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Arbeitsbedingungen an Unis : Wissenschaftler auf Widerruf

Personalkarussell: Im wissenschaftlichen Mittelbau gibt es nur wenige feste Stellen. Bild: Sonntag, Florian

Gewerkschafter kritisieren, dass die Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse an den Hochschulen steige. Zu viele Verträge seien befristet, etliche Teilzeitkräfte arbeiteten de facto Vollzeit.

          Im Moment läuft es beruflich nicht schlecht für Sarah Speck. Die 31 Jahre alte Soziologin widmet sich in einem Drittmittelprojekt an der Technischen Universität Darmstadt der Geschlechterforschung. Das Arbeitsklima ist gut, wie sie sagt, und um das Gehalt - rund 2100 Euro netto im Monat - dürfte sie manch ein Berufsanfänger beneiden. Speck weiß ihre derzeitige Position auch deshalb zu schätzen, weil sie schon weit schlechtere Zeiten erlebt hat. Als sie an der Humboldt-Universität ihre Doktorarbeit schrieb und nebenher als Lehrbeauftragte tätig war, verdiente sie 342 Euro im Semester. „Ich kam gerade so klar, aber auch nur, weil es Berlin war und meine Eltern hin und wieder ausgeholfen haben.“

          Sascha Zoske

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Jetzt könnte sie eigentlich zufrieden sein, aber es gibt etwas, das ihr Sorgen macht. Ihre Stelle an der TU ist auf zwei Jahre befristet; wie es danach weitergeht, weiß sie nicht. Um im Wissenschaftsbetrieb „drinzubleiben“, müsste sie sich habilitieren, sagt Speck. Doch sie fürchtet, danach keine feste Anstellung an einer Uni zu bekommen. Dann hätte sie einen großen Teil ihres Lebens der Wissenschaft gewidmet, nur um sich im fortgeschrittenen Alter beruflich noch einmal neu orientieren zu müssen.

          „Die Personalstruktur in den Hochschulen hat sich verschoben“

          Dass es an den Hochschulen immer mehr befristete Stellen gebe, ist für Gewerkschafter ein Zeichen für die fortschreitende „Prekarisierung“ akademischer Arbeitsverhältnisse. Nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) haben in Deutschland 89 Prozent der Mittelbau-Angehörigen keinen Dauervertrag. „Die Personalstruktur in den Hochschulen hat sich verschoben“, sagt Roman George, Doktorand an der Uni Marburg und in der GEW engagiert. „Wo Leute eingestellt wurden, waren es meist Teilzeitkräfte, Lehrbeauftragte, Lehrkräfte für besondere Aufgaben und wissenschaftliche Hilfskräfte.“

          Vor allem die Zahl der Arbeitsplätze, die durch Drittmittel finanziert werden, hat stark zugenommen, wie die Universitäten bestätigen. Der wachsende Studentenandrang macht es außerdem nötig, die Kapazitäten für die Lehre zu erhöhen. Die Zahl der Lehrbeauftragten an Hessens Hochschulen zum Beispiel ist von 5130 im Jahr 2007 auf 6670 im Jahr 2011 gestiegen, wie das Statistische Landesamt mitteilt. Für viele ist der Lehrauftrag ein Nebenjob, aber es gibt auch Dozenten, die auf das Geld angewiesen sind und mit der Ungewissheit leben müssen, ob ihre Dienste im nächsten Semester noch gebraucht werden.

          Universitäten umgehen Gesetze für befristete Verträge mit „Projekten“

          Besonders schwierig ist die Situation für jene, die im Hörsaal und in der Forschung gefordert sind. Sogenannte Lehrkräfte für besondere Aufgaben etwa müssen nach Georges Worten 16 bis 18 Stunden in der Woche unterrichten. Es sei „weltfremd“ anzunehmen, dass man mit einer so hohen Lehrbelastung effektiv an seiner Karriere arbeiten könne.

          Manchmal sind Doktoranden auch in der Uni-Verwaltung tätig, so wie Maria Schulz (Name geändert). Die Erziehungswissenschaftlerin arbeitet im Dekanat einer hessischen Hochschule und hat schon sechs Jahre auf befristeten Stellen verbracht. Das ist nach dem Wissenschafts-Zeitvertragsgesetz die zulässige Höchstdauer für nichtpromovierte Beschäftigte. Weil ihre Chefs sie behalten wollten, dachte man sich für Schulz ein „Projekt“ aus - eine Tätigkeit, die eigentlich eine Daueraufgabe ist. Doch so konnte die Doktorandin wenigstens nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz weiterbeschäftigt werden. Trotzdem fürchtet Schulz, dass sie ihre Dissertation nicht abschließen kann: „Ich orientiere mich beruflich jetzt außerhalb der Hochschule.“

          Teilzeitbeschäftigung als Normalfall

          In den Geistes- und Sozialwissenschaften ist die Teilzeitbeschäftigung nach Georges Erfahrung der Normalfall. „Faktisch wird aber oft erwartet, dass die Leute Vollzeit arbeiten.“ Von solchen Fällen hat auch Stefan Weisenseel schon gehört. „So etwas ist nicht fair“, sagt der Personaldezernent der Technischen Universität Darmstadt. Wenn er davon erfahre, würden die Verantwortlichen ermahnt. Sonst aber sieht Weisenseel die Lage nicht so düster wie die Gewerkschafter. Die TU schreibe beispielsweise seit langem in Arbeitsverträgen fest, dass auf befristeten, mit Landesgeld finanzierten Stellen ein Drittel der Arbeitszeit zur wissenschaftlichen Qualifikation dienen solle. Andererseits habe das Wissenschaftsministerium den Hochschulen einst vorgegeben, dass nicht mehr als 20Prozent aller Verträge für wissenschaftliche Mitarbeiter unbefristet sein sollten. Das findet Weisenseel im Grundsatz immer noch richtig. Schließlich sollten solche Positionen vor allem als Karriere-Sprungbrett dienen.

          Sarah Speck sieht das anders. „Man müsste entfristete Stellen jenseits der Professur schaffen, nach dem Vorbild der alten Akademischer-Rat-Stelle“, findet die Soziologin. George verweist auf den „Herrschinger Kodex“ der GEW, einen Katalog von Richtlinien, den die Hochschulen anerkennen sollen und in dem es unter anderem heißt, Wissenschaftlern werde „grundsätzlich eine Vollzeitbeschäftigung angeboten“. Von solchen Regeln hält TU-Personaldezernent Weisenseel nichts: „Das würde dem Selbstverständnis der Hochschule nicht gerecht.“

          So wird die Forscherlaufbahn auch künftig nichts für Menschen sein, die berufliche Sicherheit suchen. Wie groß die Fluktuation an den Unis schon jetzt ist, wagt George in eine Zahl zu fassen: „Es gibt Schätzungen, nach denen 90 Prozent der Leute, die im wissenschaftlichen Bereich tätig sind, ihn wieder verlassen.“

          Quelle: F.A.Z.

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