12.01.2012 · Mubarak auf der Krankentrage vor dem Gerichtssaal, ein Beobachter der Arabischen Liga, der auf Al Dschazira gegen die Missachtung seiner Mission durch das syrische Regime protestiert - die Revolution in den arabischen Ländern hat ein Jahr nach ihrem Ausbruch viele ungewöhnliche Bilder hervorgebracht.
Von Florian Balke, FrankfurtVon denen konnten viele Bürger der muslimischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens vor wenigen Monaten nur träumen. Um das, was die Schriftsteller und die Bücher dieser Länder zu den Ereignissen zu sagen haben, geht es bei den "Arabischen Literaturtagen", die am 20. und 21. Januar im Literaturhaus Frankfurt stattfinden (Termine siehe Kasten).
Das Programm mit seinen Gesprächen, Lesungen und Filmvorführungen hat der in Marburg lebende Arabist Stefan Milich zusammengestellt. Milich, der in Göttingen an einem Buch über Traumadarstellungen in der arabischen Literatur schreibt und in Ägypten, Syrien, Jordanien und den palästinensischen Autonomiegebieten gelebt hat, will zeigen, wie unterschiedlich die Menschen vor, während und nach der Revolution gefühlt haben. "Literatur kann helfen, einfache Denkschablonen aufzulösen."
Veranstaltet werden die Literaturtage von der in Frankfurt ansässigen Gesellschaft für die Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Dort kennt man Milich seit 2004. Damals war die arabische Welt Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, und der damals noch in Freiburg studierende Literaturwissenschaftler machte ein Praktikum bei der Gesellschaft. Im Mai vorigen Jahres bat ihn die Geschäftsführerin Anita Djafari, seine vielfältigen Kontakte zu nutzen und die Programmgestaltung der Literaturtage zu übernehmen. Sie fand, die Gesellschaft, die für das Auswärtige Amt seit dreißig Jahren die Übersetzung ausländischer Bücher ins Deutsche fördert, müsse den Umwälzungen in der arabischen Welt ein Forum geben. Seitdem hat Milich Schriftsteller aus verschiedenen Ländern der Region eingeladen, Männer und Frauen mit ganz unterschiedlichen Ästhetiken, die ihr Schreiben an den politischen Ereignissen ausrichten oder die Kunst eher auf Distanz zum Zeitgeschehen und in einer Beobachterrolle sehen.
So müsse es sein, sagt Milich. Die Literaturen der arabischen Länder hätten auf die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit schließlich schon in den Jahrzehnten vor der Arabellion verschiedene Antworten gegeben. Einer Phase der rapiden Politisierung in den sechziger Jahren seien die Besinnung auf den künstlerischen Eigenwert des literarischen Textes und damit auch der Rückzug vom Modell der engagierten Literatur gefolgt. Trotz dieser Abwendung von allzu direkten Aussagen über die zeitgenössische Wirklichkeit habe es die Literatur vermocht, auch weiterhin auf gesellschaftliche Veränderungen hinzuarbeiten. Wie es heute steht mit Wirklichkeitsbezug, Vergangenheitsbewältigung und der rasch wachsenden Revolutionsliteratur, sollen die Literaturtage zeigen.
Nach Frankfurt eingeladen hat Milich daher die tunesische Journalistin, Verlegerin und Menschenrechtsaktivistin Sihem Bensedrine, den ägyptischen Hiphopper Deeb, seine Landsmännin, die Schriftstellerin und Kritikerin Mansura Eseddin, und den aus Bahrein stammenden Dichter Ali al-Jallawi, der sich zurzeit in Weimar aufhält. Es kommen aber auch der in Deutschland lebende irakische Schriftsteller Abbas Khider, der Algerier Boualem Sansal, der im Herbst in Frankfurt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, und der Comiczeichner Magdy El-Shafee aus Kairo, dessen in Ägypten verbotener Graphic Novel "Metro" während der Literaturtage eine Ausstellung mit Originalzeichnungen gewidmet ist. Zu Gast sind darüber hinaus die libanesische Autorin Alawiyya Sobh, der irakische Schriftsteller Najem Wali und Youssef Ziedan, der Leiter der Manuskriptsammlung der Bibliothek von Alexandria. Die deutschsprachigen Schriftsteller Esther Dischereit, Michael Kleeberg und Thomas Lehr stoßen hinzu, ob die syrische Autorin Rosa Yassin Hassan ein Visum erhält und aus ihrer Heimat ausreisen darf, steht noch nicht endgültig fest.
Ihnen allen sollen die Literaturtage die Möglichkeit geben, sich zu begegnen und sich auszutauschen, "als Bürger, als Privatmensch und als Autor", wie Milich es ausdrückt. Die politische Situation sei schließlich auch für sie unüberschaubar und verlange nach einer Neuorientierung. Für die Frankfurter Zuhörer sieht er die Literaturtage nicht nur als Gelegenheit für das Gewinnen eines Überblicks über Werke einzelner Autoren und einige Tendenzen der arabischen Gegenwartsliteratur, sondern mit ihrer dichten Folge von Veranstaltungen, zwischen denen man hin und her wechseln kann, auch als Möglichkeit, tiefer in Themen einzutauchen und auf Texte zu hören. Literatur sei schließlich mehr als nur eine Helferin beim Verstehen von Nachrichtenbildern: Sie enthalte überaus komplexe Abbildungen der Wirklichkeit, ganz im Gegensatz zur politischen Diskussion in den arabischen Gesellschaften, die oft noch immer von vereinfachenden Konzepten bestimmt werde.
Es habe hier und da zwar Umstürze oder friedliche Veränderungen gegeben, die den Bürgern mehr Teilhabe ermöglichten, jetzt aber komme es darauf an, neue Werte einzuführen. "Das ist ein langfristiger Prozess." Ob Ländern wie Ägypten und Tunesien, die sich ihrer Machthaber entledigt haben, nur um Islamisten die Mehrheit in ihren gewählten Parlamenten zu verschaffen, die Zeit für einen solchen Prozess bleibt, wagt er nicht vorherzusagen. Ganz sicher werde es aber auch auf den Literaturtagen um die Rolle der Religion im demokratisch verfassten arabischen Staat gehen. Seine Bürger sollten erleben dürfen, dass es keinen Widerspruch zwischen "Demokratie" und "arabisch" und "Demokratie" und "islamisch" geben müsse. Ein großer Teil der jungen Menschen denke nicht mehr in diesen Gegensätzen. "Sie möchten die klassische Rolle des engagierten Intellektuellen nicht mehr spielen, der außer Unkenrufen nichts Konstruktives hervorgebracht hat." Gerade in diesem Punkt habe die Literatur eine wichtige Funktion: "Wenn sie die Dinge nicht vereinfacht, sondern komplizierter macht".
Die Arabischen Literaturtage finden am 20. und 21. Januar im Literaturhaus Frankfurt statt. Zur Eröffnung im Lesesaal diskutieren am 20. Januar von 16 Uhr an Boualem Sansal, Youssef Ziedan und Alawiyya Sobh über Literatur und Freiheit. Von 20 Uhr an liest Sobh zusammen mit Mansura Eseddin. Der 21. Januar ist in zwei Blöcke aus Werkstattgesprächen und Filmvorführungen geteilt, die um 11 und 15 Uhr beginnen. Im "Salon Schöne Aussicht" spricht Eseddin von 11 Uhr an mit Abbas Khider und Ali al-Jallawi über das Verhältnis von Literatur und Revolution, während Rosa Yassin Hassan, Magdy El-Shafee und Esther Dischereit im Matthias-Beltz-Raum darüber diskutieren, ob arabische Künstler heute freier schreiben als zuvor. Im Lesekabinett ist von 11 Uhr an der französische Dokumentarfilm "Goodbye, Mubarak" zu sehen. Von 15 Uhr an unterhalten sich Boualem Sansal, Sihem Bensedrine und Michael Kleeberg im "Salon Schöne Aussicht" über Kunst und Gesellschaft zwischen Ablehnung und Nachahmung des Westens, während im Beltz-Raum Najem Wali, Alawiyya Sobh und Thomas Lehr über die Rolle der Religion in den nachrevolutionären arabischen Gesellschaften sprechen. Im Lesekabinett wird unterdessen der französische Dokumentarfilm "Syrien undercover: Im Herzen der Revolte" gezeigt. Von 18 Uhr an diskutieren Mansura Eseddin, Rosa Yassin Hassan und Magdy El-Shafee über Geschichte und gegenwärtige Bedeutung arabischer engagierter Literatur, im Anschluss lesen Ali al-Jallawi, Abbas Khider und der ägyptische Hiphopper Deeb, der die Literaturtage danach mit einem Konzert beschließt. An beiden Veranstaltungstagen ist im "Salon Schöne Aussicht" eine Ausstellung zu Magdy El-Shafees Graphic Novel "Metro" zu sehen. Eintrittskarten für einzelne Termine kosten 6 Euro, das Kombiticket, das Eintritt zu sämtlichen Veranstaltungen beider Tage gewährt, ist für 25 Euro erhältlich. Die ersten fünf Anrufer, die sich heute zwischen 15 und 16 Uhr unter der Rufnummer 0 69/75 91 23 24 melden, erhalten je zwei Kombitickets zugesandt. Weitere Informationen zum Programm gibt es im Internet unter www.litprom.de.