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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Armut trotz Arbeit Zum Leben zu wenig

 ·  Für die meisten Menschen ist der Winter kein Problem: Sie ziehen sich warm an und müssen dem Ende des Monats nicht entgegen bangen, ihr Kühlschrank ist immer gefüllt. Doch was, wenn trotz Arbeit das Geld nicht reicht? Zwei Frauen berichten, worauf sie verzichten.

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© Sick, Cornelia Mehr als Kaffee und Kuchen: Im Lisbethtreff der Caritas bekommen bedürftige Frauen zweimal in der Woche zu essen und zu trinken, können in den Räumen aber auch Wäsche waschen, duschen – und mit anderen über ihre Probleme und Schwierigkeiten sprechen.

Nimm immer die Tasche mit, die darf nicht unbeaufsichtigt sein.“ Elgathan Saida presst einen rosafarbenen Plastikbeutel mit dem Ellenbogen fest an ihren Körper und eilt auf die Toilette. Im eisigen Schneeregen hat sie schon seit einer Viertelstunde vor der Tür gewartet, ist im Kampf gegen die Kälte von einem auf den anderen Fuß getrippelt. Es ist 13.30 Uhr, der Lisbethtreff der Caritas öffnet.

Nachdem Saida sich die Hände gewaschen hat, reiht sie sich ein in die Schlange der vierzehn wartenden Frauen, die von Ehrenamtlichen selbstgebackenen Kuchen und belegte Brote erhalten - die Tasche hat sie fest umklammert. Der Raum ist gut beheizt, die Wände sind in warmem Gelb gestrichen, die Tische jeweils mit grünen Decken, einem Teelicht und einer Blume geschmückt. Saida zieht sich in eine der hinteren Ecken zurück, dorthin, wo noch niemand sitzt. Sie ist 44 Jahre alt, kommt ursprünglich aus Marokko, aus einem kleinen Dorf bei Marrakesch im Zentrum des Landes; ihre Haut ist dunkel, Haare und Augenbrauen pechschwarz.

Auf ihrem Kuchenteller balanciert sie ein Stück Kirschstreusel, ein Stück Apfelstreusel, darauf zwei Käsebrote, mit der anderen Hand hält sie zwei Äpfel. Noch stehend, schenkt sie sich eine halbe Tasse Kaffee ein, füllt den Rest mit Milch auf und trinkt das Ganze, ohne abzusetzen aus. Dann füllt sie die nächste Tasse bis fast an den Rand, diesmal nur mit Kaffee.

Warme Mahlzeit und Kleidung im Lisbethtreff der Caritas

Zum Lisbethtreff - benannt nach der heiligen Elisabeth, der Schutzpatronin der Caritas - können seit 1997 zwei Mal in der Woche Frauen kommen, die wohnungslos, arm oder einsam sind. In den Räumen am Affentorplatz in Sachsenhausen gibt es etwas zu essen und warme Getränke, die Frauen können duschen, ihre mitgebrachte Wäsche waschen oder gebrauchte Kleider kaufen.

Mit 15 Jahren ist Saida zusammen mit ihrer älteren Cousine nach Italien ausgewandert, dort hat sie ihren zukünftigen Mann kennengelernt. 1999 haben die beiden sich dann entschieden, nach Frankfurt zu ziehen - der Arbeit wegen. Er war als Kraftfahrer in ganz Europa unterwegs, sie hat als Putzfrau ein Zubrot verdient. Mittlerweile ist sie geschieden, nur ihr Beruf ist noch der gleiche. Fragt man sie nach ihrem Ex-Mann, schüttelt sie nur den Kopf, sagt „Macho.“ Mehr nicht. Abrupt wechselt sie das Thema, beginnt von ihrer Tochter zu erzählen, die 19 Jahre alt ist, gerade ein Praktikum als Arzthelferin macht und noch nie in Marokko war.

Elgathan Saida erzählt, dass sie gerne liest, manchmal bekommt sie von Freunden gebrauchte Bücher geschenkt, und im Lisbethtreff steht ein ganzes Regal mit Romanen zum Ausleihen. Manche davon habe sie schon gelesen, sagt sie. Sonst liest sie Zeitung, interessiert sich für das, was in der „Bild“-Zeitung steht, die oft in der U-Bahn liegt, schaut auf die Magazine, die am Kiosk ausliegen. Kaufen kann Saidi solche Hefte nicht. Die „Bunte“ kostet fast drei Euro, das ist ein Mittagessen. Wenn ihre Tochter ein kleines Taschengeld bekommen hat, wenn Miete und Strom bezahlt sind, dann bleiben ihr mit der Aufstockung vom Amt im Monat 370 Euro. Das sind etwas mehr als zwölf Euro am Tag.

Einen symbolischen Euro für Kleidung

Noch immer sitzt sie allein am Tisch, noch immer hat sie mit keiner der anderen Frauen gesprochen. Die sind ungefähr in ihrem Alter, manche älter. Viele scheinen sich zu kennen. An einem Tisch diskutieren vier Polinnen lebhaft in ihrer Muttersprache, an einem anderen spielen drei Frauen „Mensch ärgere Dich nicht“, bei ihnen sitzt eine ältere Frau und schläft.

Saida ist eigentlich gekommen, weil sie einen neuen Mantel braucht. In der Kleiderkammer im Keller können die Frauen jeweils drei gebrauchte Teile kaufen. Für je einen Euro. Zur Auswahl stehen gefütterte Winterstiefel, Sportschuhe oder Stilettos, in deckenhohen Regalen türmen sich Blusen, T-Shirts und Rollkragenpullover, Jeans, Jogginghosen und Röcke. Gleich daneben sind Handtücher gestapelt, Packen von Binden, Tampons, Slipeinlagen und Waschpulver. Wer möchte, kann Badeanzüge und Halstücher, Gürtel - und eben auch Wintermäntel kaufen.

Saida geht zu Fuß - die U-Bahn kostet 2,60 Euro

An diesem Nachmittag ist die zuständige Ehrenamtliche allerdings krank, Saida wird in ein paar Tagen wieder kommen. Ihr Wollmantel, knielang, grau und verwaschen, sei nicht geeignet für das Wetter, sagt sie. Wenn es regne, sauge er sich voll Wasser. Bei Woolworth hat sie schon geschaut, bei C&A nach Rabatten gefragt, doch trotz Ausverkauf sind ihr die Jacken dort noch zu teuer. Mittlerweile ist mehr als eine halbe Stunde vergangen, und Saida sitzt immer noch in Mantel und Halstuch am Tisch, darunter trägt sie einen schwarzen Rollkragenpulli, Jeans und braune Winterstiefel. Luxus ist, nicht zu frieren.

Saida Elgathan geht oft zu Fuß, eine Karte für die U-Bahn kostet 2,60 Euro, „da überlege ich mir jede Fahrt.“ Für schwere Einkäufe wie Sprudel oder Milch läuft sie mehrmals hintereinander. Aus ihrer Tasche kramt sie ein zerknittertes Stück Papier, darauf hat sie gelistet, in welchem Supermarkt welche Waren im Angebot sind. Diesmal hat sie ihrer Tochter einen Lippenstift kaufen wollen. Ein roter sollte es sein, am besten mit goldenem Glitzer. Sie wühlt in ihrer Tasche und zieht einen Lippenstift heraus: „Falsch!“ Der Stift hat zwar Glitzer, ist aber eher pink. „Das sind 50 Cent.“ Energisch stellt sie den Stift auf den Tisch. „Umsonst.“ Sie wird ihn hier lassen, vielleicht freut sich ja eine der anderen Frauen darüber.

Ihre Tasche lässt sie nicht aus den Augen

Für sich selbst braucht Saida demnächst Haarfarbe. Ihre dunkelrote Mütze trägt sie nicht nur gegen die Kälte, sondern auch gegen die Scham. Sie zieht sie etwas nach hinten, beugt den Kopf nach vorne und zeigt auf ihren Haaransatz. Die wenigen grauen Strähnchen fallen kaum auf, „aber ich weiß, dass sie da sind.“

Doch nun ist es Zeit, aufzubrechen, gleich, um15 Uhr, muss Saida zur Arbeit, erst in verschiedene Büros, später putzt sie in einem Supermarkt. Sie arbeitet immer dann, wenn sie gebraucht wird, manchmal drei Mal in der Woche, manchmal nur ein Mal. Vergangenes Jahr ist ihr bei der Arbeit die Tasche gestohlen worden - mit fast vierzig Euro darin. Seither lässt sie ihr Hab und Gut nicht mehr aus den Augen. Sie hat ein Brot und ein Teilchen gegessen, den Rest lässt sie sich in eine Papiertüte einpacken, die Äpfel sind bereits in ihrer Jackentasche verstaut. Luxus ist, auch morgen etwas zu essen zu haben.

Dana ist Nummer 01849

Essen Sie irgendetwas nicht?“ Die junge Frau antwortet sofort, ruft ohne zu zögern: „Nee, nee, alles.“ In ihrer Hand hält Dana ein rotes Stück Papier, nicht größer als eine Kinokarte. Doch für das Zettelchen mit der Nummer 01849 gibt es mehr als 90 Minuten Unterhaltung. 01849 - das sind für Dana Frühstück, Mittag- und Abendessen für mehrere Tage. Fast eine halbe Stunde hat sie vor dem Gebäude im Bahnhofsviertel gewartet, ist trotz der Kälte früh gekommen, obwohl die Reihenfolge vorgegeben ist.

„Wie viele Personen?“, fragt die Ehrenamtliche der Frankfurter Tafel und öffnet die leeren Plastiktaschen, die Dana ihr über den Tisch reicht. „Fünf.“ Während die Helferin zwischen den grünen Klappkisten hin und her läuft und in Windeseile die Tüten füllt, erzählt Dana, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte, von sich.

Zu fünft von einem Gehalt leben

Die ist 27 Jahre alt, geboren in Frankfurt, Mutter. Ihr Ältester ist elf Jahre alt und war nicht geplant, zum Vater besteht kein Kontakt mehr. Danach bekam sie das erste Mädchen, es ist inzwischen fünf Jahre alt. Das jüngste Kind ist auch ein Mädchen, sieben Monate alt. Es sitzt im tragbaren Kindersitz und beobachtet mit wachem Blick, was um es herum geschieht. Mit dem Vater der Mädchen ist Dana verheiratet, er arbeitet als Maler und Lackierer, „manchmal auch am Wochenende.“ Sie schaut zu Boden: „Nun ja, schwarz halt.“ Sie selbst kümmert sich um die Kinder und den Haushalt. Die Familie sei „nicht wirklich arm“, sagt sie ein paar Mal. Aber übermäßig viel hätten sie eben auch nicht und müssten zu fünft von einem Gehalt leben.

Die Frankfurter Tafel versorgt seit 18 Jahren bedürftige Menschen mit Obst und Gemüse, mit Brot und Fleisch. Es kommen Alleinerziehende, Behinderte, Drogenabhängige, aber auch Männer und Frauen wie Dana, bei denen es zum Ende des Monats knapp wird. An diesem Tag werden rund 110 Bedürftige zur Ausgabe kommen, im Durchschnitt bekommt jeder der Wartenden Lebensmittel für drei Personen. Für wie viele genau, das steht auf einem Pass, den jeder vorzeigen muss. Mit diesem Ausweis dürfen die Männer und Frauen zwei Mal im Monat zur Ausgabe kommen - damit für alle genug da ist und niemand von den Spenden abhängig wird.

Zweieinhalb Taschen voll Gemüse, Obst und Brot

Dana sagt, sie komme nur manchmal. Zum Beispiel, wenn ihre Vierzimmer-Wohnung länger als üblich geheizt werden muss. Oder wenn der Große Schulbücher braucht, die ältere Tochter aus Hosen und Pullovern heraus gewachsen ist und die Kleine erkältet ist und Medikamente benötigt. Dann sind Dana und ihr Mann dankbar für zweieinhalb Taschen voller Auberginen, Bohnen, Brokkoli, Salat. Sie freuen sich über Griesbrei und Trinkjoghurt, ein Stück Butter, Rosinenbrötchen, Schwarzbrot, Clementinen und Äpfel. Gemüse, sagt Dana, sei teuer. Und ihr Mann und ihre Kinder gute Esser. „Es geht mir auch nicht nur darum, die Mäuler mit irgendetwas zu stopfen - es soll auch gesund sein, gerade für die Kleinen. Nicht vom Bio-Bauern aber eben auch kein Tiefkühl-Dreck.“

Dana ist hübsch. Groß und schlank, fast drahtig. Sie hat ihre braunen, schulterlangen Haare mit einer Spange aus dem Gesicht gebunden. Ihre dunkelbraunen Augen sind mit Kajal betont, sie trägt lange Ohrhänger, einen gesteppten Daunenmantel zu hautenger Jeans. Um sie herum wabert eine Wolke aus Parfüm. „Die Schuhe habe ich von meiner älteren Schwester, den Mantel trage ich den dritten Winter.“ Sie zieht am rechten Ärmel und zeigt auf kleine Löcher im Stoff.

Dana achtet auf ihr Geld, wie zum Beweis kramt sie aus ihrer Jackentasche ein altes Handy, kein Smartphone, eines mit Tasten und einem kleinen Riss am unteren Bildschirmrand. Urlaub, das ist für sie ein Besuch bei den Schwiegereltern in der Nähe von Stuttgart. „Keine Zigaretten. Kein Auto. Keine teuren Hobbys. Ich hab’ doch Kinder.“ Mit Freunden trifft sie sich zu Hause, nicht in Bars oder Restaurants. Ob sie es sie stört, auf viele Dinge verzichten zu müssen? Sie bläst die Backen auf, pustet aus. „Manchmal schon irgendwie.“ Draußen vor der Halle ruft ein Helfer die Nummer 01854 auf.

Dann schleppt die Helferin die Taschen an den Tisch und hievt sie herüber. Danas Blick fällt auf die schweren Tüten und dann auf die Kleine im Kindersitz. Doch noch ehe sie etwas sagen kann, hilft ihr die Frau von der Tafel. Zusammen tragen sie Kind und Lebensmittel aus der Halle auf den Vorplatz. Dort verstaut Dana alles im Kinderwagen, bedankt sich mehrmals und bahnt sich dann einen Weg durch die Wartenden auf die Straße. Drei Kinder, sagt Dana, das reicht. Mehr will sie nicht. Statt dessen würde sie gern wieder arbeiten, als Frisörin. Das hat sie gelernt. Dann könnten sie und ihr Mann es auch ohne die Tafel schaffen, glaubt sie.

Informationen zu Lisbethtreff und Tafel gibt es im Internet unter www.caritas-frankfurt.de und www.frankfurter-tafel.de.

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