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Arbeitswelt Motiviert, hilfsbereit und schwerbehindert

 ·  Schwerbehinderte profitieren kaum vom Aufschwung. Denn viele Unternehmen scheuen sich noch immer, sie einzustellen. Die Vorurteile sind aber unbegründet.

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Als Torsten Brinkmann, Chef des Kelkheimer Unternehmens Main IT, vor ein paar Jahren zum ersten Mal einen Schwerbehinderten einstellte, war er schon zuversichtlich, dass diese Entscheidung gut sein würde. Aber dass es so gut laufen würde, hätte er dann doch nicht gedacht, wie er sagt. Seit 2009 ist Brinkmann geschäftsführender Gesellschafter der Main IT GmbH & Co. KG, die ein Dokumentenmanagementsystem entwickelt hat, das auch Blinde und Sehbehinderte verwenden können sollen. Bis dahin, sagt er, habe er im Arbeitsleben noch nie mit Schwerbehinderten zu tun gehabt. Als er aber 2009 begann, Main IT eigenverantwortlich zu führen, beschloss er, dem Betrieb eine besondere Ausrichtung zu geben: Er wollte gezielt Schwerbehinderte einstellen.

Heute sind von Brinkmanns 20 Mitarbeitern fünf schwerbehindert; zwei von ihnen sind blind. Auf die Frage, wie sie das Arbeitsklima verändert haben, sagt er, das Team profitiere gerade von der Hilfsbedürftigkeit der Schwerbehinderten. „Bei uns verliert keiner das Gesicht, wenn er um Hilfe bitten muss“, sagt der Chef. Das gelte auch für die Nichtbehinderten. Das Ergebnis: Die Gespräche seien offener, der Lerneffekt sei größer.

Vom Land ausgezeichnet

Main IT wurde auf diese Weise zum Vorbild: Im Dezember verlieh Hessens Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) Main IT, dem Wiesbadener Kaufhof und den Kreiswerken Main-Kinzig den Landespreis für beispielhafte Beschäftigung und Integration schwerbehinderter Menschen. Die Unternehmen zeigten, sagte Grüttner, dass soziales Engagement und wirtschaftlicher Erfolg Hand in Hand gingen. Sie sollten deshalb Vorbild für andere Betriebe sein - aus gutem Grund. Denn die Arbeitsmarktstatistiken zeigen vor allem eines: Schwerbehinderte profitierten zwar auch vom jüngsten Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt - aber nicht so stark wie Nichtbehinderte.

So hat die Zahl aller arbeitslosen Schwerbehinderten zwischen Oktober 2008 und Oktober 2012 bundesweit um acht Prozent zugenommen. Dagegen gab es zuletzt insgesamt acht Prozent weniger Arbeitslose als vor vier Jahren. Dabei haben Schwerbehinderte häufiger einen schulischen oder beruflichen Abschluss, im Gegensatz zu Arbeitslosen ohne Behinderungen. Die Agentur für Arbeit schreibt in ihrem jüngsten Bericht deshalb: Möglicherweise gebe es Faktoren, die die Integration Schwerbehinderter in die Arbeitswelt erschwerten.

Stefan Müller schrieb etwa 50 Bewerbungen, ehe er 2010 zur Main IT kam. Der 43 Jahre alte Anforderungsmanager studierte Germanistik und Medienwissenschaften und machte anschließend eine Ausbildung zum wissenschaftlichen Dokumentar. Er ist fast blind, und das - so ist zumindest sein Eindruck - machte ihn in Bewerbungsprozessen oft zum Quoten-Behinderten: Pro forma sei er zwar eingeladen worden, sagt er, doch eigentlich habe schon festgestanden, wer den Job bekommen würde: Er nicht.

Vom Zappelphilipp zum Studenten

Dass Behinderte nicht fremd, sondern Teil des Lebens sind, lernte Torsten Brinkmann schon als Kind. Sein Vater arbeitete beim Frankfurter Jugendamt; oft nahm die Familie Tagespflegekinder auf. So saßen auch Jungen und Mädchen mit Behinderungen oder Lernschwierigkeiten am Mittagstisch und machten mit ihm Hausaufgaben. Ein Junge, der erhebliche Lernschwierigkeiten hatte und nie still sitzen konnte, studiert heute. Brinkmann lernte: Jeder kann das, was er nun einmal kann - und das muss man eben so gut es geht nutzen. Rückhalt zu geben und da zu sein, könne viel bewirken, so empfand es zumindest Brinkmann.

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