http://www.faz.net/-gzg-7mu9q

„Archäologischer Sensationsfund“ : Alter Dom viel älter als gedacht

Aus der Zeit Karls des Großen: Grab unter der Mainzer Kirche St. Johannis Bild: dpa

In Mainz steht die zweitälteste Kirche auf deutschem Boden. Archäologen fanden in St. Johannis Mauerreste aus frühkarolingischer Zeit. Die Rede ist von einem „archäologischen Sensationsfund“.

          Dass die auch Alter Dom genannte, von außen unscheinbare Mainzer Johanniskirche am Leichhof von Passanten gerne übersehen wird, ist nicht neu. Aber dass selbst Experten die auf Erzbischof Hatto I. zurückgehende und gegen Ende des neunten Jahrhunderts - also in politisch unruhigen Zeiten - mit großem Selbstbewusstsein verwirklichte Kathedrale bis dato derart unterschätzen konnten, verwundert schon ein wenig.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.

          Denn vermutlich handelt es sich bei dem Vorgängerbau des heutigen Doms St. Martin, der 1828 der nach Räumen suchenden evangelischen Gemeinde Mainz überlassen worden war, tatsächlich um die zweitälteste, wenn auch nur in Teilen erhaltene Kirche auf deutschem Boden. Lediglich der ins vierte Jahrhundert zu datierende Trierer Dom wäre demnach älter. Allerdings sind die Archäologen, die in der volkstümlich „Aldedum“ genannten Mainzer Kirche eher zufällig Mauerwerk aus frühkarolingischer Zeit, wohl aus dem siebten oder achten Jahrhundert, fanden, mit ihren Grabungen längst noch nicht am Ende. Unter dem nun belegten und womöglich zu Zeiten Karls des Großen geschaffenen Vor-Hatto-Bau könnten sich nach Ansicht der Experten sogar Reste einer frühen christlichen Gemeinde aus der Römerzeit oder eines römischen Tempels befinden. Weshalb es momentan völlig offen ist, wie lange die im Sommer begonnenen und ursprünglich lediglich auf vier Wochen veranschlagten Arbeiten in St. Johannis dauern.

          „Archäologischer Sensationsfund“

          „Wir wollten eigentlich nur renovieren und stoßen auf so einen Schatz. Wir sind sehr stolz“, sagte Dekan Andreas Klodt bei einem ersten Zwischenbericht zu dem „archäologischen Sensationsfund“, dass der älteste Dom der Stadt - und vielleicht ja gar des Landes - heutzutage protestantisch sei. Vor gut vier Jahren hat man damit begonnen, die als Basilika konzipierte Kirche, die im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und 1956 wieder eingeweiht worden war, innen und außen zu sanieren. Was nicht mehr als zwei Millionen Euro kosten sollte.

          Abwärts: Landesarchäologe Ronald Knöchlein gräbt im Fundament der St. Johannis Kirche in Mainz Bilderstrecke
          Abwärts: Landesarchäologe Ronald Knöchlein gräbt im Fundament der St. Johannis Kirche in Mainz :

          Bei dem Versuch, eine Bodenheizung zu installieren, wurden im Sommer 2013 dann erste Funde in dem über Jahrhunderte hinweg mehrfach und insgesamt wohl um bald drei Meter aufgeschütteten Untergrund gemacht: Es waren Reste eines Fußbodens aus der Hatto-Zeit. Daraufhin überließen die Handwerker die inzwischen völlig leergeräumte Kathedrale den von der evangelischen Kirche beauftragten Landesarchäologen und Bodenforschern wie Matthias Untermann vom Institut für Europäische Kunstgeschichte in Heidelberg.

          Neben den mittlerweile freigelegten, bis zu zehn Meter hohen Mauerresten aus frühkarolingischer Zeit waren im Keller auch ein Sarkophag ohne Deckel und eine Grabstätte entdeckt worden, jeweils mit einem Skelett darin. Obwohl die anthropologischen Untersuchungen noch ausstehen, dürfte es sich dabei um die sterblichen Überreste von weltlichen oder klerikalen Würdenträgern handeln; nicht aber um die von Bischöfen, weil diese früher auf einem eigenen Bestattungsplatz beigesetzt wurden. Dennoch sprechen sowohl die Funde als auch die beeindruckende Größe des Hatto-Baus dafür, dass St. Johannis einst die Kathedralkirche des Bistums Mainz war - und diese Bedeutung erst verlor, als sich Erzbischof Willigis vor gut 1000 Jahren entschloss, nur wenige Meter davon entfernt einen noch größeren und imposanten Neubau errichten zu lassen. Wobei die beiden Gotteshäuser, sprich Dom und Alter Dom, bis ins 18. Jahrhundert hinein durch eine „Paradies“ genannte langgestreckte Halle am Leichhof miteinander verbunden waren.

          Stätte des Nationalen Erbes

          Untermann zufolge muss man sich die frühere Johanniskirche als eine zweipolige Kirche mit je einem Altar im Westen und Osten vorstellen. Es habe ein kleines Mittelschiff und ein Querschiff mit Querarmen im Westen gegeben und vermutlich auch eine Krypta. Wie die Kirche nach Abschluss aller Grabungsarbeiten aussehen wird und vor allem, wie die Funde darin dauerhaft integriert werden können, lässt sich derzeit nicht sagen. Während die Gemeinde, die seit Monaten in andere Räume in der Stadt ausweichen muss, lieber rasch nach St. Johannis zurückmöchte, plant die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau nach Angaben der Kirchenbaudirektorin Margrit Schulz nun einen Antrag auf den Weg zu bringen, um den Alten Dom als Stätte des Nationalen Erbes anerkennen zu lassen.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Ich war am Ende nur noch ein Wrack Video-Seite öffnen

          Video-Serie „Frankfurt & ich“ : Ich war am Ende nur noch ein Wrack

          Seit über zehn Jahren ist Thomas Adam trocken und erzählt auf Stadtführungen durch sein ehemaliges „Sauf- und Bettelgebiet“ seine Geschichte von der Straße. FAZ.NET hat Adam für die Video-Serie „Frankfurt & ich“ begleitet.

          Topmeldungen

          Unruhe bei Sozialdemokraten : Was will die SPD?

          Bloß keine Neuwahlen! Und bloß keine Große Koalition! Die SPD trägt ihren inneren Konflikt zur eigenen Zukunft mittlerweile offen aus.Parteichef Schulz steht bereits unter Beschuss. Wie viel Unterstützung hat er noch?
          Bei dem Unfall in der Münchner Innenstadt wurden zwei Personen schwerverletzt, ein Fahrer erlitt leichte Verletzungen.

          Bei Unfall in München : Über 200 Gaffer behindern Rettungskräfte

          Zahlreiche Schaulustige haben bei einem Unfall in der Münchner Innenstadt die Rettungskräfte zum Teil massiv behindert. Erst nach zahlreichen Platzverweisen kommen Polizei und Feuerwehr zu den Verletzten durch. Das könnte Konsequenzen haben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.