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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Frankfurter Gesellschaft Hellwacher Zeuge eines Jahrhunderts

 ·  Ein Besuch beim ältesten Mitglied der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft: Albert Osterrieth, der am Samstag seinen 100.Geburtstag feiert.

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 Der Stammbaum seiner Familie reicht zurück bis ins Straßburg des 17. Jahrhundert. Geboren wurde er noch im deutschen Kaiserreich. Nach Jugendjahren in der Weimarer Republik erlebte und erlitt er als junger Mann die Hitler-Zeit und den Zweiten Weltkrieg, um dann in der Bundesrepublik an Wiederaufbau und am Wirtschaftswunder mitzuwirken. Am Samstag wird der Großhandelskaufmann Archibald Osterrieth 100 Jahre alt. Er ist das älteste Mitglied der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft, älter als der Club selbst, dem er seit knapp 70 Jahren angehört.

Ein Fest sei am Geburtstag nicht geplant, sagt seine charmante, lebhafte Frau, die selbst 96 Jahre alt ist und zusammen mit Hilfen das Haus versorgt. Inzwischen würden ja viele so alt. Feiern würden sie aber gern im November, wenn ihnen das vergönnt sei, dann hätten sie ihren 70.Hochzeitstag. Kennengelernt haben sich die beiden 1936 bei einem Fest des holländischen Clubs im Frankfurter Hof. Frau Osterrieth, aus einer wohlhabenden holländischen Familie stammend, lernte damals in Pforzheim als Goldschmiedin. Geheiratet wurde aber erst 1942.

Ein buntes Mosaik

Als wir in das unauffällige, mit Stilmöbeln gemütlich eingerichtete Haus in Kronberg treten, sitzt Archibald Osterrieth, natürlich im blauen Anzug mit Krawatte, auf seinem Lieblingsplatz an dem Panoramafenster zu der sonnigen Terrasse und dem weitläufigen Garten. Der große Mann mit dem markanten Kopf steht auf und begrüßt die Gäste. Tee und Erdbeertörtchen werden serviert. Und schon erzählt er. Dass es nämlich am Tag seiner Geburt auch Erdbeertörtchen gegeben habe, weil seine Mutter sie so gern aß. Osterrieth ist hellwach, erinnert sich an Orte, Hausnummern, Begebenheiten. Manchmal artikuliert er ein wenig schwer. Mit dem Hören sei es auch nicht mehr so wie früher, sagt er. Osterrieth breitet das bunte Mosaik eines wechselvollen Lebens aus.

Der Sessel, auf dem der Gast sitzt, habe er 1944 bei einem der schweren Bombenangriffe auf Frankfurt aus dem Fenster des getroffenen Hauses geworfen. Die Osterrieths wohnten damals an der Gutleutstraße. Auf der einen Seite das Haus von Großvater Osterrieth, auf der anderen Seite das Haus von Großvater Müller, einem Bankier. Nach dem Bombenschaden suchte das junge Paar eine Bleibe bei Verwandten in Schönberg. Danach erhielten sie die Genehmigung für den Bau eines Behelfsheims in einer unbebauten Gegend Schönbergs, wie man noch auf einem alten Foto sehen kann. Es ist der Kern des heutigen Hauses, das später zig Mal um- und ausgebaut wurde. „Das war toll“, lacht seine Frau. „Archi war immer beschäftigt.“ Wo heute gepflegter Rasen im Garten ist wurden kurz nach dem Krieg Kartoffeln, Gemüse und vieles andere angebaut.

Es ging wieder aufwärts

Osterrieth entstammt einer Unternehmerfamilie. Der Vater Willy C. Osterrieth wurde 1907 Teilhaber der 1680 gegründeten Eisenwarengroßhandlung J.A.Zickwolff. Sie war nach dem Tod des letzten kinderlosen Namensträgers in den Besitz von Willy Osterrieths Schwager Anton Schmidt-Polex gekommen, einem Finanzmann. 1931 fusionierte die Firma mit der ebenfalls traditionsreichen Eisengroßhandlung Philipp Passavant & Sohn. Im Krieg erlitt das Unternehmen an der Kleyerstraße schwere Schäden. Der junge Archibald wurde nach Schulzeit und einem Volontariat in München in die Firma aufgenommen. Doch schon 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, zur Feldartillerie. Erst ging es nach Russland, dann nach Frankreich. 1942 ereilte den Gefreiten das Schicksal. Er verlor beide Füße und trägt seither Prothesen.

Nach dem Krieg profitierte Passavant&Zickwolff von dem Bedarf an Baumaterial. Es ging wieder aufwärts. Als der Vater 1957 an den Folgen eines Verkehrsunfalls starb, trat der Sohn an seine Stelle. In der Folge wurden mit dem Wandel der Wirtschaft auch in dem Unternehmen Änderungen notwendig. 1968 kam es zu einer Zusammenarbeit im Stahlhandel mit der international tätigen Coutinho-Gruppe. 1976 wurde der Firmensitz nach Karben verlegt. Dort besteht die Passavant &Zickwolff GmbH noch heute als Großhandel mit rund 30 Leuten und 20 Millionen Euro Umsatz. Osterrieth hat freilich schon lange seine Anteile verkauft.

Vage Eriinerungen

Im Mitgliederverzeichnis der Frankfurter Gesellschaft und ihrer Vorgängergesellschaft Casino-Club sind zahlreiche Familienmitglieder verzeichnet. Osterrieths Vater Willy gehört dazu wie auch der Onkel August Philipp, der in der dritten Generation eine der führenden Druckereien in Frankfurt betrieb. Osterrieths Mitgliedschaft begann 1943, als er schwer verwundet heimgekehrt war. Die Frankfurter Gesellschaft war damals bereits von den Nazis umfunktioniert worden zu einem „Haus der Wirtschaft“. Unter Leitung von Gauleiter Jakob Sprenger sollte eine engere Verbindung von Partei und Wirtschaft zur besseren Wirtschaftslenkung erreicht werden. Zahlreiche Firmen wurden zum Beitritt aufgefordert und traten auch bei.

Osterrieths Erinnerungen an diese dunklen Jahre sind vage. Er hatte damals wohl anderes im Sinn: seine Gesundheit, die Probleme der Firma, die Fliegerangriffe. Der zum „Vereinsleiter“ umfunktionierte frühere Clubpräsident, der Bankier Moritz Freiherr von Bethmann, sei einmal in Parteiuniform erschienen, erinnert er sich. Bei Osterrieths Eintritt war der Club praktisch am Ende. Von einem geregelten Vereinsleben konnte in den letzten Monaten 1943 kaum noch gesprochen werden.

Die Stadt mit ihren Fähigkeiten bereichern

Umso lebhafter sind Osterrieths Erinnerungen an die Frankfurter Gesellschaft nach ihrem Wiederentstehen 1949. Er schwärmt von den Vortragsabenden und von Festen. Noch mit über 90 sah man Archibald Osterrieth bei Vorträgen. Sein Sohn Robert, ein erfolgreicher Investmentbanker, inzwischen auch schon über 60, hat die Tradition im Club kurzzeitig fortgesetzt, bis er ins Ausland ging.

Die Osterrieths gehören ähnlich wie die Passavants und andere zu den weitverzweigten Frankfurter Familien, deren Vorfahren aus Nachbarländern nach Frankfurt kamen und die Stadt mit ihren Fähigkeiten bereicherten. Osterrieth kann darüber viel erzählen. Er steht auf und holt eine große Rolle mit dem riesigen Stammbaum der Familie, der über viele Generationen und Ländergrenzen hinweg reicht. Entscheidend ist der Ahnherr Samuel Friedrich Osterrieth, der 1791 von Straßburg nach Frankfurt kam. Osterrieth hat über ihn zum Familientag 1988 in Spa in Belgien eine Broschüre geschrieben. Dieser Ahnherr kam bald zu Wohlstand und Ansehen. Er handelte mit Häuten, Fellen, Rheinweinen und betrieb Wechselgeschäfte und eine Spedition. Er brachte es bis zum Senior (Präsident) der damaligen „Handlungs-Kammer“ und besaß ein ansehnliches Haus an der Zeil neben dem palastartigen „Rothen Haus“, einem bekannten Gasthof. Im Alter von 58 Jahren ist er 1821 gestorben, steht aber bis heute am Anfang der Osterrieths in Frankfurt.

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