch, noch immer hat sie mit keiner der anderen Frauen gesprochen. Die sind ungefähr in ihrem Alter, manche älter. Viele scheinen sich zu kennen. An einem Tisch diskutieren vier Polinnen lebhaft in ihrer Muttersprache, an einem anderen spielen drei Frauen „Mensch ärgere Dich nicht“, bei ihnen sitzt eine ältere Frau und schläft.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Holocaust-Überlebende in Haifa Man muss leben weiter, kannst nichts machen

Ein Altenheim in Haifa. Die Bewohner erinnern sich an Elektrozäune und Todesmärsche. Und erzählen vom Trost in der Gemeinschaft, die auch die Grausamkeiten des zweiten Weltkriegs miterlebt hat. Mehr Von Jörn Klare

22.11.2014, 11:26 Uhr | Gesellschaft
Schminktipps auf Youtube Die Beauty-Queens von nebenan

Ihr heimliches Vorbild ist Kim Kardashian: Beauty-Bloggerinnen mit Migrationshintergrund tragen dick auf. Aber auch deutsche Mädchen lieben sie inzwischen für ihre Schminkkünste. Mehr Von Meltem Toprak

23.11.2014, 17:49 Uhr | Stil
Studium in Spitzbergen Forschen im arktischen Eis

Spitzbergen lockt nicht nur Touristen. Auch Studenten finden den Weg zur dortigen Hochschule. Denn Naturwissenschaftlern bieten sich dort einzigartige Chancen - vorausgesetzt, sie sind im Umgang mit Waffen versiert. Mehr Von Andrea Rehmsmeier

21.11.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.02.2013, 11:00 Uhr

Der öffentliche Zugang zählt

Von Hans Riebsamen

Der Vorschlag, „entartete Kunst“ an das Museum zurückzugeben, dem sie entwendet wurde, würde einen riesigen Ringtausch nötig machen. Dabei kommt es nicht darauf an, in welchem Haus ein Werk zu sehen ist. Mehr 1